Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Deutschlands entwickelt, aber auch die Anzahl der Armen und Bedürftigen hat zugeuouuuen, und die jenem Verein durch die Spenden in den Büchsen zufließenden Beiträge genügen bei Weitem nicht mehr, um diese Wohlthaten in allen Trauerfällen zu erweisen. Der unter der Aufsicht des Vorstandes der jüdischen Gemeinde stehende Verein möchte diese schon durch ihr Alter geheiligte Institution aber mit Recht nicht eingehen lassen, er hat im vorigen Jahre neue, den Zeitverhältnissen entsprechende Satzungen beschlossen und richtet hiermit die Bitte an alle Wohlthäter, diesem Verein als Mitglied beizutreten, damit er in seiner zarten und diskreten Weise weiterwirken und so auch den kommenden Geschlechtern diese segensreiche Institution erhalten kann. Der Vorstand des Vereins, der den Titel führt: „Schomer laboker umischan abelim“, zur Unterstützung armer Leidtragender, besteht aus folgenden Herren: I. Weinberg, Vorsitzender. Max Berg, Rendant. Martin Fernbach, Schriftführer. Rechtsanwalt Ignatz Holz. Max Lichtenstein. Emil Prncus. Gustav Sachs. §/•> Berlin, 25. September. Der in weiteren Kreisen der Berliner Bevölkerung, namentlich durch seine Wirksamkeit in verschiedenen städtischen Ehrenämtern wohlbekannte Verlagsbuchhändler Siegmund Gerstmann, früher Besitzer der Stuhr'schen Buchhandlung, feierte am 22. d. M. in guter Rüstigkeit seinen 70. Geburtstag. Von Berufsgenossen und den Vorständen des Vereins der Schiedsmänner, der 17. und 18. Armenkommission und der Einschätzungskommisston wurden ihm Glückwünsche unter Ueberreichung von Ehrengeschenken dargebracht. --- Berlin, 25. September. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" giebt folgende Biographie des Helden vom Fort Chabrol in Paris: Jules Gu^rin, am 14. September 1860 in Madrid geboren, wurde 1885 Direktor einer Pariser Oeleinfuhrgesellschaft, gründete mit zwei Hamburger Kaufleuten eine Konkurrenzfirma und wurde am 5. Januar 1888 zu 5000 Francs Strafe wegen unlauteren Wettbewerbes und Vertrauensbruch, begangen durch die Auslieferung der Geschäftsbücher, verurtheilt. Als die Gesellschafter einen Fehlbetrag von 200 000 Francs entdeckten und von Guerin Rechenschaft forderten, zeigte sich dieser darüber so beleidigt, daß er ihnen seine Zeugen sandte, sie aufzuspießen drohte und das ganze Viertel gegen sie, die Juden und Prussiens, in Bewegung setzte. Diese schwiegen darauf still und gaben die Sache auf. Guerin fand zwei neue Dumme, machte 1888 Bankerott mit 370 000 Fr. Passiven, und die Gläubiger erhielten 3 pCt. Bereits im November 1888 gründete Guorin eine neue Handelsgesellschaft mit 400 000 Francs Einlagen. Beim Jahresschluß verabredeten die Kommanditäre mit Guörin eine Durchsicht der Bücher auf den 31. Dezember. Allein in der Nacht vorher brach in den Büreaus der Firma Feuer aus, das die Rechnungsbücher zerstörte. Die Polizei verhaftete Guörin wegen Verdachtes der Brandstiftung, ließ ihn aber auf Verwendung zweier Abgeordneten wieder los (!?). Die Versicherungsgesellschaft weigerte sich, eine Entschädigung zu zahlen, und Grrerin zog es vor, nicht zu klagen. Die Firma machte am 26. September 1889 Bankerott ohne einen Centime Aktivum. Zwischendurch hatte er auch noch mit einem gewissen Bernhardt eine Firma gegründet für den Vertrieb rasfinirten Oeles, sie ging schon nach sechs Monaten in die Brüche mit einem Verlust von 150 000 Francs. Da lernte Guerin im August 1892 den Antisemitenhäuptling Marquis de Mores kennen, der ihm einen jungen Mann Names Roblin zuführte. Dieser hatte gerade einen Theil seines Vermögens in die Hände bekommen, und so gründete Guerin mit ihm eine Gesellschaft für den Verkauf von Mineralölen und Alkohol. Auch der Vater Roblins betheiligte sich an dem Geschäft mit 300 000 Francs. Als er aber auf Anstellung eines besonderen Rechnungsführers drang, jagte (Shteiin bald den ersten und noch vier andere Rechnungsführer zum Teufel. Ein gerichtlich bestellter Bevollmächtigter wurde von Guörin bei dem Versuche, an die Bücher zu gehen, halbtodt geprügelt und zur Thür hinausgeworfen. Die schließliche Liquidation des Geschäfts war die Folge. Roblin klagte nun gegen Gu6rin wegen Betruges, Diebstahls und Hinterziehung sozialen Vermögens. Die Staatsanwaltschaft machte dem Kläger aber so viel Schwierigkeiten und Einwände (!?), daß er, der Sache überdrüssig, sie nicht weiter verfolgte. In ähnlicher Weise legte Guerin 1895 einen Kaufmann mit 450 000 Francs hinein. 1896 machte Guerirr zum letzten Male Bankerott. Dann warf er sich auf die Politik als Schildknappe Drumonts. Am Tage der Kammereröffnung im Oktober v. I. schlug er einen Polizeikommissar mit dem Knüppel nieder; auf die Zeugenaussagen seiner Freunde wurde er aber freigesprochen. — Eine nette Karriere! # & Kolberg, 25. September. Am 19. d. M ist hier der Rechtsanwalt Nathan Bennheim nach kurzem Krankenlager im besten Mannesalter gestorben. Der Vorstand und das Kuratorium des jüdischen Kurhospitals widmen ihm folgenden Nachruf: „Wennschon erst seit dem 21. März 1898 als Vorstandsmitglied unserer Verwaltung angehörig, hat derselbe dennoch in dieser kurzen Zeit durch seine treue Mitarbeit an unserem Werke der Armenkrankenpflege durch seinen streng rechtlichen und doch so milden Geist, sein edles, menschenfreundliches Herz, seine opferwillige, liebevolle Hingabe, seine liebenswürdige Freundlichkeit und Leutseligkeit gegen unsere Pfleglinge sich ein unvergängliches Denkmal in unserem Hause gesetzt. Tief erschüttert, trauern wir um denBerlust eines uns theuer und lieb gewordenen Mitarbeiters. Sein Name und Andenken wird unvergeßlich unter uns fortleben und segensreich in unserer Anstalt fortwirken." E. Ph. Crone a. Brahe, 25. September. Mit dem 1. Oktober verläßt der Stadtverordnete und zweite Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr L. Ascher, mit seiner Familie unseren Ort, um seine mechanische Weberei in Bromberg weiter zu betreiben. Das Scheiden dieser hochgeachteten Familie wird hier sehr bedauert, und warme Sympathiekundgebungen wurden Herrn Ascher sowie seinen Angehörigen dieser Tage bereitet. Es verdient erwähnt zu werden, daß bei der Mandatsniederlegung des Herrn Ascher in der Stadtverordneten-Versammlung der Vorsitzende Herrn Ascher seinen Dank aussprach für seine Thätigkeit im Interesse der Stadt und hieran Namens der städtischen Körperschaften die besten Wünsche für Herrn Ascher knüpfte. Nicht minder ist es bemerkenswerth, daß die Chebra Kadischah, der Herr Ascher viele Jahre als Vorstandsmitglied angehörte, in Würdigung dieser seiner Thätigkeit ihn zum Ehrenmitglied ernannte und ein kunstvoll ausgestattetes Diplom überreichen ließ. Ebenso wie Herr Ascher, so war auch seine Gattin überall, wo es sich um die Betheiligung der reinen Nächstenliebe handelte, in vorderster Reihe. Seit 33 Jahren gehört die Dame zum Vorstand des israelitischen Frauenvereins, dessen ideale Bestrebungen in ihr eine unermüdliche Förderin fanden. Seit seiner Begründung gehört Frau Ascher auch zum Vorstand des Vaterländischen Frauenvereins, und ihr Wirken in dieser Eigenschaft hat ihr ein dankbares Gedenken in weiten Kreisen unserer Bevölkerung gesichert. Die Erinnerung an diese ausgezeichnete Familie wird hier so leicht nicht erlöschen. E. S. Breslau, 26; September Am 24. d. M. fand im Festsaale der israelitischen Waisenanstalt, die zu diesem Zwecke Trauerschmuck angelegt hatte, eine Gedenkfeier für die dahingeschiedenen verdienstvollen Mitglieder des Vorstandes, Frau Johanna Alexander, Frau Bertha Schäfer und insbesondere für Herrn M. W. Heimann, statt. Nach einem einleitenden Chorgesange der Zöglinge hielt Herr Rabbiner Dr. Guttmann eine ergreifende und schwungvolle Gedächtnißrede, in welcher er das Lebensbild des Herrn Heimann, dessen Edelmuth das herrliche Heim der Anstalt auf der Gräbschenerstraße erstehen ließ, entrollte. Besonders eindrucksvoll wußte der Redner das Loos des Waisenkindes zu schildern, dessen Wohl der verewigte Gönner wie selten Jemand mit reicher Kraft und liebevollem Interesse unermüdlich förderte. Hierauf hielt der Vorsitzende des Vorstandes, Herr Julius Heymann, eine kurze Ansprache, in der er ehrend der übrigen Wohlthäter des Waisenhauses gedachte. Eine Prämienvertheilung und ein Choral beschlossen die würdige Feier. 8. Holzminden, 24. September. Am 21. d. M. verschied hier nach kurzem Krankenlager im 81. Lebensjahre Herr Wolfs Hünerberg, der 67 Jahre ununterbrochen bei der Firma I. Falkenstein Hierselbst gelebt und für dieselbe in uneigennützigster Weise mehr denn 50 Jahre gearbeitet hatte. Als 14 jähriger Jüngling war er bei der genannten Firma als Lehrling eingetreten und hatte sich während seiner langjährigen Wirksamkeit durch treue Anhänglichkeit, äußerste Rechtschaffenheit und unermüdlichen Fleiß die Liebe und Achtung nicht nur seines Hauses, sondern auch Aller, die ihn kannten und mit ihm im geselligen und geschäftlichen Verkehr standen, zu verschaffen gewußt. In wohlverdienter Anerkennung seiner treu geleisteten Dienste wurde dem nun Heimgegangenen zu seinem 50jährigen Jubiläum seitens unserer Staats-