Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 468 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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25f3W75-v,l/'ff ■? 468 dastehenden grandiosen Wohlthütigkeit entfaltete, die ihren Namen in beiden Welttheilen populär machte. So suchte und fand sie darin theilweise Trost für den unersetzlichen, herbe» Verlust, den sie erlitte». 31. März 1899. Ecke der Offiziers- und großen Meisterstratze in St. Petersburg. Die großartige Halle der Synagoge ist, wiewohl es erst drei Uhr Nachmittags an einem herrlichen, sonnigen Frühlingstage ist. a giorno durch zahllose elektrische Girandolen erleuchtet. Nichtsdestoweniger bietet das grandiose Gebäude einen düsteren, traurigen Anblick dar. Die Kanzel und alles Uebrige ist mit schwarzem Stoffe bedeckt, in den ebenfalls die gigantischen Kandelaber wie die auf dem Altar brennenden Leuchter gehüllt sind; die eleganten Kolonnen, die die Galerien stützen, sind desgleichen mit Trauerflor umwunden. Und diese Symbole der Trauer und des Todes harmoniren so sonderbar mit dem schneeweißen Fond der Synagoge, mit den farbigen Fenstern der großartigen Kuppel, durch welche die goldenen Sonnenstrahlen dringen. Die heilige Stätte bietet einen ganz außergewöhnlichen Anblick eines jüdischen Gotteshauses dar. Die Galerien, wo gewöhnlich die Frauen sich befinden, sind ganz leer, dagegen ist die rechte Seite des Inneren der Synagoge mit den Vertreterinnen des schönen Geschlechtes besetzt, die größtentheils in Trauerkleidern erschienen sind. Auf der linken Seite befinden sich die Männer. Näher zur Kanzel, auf der rechten Seite, haben die Knaben Platz gefunden und links die Mädchen, Zöglinge des Waisenhauses und der Handwerkerschule. Nach dem Eingangsgebet beginnt der Kantor mit dem Vortrage des Gebetes für das Seelenheil, und man vernimmt die Worte: „Adonai! ma odom watedoehu“, und der vorzügliche Chor wiederholt: „Herr! was ist der Mensch, daß Du seiner Dich annimmst?" Dieses wundervolle Gebet, von dem Kantor und Chor vorzüglich ausgeführt, bringt einen tiefen Eindruck auf die zahlreichen Zuhörer hervor und erinnert Jeden an die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens. „Der Mensch ist dem Hauch gleich, seine Tage wie der Schatten, der vorüberzieht! Am Morgen ist er erschienen und begann sein Tagewerk, und des Abends ist er zusammengesunken und gefallen." In einer kurzen, aber sehr eindringlichen Rede schilderte der Rabbiner das Leben der Verklärten, die alle ihre Kräfte und Mittel einer großartigen, beispiellosen Wohlthütigkeit gewidmet hat. worauf Chor und Kantor in wundervoller Weise die Schlußkantate zum Vortrage brachten. Die Dame, die ich vor neun Jahren in Ostende gesehen habe, und die Heimgegangene, deren Gedächtniß zu ehren die besten Vertreter der jüdische» Gemeinde in Petersburg Herbeigeeiltwaren, war Frau Baronin Clara von Hirsch-Gereuth. Ich hatte das Vergnügen, ihr im Jahre 1889 in dem berühmten belgischen Kurorte durch den Rechtsanwalt Beth-Hillel aus Wilna vorgesteüt zu werden, der vor einigen Jahren in der Blüthe des Alters verschieden ist. Das war kjn Idealist und ein echt jüdischer Mann, dem die Jntereffen seiner Glaubensgenoffen am Herzen lagen, und der sie bei jeder Gelegenheit mit Eifer vertrat. Als am Ende der achtziger Jahre der verewigte Baron Hirsch seinen Plan der Kolonisirung Argentiniens durch russische Juden zu verwirkliche» begann, da war es der Rechtsanwalt Beth-Hillel, der als der energischste Gegner dieser Idee hervortrat. Er ging deshalb nach Karlsbad (wo sich damals Baron Hirsch befand), um den Philanthropen zu bestimmen, sich von der Idee loszusagen, das spanisch-katholische Territorium mit Juden zu kolonisiren und eine neue Stätte des Antisemitisinus zu schaffen. Auf der Rückreise von Karlsbad fuhr er nach Ostende, wo er mich der Baronin Hirsch vorstellte, an die er Empfehlungsbriefe hatte. Ich erfüllte sogar einigermaßen die Pflichten eines Dolmetschers, da der talentvolle Advokat, der der russischen Sprache ungemein mächtig war, deutsch dagegen sehr schlecht, französisch aber gar nicht sprach, so daß er manchmal gezwungen war, zu meiner Hilfe seine Zuflucht zu nehmen. Die Baronin sprach ein sehr schönes Deutsch, mit einem baierischen Accent, der ihren Worten einen ganz besonderen Reiz ''verlieh. Sie hörte sehr aufmerksam die feurige Rede Beth-Hillels gegen die.Idee der Kolonisation Argentiniens an, und mit ihren wundervollen tiefen Augen blickte sie in die unschönen, aber merk- ' würdig ausdrucksvollen .Gesichtszüge des Advokaten, der in seinem kuriosen halbdeutschen Jargon, mit vielen russische» und jüdischen Worten vermengt, sich bestrebte, die Baronin zu überzeugen, daß sie ihren Mann beeinfluffen müffe, die bestimmten Millionen zur Kolonisirung der Juden an der Ostgrenze Rußlands zu verwenden, statt sie nach dem weiten Argentinien zu schicken und sie den entarteten Nachkommen der entarteten Spanier als Opfer zu bringen. Lange, feurig und mit Ueberzeugung sprach der arme Beth-Hillel und erzielte, daß seine Worte, wie sichtbar zu bemerken war, einigen Eindruck auf die Baronin Hirsch hervorbrachten; aber unglücklicherweise kam gerade ein intelligenter Jude hinzu, ein Kaufmann aus Köln, der lange Zeit in Buenos-Ayres und in anderen argentinischen Städten wohnte und eine vollkommene Idylle des dortigen Lebens zeichnete. Und so saßen wir alle Drei zusammen auf der Estacade in Ostende. Auf der Brücke war fast Niemand mehr, da das Publikum zum Konzert ins Kasino eilte. Und der redebegabte Beth-Hillel schenkte seine Aufmerksamkeit weder der wundervollen Oberfläche der Nordsee noch dem prachtvollen Meere mit den ruhigen, gleichmäßigen Wellen, durch die die Oberfläche wie mit einem Silberglanze überzogen schien, noch der uns umgebenden Pracht und dem Lärm; er setzte seine feurige Rede gegen die Kolonisation Argentiniens fort und bestrebte sich nur, der Baronin die Ueberzeugung beizubringen, daß es nothwendig sei, bei der russischen Regierung sich zu verwenden, den jüdischen Kolonisten Land anzuweisen, gleichviel ob in Sibirien oder Mittelasien, wo sie nützliche russische Bürger werden könnten. Und die Baronin hörte aufmerksam zu und versprach, alles, was ihr nur möglich sei, zu thun. Mild und freundlich sah sie auf den ° feurigen Redner und ihr schönes Gesicht verklärte ein bezauberndes Lächeln, welches dieser 57 jährigen Frau das Aussehen der Jugend und der Frische wiedergab. Es erzählten mir Personen, die die Baronin Clara Hirsch noch im vorigen Jahre sahen, daß sie auch noch im 65. Lebensjahre nicht nur jene geistige Frische, sondern auch die physische Elastizität sich bewahrt hatte, und nur die tückische Krankheit allein im Stande war, diesen schönen Organismus völlig zu vernichten. Sprechsaal. fie Unterzeichneten haben die Absicht, zur Erinnerung an David Kaufmann bei der ersten Wiederkehr feines Sterbetages ein Gedenkbuch herauszugeben. Aus dem großen Kreise seiner gelehrten Freunde sind bereits zahlreiche wissenschaftliche Beiträge dazu in Aussicht gestellt. Ein Lebensbild des Heimgegangenen soll das Buch eröffnen. Zur vollen Würdigung seines Entwickelungsganges und seiner Wirksamkeit bedarf es einer eingehenden Kenntnißnahme von seinen hinterlassenen handschriftlichen Aeußerungen. Wir richten darum an seine Freunde und Verehrer, die mit ihm in Briefwechsel gestanden haben, die höfliche Bitte, uns diejenigen Briefe, die für das Charakterbild und die wissenschaftliche Bedeutung des theueren Entschlafenen von Werth sind, zur Benutzung zu überlassen. Man wolle die Briefe gefälligst dem mitunterzeichneten Herausgeber der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judenthums" einsenden. Für die unversehrte Aufbewahrung und Zurückerstattung werden wir Sorge tragen. Breslau, 3. August. Dr. M. Branm Rabbiner Dr. F. Rosenthal. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.