Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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... 466 Städte konnten durch ihre Bekanntschaft mit Inden anders über sie nrtheilen als Kleinstädter oder Dörfler, Wiener anders als Berliner u. s. w. Hätte der Verfasser diese beiden Momente berücksichtigt, so würde seine Eintheilung logischer und klarer geworden sein. Auch so indessen erhält man eine lehrreiche Uebersicht. Es werden die edlen, gebildeten, wohlthätigen guten Juden vorgeführt, welche Bösewichter entlarven, Fürsten die gegen sie geplanten Verschwörungen, entdeckten (merkwürdigerweise läßt sich hier der Verfasser den naheliegenden Hinweis auf den Mordechai-Typus entgehen), andererseits auch die Wucherer, die bezahlten und unbezahlten Vermittler, die furchtsamen, geschwätzigen, sich ihrer Religion schämenden und sie verleugnenden; auch diejenige», die des Ritualmordes und der Brunnenvergiftnng beschuldigt werde», oder solche, die als Opfer der Gewinn- und Mordlust ihrer Gegner sterben. Kulturhistorisch sehr interessant ist, daß wohl gelegentlich ein aufgeklärter Jude geschildert wird (Nachwirkung Nathans), daß aber niemals der dramatisch so wirksame Gegensatz zwischen dein aufgeklärten und dem strenggläubigen Juden zum Gegenstand der Dichtung genommen wird. Freilich hätte dies wohl nur von einem deutschen Dichter jüdischen Glaubens geschehen können, der e»va selbst unter diesem Konflikt litt. Deren gab es aber im 18. Jahrhundert nicht. Die Untersuchung ist verständnißvoll geführt und, obgleich sie von einem Ausländer herrührt, gut geschrieben. Das größte Lob, das man ihr spenden kann, ist vieüeicht das, daß man nicht merkt, ob ihr Verfasser ein Jude ist. EUILLETON mßl Iom Kipur. Lin kleinrussisches Märchen. Frei nach Wladimir Äorolenko. Von Marya Rosenberg. V. äankel holte inzwischen für den Teufel ein paar sehr abgebrauchte Beinkleider zum Ueberziehen hervor. Indessen kam ein Bauern- _ wagen, und daraus erschallte von trunkenem Munde ein Lied. Es war der Bauer Apanas Nieskoryp ohne Rock und Mütze, die er verjubelte in Müllers beiden Schenken. Er war ein guter Bauer, aber der Müller lockte in die eine, Harko in die andere Schenke. Und so kam er stets mit leeren Taschen und betrunken zu der ihn erwartenden fleißigen Frau. DerTeufel versperrte ihm den Weg und fragte ihn nach dem Müller und dem Schnaps aus. Aus dem Gespräch ersah er deutlich genug, daß der Müller ein Spitzbube und dessen Schnaps gefälscht war. So lautete auch das Lied des Betrunkenen. Auf die Frage des Teufels, was er denn sagen würde, wenn der Teufel den Müller holte, wie einst Jankel, antwortete der Apanas, daß er sich gar nicht darum kümmern würde, denn sicher holte ihn einmal der Teufel. Bald fuhr der Bauer weiter, und auch sein Lied war bald verstummt in der Ferne. Kaum war der Bauer fort, vernahm der Teufel ein neues Geräusch, wie von weiblichen Stimmen. Es nahten einige Dorfschönen. Der Teufel entriß dem Bündel mit Gewalt die schönsten Kleider, und bald glich er einem Kavalier. Nur der Schwanz verrieth ihn, und die Locken auf den Backen gaben ihm ein semitisches Aussehen. Bald begrüßte er. sich zierend, die nahe herangekommenen Mädchen, von denen eines dreister war und auf das Gespräch einging. Der Teufel wurde beguckt, begafft, und es wurde ihm ganz schwül von den vielen Mädchenaugen, daß er sich bückte und drückte, damit man ihn nicht bald erkenne. Die Mädchen aber, die ihn, den Kavalier, recht sonderbar fanden, machten sich über ihn lustig. Dies gefiel dem Müller, der das alles von seinem Versteck aus mit angesehen und angehört hatte. Im Stillen betete er, daß die Mädchen den Teufel, vor dem er schreckliche Angst bekam, weggraulen möchten. Eine ältere Wittwe, die auch dabei war, tadelte das Benehmen der jungen Mädchen und fragte den sonderbaren Kavalier, wen er wohl hier im Dorfe suche. Der Teufel gestand es, er suche den Müller, mit dem er Abrechnung machen wolle. Auf die Frage der Wittive, wie lange er wohl den Müller nicht gesehen hätte, erwiederte dieser, daß es schon ziemlich lange her sei. „Nun, da würdet Ihr ihn nicht mehr erkennen, denn jetzt ist er sehr eingebildet und trägt den Kopf sehr hoch," sagte sie. Alle Mädchen bestätigten laut diese Allssagen und fügten noch hinzu, daß, seit der Müller Geld auf Wncherzinsen verborgte und zwei Schenken eröffnete, sei er so reich und stolz geworden. Alich der Harko hilft ihm redlich, die Männer und Väter zu Saufbolden zu machen. Nun folgten Klagen auf Klagen. Der Müller kratzte sich verzweifelt den Kopf. Zuletzt, schon ungefragt, erzählten die Mädchen von der Schurkerei des Müllers gegen die Hela, die Wittwentochter, mit allen erdenklichen Details. Der Teufel fragte, ob auch Jankel so schlecht war, und was sie alle für den Müller übrig hätten, falls auch ihn der Teufel holen sollte. Das Erste verneinten sie und sagten, er möge ihn nur holen, sie hätten keinen besseren Wunsch für ihn, der viel schlinnner sei als der Jude, der wenigstens die Mädels in Ruhe ließ. Nun er genug wußte, verabschiedete sich der Teufel höflichst und stimmte vor Freude sein höllisches Gelächter an. Die Mädels zerstoben vor diesem Lachen; den Müller überkam ein Schauder, und er blickte rathlos umher, mit dem Gedanken ans Entkommen beschäftigt. Doch leichter wurde ihm zu Muthe, als er sah, daß Jemand sich der Mühle näherte. Es war Harko. „So, nun beiße mal den an, dachte er, ich denke, an dem verlierst Du Deine Zähne. Das ist mein Mann." Der Lohnbursche war barfuß, aber gut gekleidet und trug ein Paar ganz neuer Stiefel auf seinem Stock. Dieselben, welche er Apanas fortgenommen hatte. Da dachte der Müller, der macht die Sache rasch. Auch die Stiefel hat er ihm schon fortgenommen. „Thut aber nichts, das ist mein Mairn, der wird mich retten vor dem Bösen." Als Harko auf dem Zaun den Teufel erblickte, hielt er ihn zuerst für einen Dieb und warnte diesen, nicht mit ihm anzufangen. Auf diese Drohung kam der Teufel näher, um den Harko zu überzeugen, daß er es nicht auf seine Stiefel abgesehen hatte, da er selber sehr gute anhatte, sondern daß er an ihn einige Fragen richten möchte. „Willst Du mir etwa Räthsel aufgeben, und woher weißt Du denn, daß ich diese lösen kann?" fragte Harko. „Na," erwiederte der Teufel, „ich hörte es von den Leuten, daß Du schlau bist, und so sage mir, es ist kein Räthsel zwar, was ich Dir vorlege, wen hältst Du hier für den besten Menschen?" Harko stellte die Stiefel hin, stopfte sich die Pfeife, holte Feuer und zündete sie an, darauf sagte er: „Natürlich bin ich's!" „Na, wieso denn? Und wie ist denn der Müller?" Der Harko pustete dem Teufel eine starke Rauchwolke in die Nase, schaute ihn von der Seite an und fragte: „Sind Sie nicht vielleicht von der Accise? Oder gar irgend ein Geheimer von der Polizei?"