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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-29 · Heft 39 (29.9.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 betheiligt zu sein, und giebt nur zu, am Ort der That den Aufpasser gespielt zu haben. Erbmann und Wassermann sind angeblich verhaftet. Hilsners Vertheidiger darf nicht mit ihm sprechen, weil der Prozeß wieder in das Stadium der Untersuchung getreten sei. An die von ihm genannten Orte wurden telegraphische Anfragen und Instruktionen gesandt, damit die bezeichneten Personen eventuell verhaftet werden können. Ueber das Geständniß Hilsners melden außerdem noch tschechische Blätter: Während Hilsner früher vollkommen gleichgiltig war, änderte er seit dem Todesurtheil sein ganzes Benehmen. Er hatte schlaflose Nächte und zeigte nervöse Unruhe und wachsende Erregung. Als er das falsche Gerücht vernahm, daß der Galgen für ihn bereits errichtet werde, verlangte er die Vorführung vor den Untersuchungsrichter, wo er weinend und zitternd seine Theilnahme an dem Morde gestand und jene zwei Komplicen sowie deren Aufenthaltsort nannte. Vielfach wird die Richtigkeit des Geständnisses bezweifelt, das in Kuttenberg großes Aufsehen erregt, obwohl angenommen wird, daß Hilsners Angaben vollständig erlogen sind. Er hatte nach seiner Verurtheilung eine gemeinsame Zelle mit einem wegen Todtschlages in Untersuchung befindlichen Schuhmacher, der aber nicht wegen dieses Verbrechens, sondern blos wegen eines Vergehens zu drei Monaten Arrest verurtheilt wurde. Als Hilsner mit diesem vorgestern Abend aus dem Fenster in den Gefängnißhof schaute, wurde gerade eine Telephonleitung installirt. Der Zellengenosse machte Hilsner gegenüber die scherzhafte Bemerkung, es werde der Galgen für ihn errichtet, im Hofe stehe bereits der Scharfrichter. Hierdurch wurde Hilsner derart erschreckt, daß er jenes Geständniß abzulegen sich bereit erklärte. Man nimmt an, Hilsner habe den Versuch gemacht, durch dieses Geständniß wenigstens einen Aufschub der vermeintlich bevorstehenden Hinrichtung zu bewirken. Die österreichische israelitische Union konstatirt authentisch, daß Erbmann sich vom 25. bis 28. März in Neurausnitz in Mähren aufgehalten hat. Der Mord geschah am 29. März. Salomon Wassermann wurde am 24. September in Auscha in Böhmen, wo er bei einem Bau arbeitete, verhaftet. Er wies durch Papiere nach, daß er vom 13. März bis 8. April im Spital in Deutfchbrod gelegen habe, und wurde deshalb heute wieder freigelassen. Amerika. 0. H. New-Aork, im September. Der Monatsbericht der vereinigten Wohlthätigkeitsgesellschaften für Juli konstatirt 1623 Unterstützungsbewerber, welche mit ihren Familien 5410 Personen ausmachten. Der Aufwand für dieselben betrug 11085 Dollars, denen eine Einnahme von nur 8640 Dollars gegenübersieht. — Oberstleutnant Hein, Kommandant der Militärakademie in Westpoint, stellt in einem an den Herausgeber des „American Jsraelite" gerichteten Schreiben entschieden in Abrede, daß dem Kadetten Albert, von dessen Austritt ich ihnen geschrieben habe, der Aufenthalt in der Anstalt durch antisemitische Hänseleien verleidet wurde. Zwei andere jüdische Kadetten bestätigen, daß ihnen selbst von antisemitischen Neckereien nichts bekannt geworden sei, und daß Albert und mit ihm ein christlicher Kadett aus rein persönlichen Gründen ausgetreten sei. Dasselbe bestätigt der Unterstaatssekretär im Kriegsdepartement in einem an Herrn Simon Wolf in Washington gerichteten Briefe. Herr Wolf hat auch den Triumph zu verzeichnen, daß auf seine Vorstellungen hin der Einwanderungskommissär die Verfügung des Kommissärs im Hafen von New-Iork, die russischen Juden als Hebrews zu verzeichnen, aufgehoben hat. Von Nah und Fern. Herr Ahlwardt hat sein „Deutsches Schwert" wieder in die Scheide gesteckt. Die Zeitschrift erscheint in diesem Quartal nicht mehr. — Die Berliner Stadtverordneten-Versammlung hat den Rentier Julius Cohn zum Bürgerdeputirten bei der Friedrich Wilhelmsanstalt gewählt. — Dem Architekten Alfred Lesser aus Berlin, der seinerzeit mit der Bauleitung der architektonischen Ausschmückung des Thronsaales im Palazzo Caffarelli zu Rom beauftragt war, wurde im Aufträge des Kaisers eine goldene Busennadel in Form des deutschen Reichsadlers mit Brillanten besetzt als Anerkennung seiner Leistungen übermittelt. — Die Stadtverordneten-Versammlung in Charlottenburg hat den Privatdozenten Dr. Jastrow zum unbesoldeten Stadtrath gewählt. — Infolge fortwährender Zwistigkeiten mit dem Vorstand hat der erste Kantor und Lehrer der Gemeinde Myslowitz, Herr Spandau, seine Stellung gekündigt und verläßt diese am 1. Januar. — Der Magistrat zu Deutsch-Krone hat nicht den Lehrer Bernstein in Lobsens, sondern den Lehrer Schreiber in Jastrow zum Lehrer an der dortigen jüdischen Kommunalschule gewählt. — In Forst i. L. feierte am 17. d. M. das Ehepaar Pulvermann seine silberne Hochzeit. Die Feier derselben brachte dem Jubelpaar zahlreiche Ehrungen und Geschenke von Nah und Fern, welche Zeugniß gaben von den Sympathien, die Prediger Pulvermann sich in früheren und seinem jetzigen Wirkungskreise erworben. Mögen dem Paare noch viele glückliche Jahre im Kreise seiner Familie beschieden sein. — Zum Rabbiner - in Mülhausen i. E. ist Rabbiner Felix Blum, bisher in Pfalzburg, gewählt worden. — Für das Qberrabbinat in Straß bürg ist Oberrabbiner Ury in Metz in Aussicht genommen. — Nachfolgenden Personen wurde das baierische Ehrenzeichen für fünsundzwanzigjährige treu und eifrig geleistete Feuerwehrdienste vom Prinzregenten verliehen: Julius Strauß in Altenstedt, Leo Guggenheimer, Simon .Tannhäuser, Josef Wassermann in Hürben, Samuel Roßkamm in Jchenhausen. — In München haben sich die Antisemitenführer L. Wenng und seine Freunde so weit erniedrigt, an Ed. Drumont eine lange Huldigungszuschrift zu senden. Daß Drumont über Kaiser Wilhelm und die Deutschen sich unqualifizirbar geäußert, läßt das Vorgehen der Wenng'schen Antisemiten doppelt seltsam erscheinen. — Der königlich baierischeKommerzienrath Dessauer zu Aschaffenburg hat den Kronenorden IV. Klasse erhalten. — Am 1. September starb in Baden bei Wien der Wiener Architekt und Stadtbaumeister Adolf Goldenberg, ein Sohn des im Vorjahre verstorbenen bekannten Tarnopoler Gelehrten Bensch Goldenberg. — In Ungarn wurden vor dem Neujahrsfeste sechs neue Tempel eingeweiht, und zwar in Iglo, Barestelep, Szolnok, PoprLv, Temesvür und in Hermannstadt (Siebenbürgen). — Zu der Jubelfeier des jüdischen Kindergartens in Rom erschien auch der Kultusminister Bacelli und überreichte der ersten Lehrerin die vom König verliehene Verdienstmedaille nebst einem für die Anstalt bestimmten namhaften Geldgeschenk. — Zu Rittern der Ehrenlegion sind die Hauptleute Emil Charles Klein vom Generalstab und Gaston Pierre Jean Blin vom 66. Infanterieregiment ernannt worden. — Israel Zangwill ist von dem bekannten Major Pond eingeladen worden, die Reihe von Vorlesungen, welche er in amerikanischen Städten gehalten, auf englischem Boden zu wiederholen.— In Liverpool ist Louis S. Cohen von der konservativen Partei als Kandidat für den Posten des Lord Mayor aufgestellt worden. — Auf Befehl des russischen Handelsministers wurde eine Kommission ernannt, um die Rolle der Juden im Handel in der Wolga-Gegend zu prüfen. Diese Kommission hat soeben ihre Arbeiten beendet. Sie erklärt, daß die Zunahme der Juden in den erwähnten Gegenden nur vortheilhaft für das Gedeihen des Handels an der Wolga sein kann. — Kürzlich verweigerte der Gouverneur den Juden von Balta die Erlaubniß, einen Unterstützungsverein für ihre hilfsbedürftigen Glaubensgenossen zu bilden, unter dem Borwand, daß diese Institution nur im Interesse der Juden liege. Die Sache kam vor den Senat; dieser beschloß in einem für die Juden günstigen Sinn und ermächtigte fie, auf konfessionellem Boden diesen Wohlthätigkeitsverein zu gründen. — Für die jüdischen Einwanderer, welche während der Feiertage im Hafen von New-Aork eintrafen, waren Vorkehrungen getroffen worden, damit sie nicht genöthigt sind, ihre Reise an den Feiertagen fortzusetzen. — Die jüdische Gemeinde in Mogador beabsichtigt demnächst ein Spital mit moderner Einrichtung zu erbauen. Von den nöthigen Mitteln können hier freilich nur einzelne Bruchtheile aufgebracht werden, und man hofft, daß die reichen Glaubensgenossen in West-Europa die nöthigen Gelder beisteuern werden. — Der berühmte Bildhauer Moses Ezekiel hat die Büste des großen Rev. Dr. Jsaae M. Wise in Cincinnati vollendet, welche dessen Schüler demRebrow Union College geschenkt haben. Moses Ezekiel war eigens, um diese Büste zu arbeiten, von Rom, wo er sich gewöhnlich aufhält, nach Amerika gekommen und kehrt nach Vollendung seines Auftrages wieder zurück. — In North Wales ist der frühere Richter Hamburger im 62. Lebensjahre gestorben. Er wurde 1837 zu Philadelphia geboren, diente in der Armee während des Bürgerkrieges als Leutnant und avancirte zum Generaladjutanten der ersten Brigade des Kavalleriekorps. Später betheiligte er sich vielfach an jüdischen Gemeindeangelegenheiten. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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