Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 467 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228351--55819-3292060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
467 „Nicht doch," antwortete der Hapun; „so schlau scheinst Du zu sein, und kannst keinen Gewöhnlichen vom Ungewöhnlichen unterscheiden?" „Eh," sagte Harko, „da irrst Du, ich durchschaue Dich bis auf daS Spick der Knochen, und weil ich frage, na, das thue ich nur so auf alle Fälle!" „Also wissen willst Du, wie der Müller ist? Eh!" „So Einer, nicht groß, nicht klein, so von den Mittleren." „Eh! das meine ich nicht." „Na, was könnte ich Dir dann noch von ihm sagen. Vielleicht interessirt es Dich, wo er ein Mal hat?" „Eh, ich sehe, Du liebst zu quasieln, und ich habe dazu keine Zeit, sage geradezu, ist der Müller gut oder schlecht?" Wieder haucht Harko eine dicke Rauchwolke hinaus und sagt: „Ei doch, was Du es eilig hast, möchtest essen, ohn<zu kauen!" Der Teufel schaut ihn groß an, und dem Müller da unten springt das Herz vor Wonne wegen dieser Zungenschlauheit des Soldaten, die er ihm oft übel genommen, und die ihm, dem Müller, nun doch so zu Statten kommt. „Dil liebst zu essen, ohne zu kauen," sagt streng nochmals der Harko. „Für mich ist ein Jeder gut, habe aus vielen Ofen Brod gegessen, und woran Mancher ersticken würde, das schlucke ich glatt herunter. Denkst wohl, auf einen Narren gestoßen zu sein?" Und der Müller denkt erfreut: „So, so traktire nur weiter den Teufel. Ich bin nicht ich, wenn er in einer halben Stunde den Teufel nicht dumni macht wie ein Schaf!" Und in der That, der Teufel kratzt sich so stark hinterm Ohr, daß ihm beinahe das kleine Judenkäppcheu vom Kopfe fällt. Er sagt zu Harko: „Ich sehe, wir fahren und fahren und kommen nicht um die Ecke herum mit Dir." Worauf Harko erwiedert: „Ob Du es kannst, weiß ich nicht, ich aber, ich finde mich heraus aus jeder Ecke." „So antworte mir doch, ist der Müller gut, oder ist er schlecht?" wiederholt der Teufel seine Frage. „Laß mich Dich doch fragen," sagte Harko. „Ist das Wasser gut oder nicht?" „Das Wasser? Warum sollte es nicht gut sein?" „Na, wenn man aber Kwas hat (russisches Getränk), dann läßt inan das Wasser stehen, es ist darum schlecht." „Na, vielleicht ist es schlecht." „Und wenn man Schnaps trinkt, achtet man nicht mehr aufs Bier." „So ist es." „Na also, das ist's ja!" Dem Teufel wurde ganz ängstlich zu Muthe, er bewegte seinen Schwanz an der Erde, daß der Staub nur so flog. Und Harko wollte eben schnippisch abziehen. Da fiel es dem Teufel ein, womit er den Bauer Herumkriegen könnte, und er sagte: „Geht also Eures Weges, ich warte hier, vielleicht kommt der Soldat Harito Tregubow." Der Soldat horchte und fragte: „Was willst Du denn von ihm?" „Man sagt, er sei ein sehr kluger Mann; er kann mir wohl auf meine Frage antworten. Ich dachte, Ihr seid es, aber ich habe mich doch getäuscht, denn man kommt mit Euch nicht zum Ziel, Ihr geht herum wie die Katze um den heißen Brei!" Darauf stellt Harko wieder die Stiefel, die er bereits auf den Stock gesteckt hatte, auf die Erde und sagt: „Na, da frage mich doch noch weiter." „Eh, was da noch viel herumfragen!" „Na, versuche doch noch!" „Nun also, sagt mir, wer war besser, Jaukel der Jude oder der Müller?" „Na, so mußtest Tn gleich fragen, denn ich habe solche Menschen gern, die geradeaus sind und nicht erst um den Brei herum gehen. Und nun will ich Dir der Reihe nach die Fragen beantworten: Der Jude hatte eine Schenke, der Müller hat deren zwei." Der Müller vernahm mit Entsetzen, daß Harko nun auch gegen ihn aussagte. „Beim Jaukel trug ich Latschen, jetzt beim Müller habe ich schon neue Stiefel." „Und von wo habt Ihr die genommen?" „Ja. von wo? In unserem Geschäft geht cs so wie mit den zwei Eimern im Brunnen. Der eine füllt sich, der andere tvird leer. Der Eine geht nach oben, der andere »ach unten. Früher hatte ich Latschen, jetzt trage ich Stiefel. Zum Schlauen kommt der Eimer voll herauf und geht leer wieder hinab. Apanas der Bauer ist ein Narr. Früher hatte er die Stiefel, und jetzt geht er barfuß, und ich habe nun seine Stiefel. Verstanden?" (Schluß folgt.) QjrtfjjAiS) Ostende — Petersburg 1890—1899. Blätter aus meinem Tagebuch. Von R. Jijisch.') Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura fraogu. Sitli, 29. 1890. Ein prachtvoller Quai in Ostende, umgeben einerseits von einer unendlichen Reihe villenartiger Paläste und palastartiger Villen verschiedenartiger Architektur, manchmal sonderbaren Stiles, und andererseits der glänzende, gigantische Spiegel der Nordsee, auf deren blauer Oberfläche der helle, iveite Himmelsdom sich widerspiegelt. Die Sonne scheint und beleuchtet mit ihren goldenen Strahlen die farbenreiche internationale Gesellschaft, die langsam auf dem herrlichen, aus verschiedenfarbigen Steinen zusammengesetzten Mosaikpflaster dahinwandelt. Auf der langen Brücke, die ins Meer reicht, sind sehr wenig Spaziergänger, da das Konzert im Kasino bereits begonnen hat. Auf einer der vielen Bänke sitzt eine einsame Dame, in tiefe Trauer gehüllt, in ein einfaches, aber sehr nettes Kostüm gekleidet. Nach dem Aussehen zu urtheilen, ist es eine junge Frau, von graziöser, eleganter Gestalt, mit einer jugendlichen Elastizität in ihren Bewegungen und mit jugendlichem Feuer in dm wundervollen, großen dunklen Augen, so tief und unergründlich wie das Meer, auf welches sie unbeweglich gerichtet sind. Von mittlerer Statur, zierlich gebaut, mit schönen, regelmäßigen Gesichtszügen, umrahmt von herrlichen dunklen Haaren, in denen kein einziger Silberfaden des Alters zu bemerken ist, hat diese einsame Frau etwas Bezauberndes und zu gleicher Zeit etwas Erhabenes. Wenn man aber dieses schöne Gesicht recht aufmerksam betrachtet, das von wundervollen Augen erhellt ist, aus denen ein ungewöhnlicher Geist spricht und eine unendliche Güte sich offenbart, so überzeugt man sich unwillkürlich, daß über dem Haupte dieser Frau viele Jahre vergangen sind, daß sie viel Kummer durchgemacht und ertragen, der unauslöschliche Spuren auf diesem strengen, regelmäßigen Gesicht zurückgelasseu hat, welches wie aus Marmor gemeißelt scheint. Ja, diese Frau hat. obwohl Fortuna sie mit den reichsten Gaben überschüttet hat, trotzdem ihr Lebenspfad mit Blumen bestreut war, eine schwere, schreckliche Prüfung erlitten. Sie, die zärtlich liebende Mutter, verlor ihren einzigen Sohn, und wiewohl seit jenem gräßlichen Moment mehr als drei Jahre im Strome der Zeit dahingeflossen sind, ist die ihr vom unerbittlichen Schicksal geschlagene schwere Wunde nicht vernarbt, obwohl sie die Liebe zu ihrem einzigen Sohne auf alle ihre unglückliche Glaubensgenossen übertrug und in ihrer ohne Beispiel *) Aus dem Russischen von L. A. Trachtenberg in Odessa.