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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-29 · Heft 39 (29.9.1899) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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. wur-By^'. >!»!«?'i>>-»r'I«I»V-^" «tfl.WlMIHTJPWWWF 464 Schon wenige Jahre nach seiner Verehelichung starb sein Schwiegervater. Die Wittweblieb mit zwei Söhnen und drei unversorgten Töchtern völlig mittellos zurück, so daß Mendelssohn für die Mutter und Schwestern seiner von ihm innig geliebten Gattin zu sorgen hatte, für einen Mann, der, wie er, ein bescheidenes Auskommen hatte, wahrlich keine leichte Aufgabe. Der eine seiner Schwäger, Josephs auch Joseph Kiel genannt, sehr unterrichtet, mit Joseph Haltern und anderen Mitarbeitern der Zeitschrift „Der Sammler", mit M. Marburg, Moses Weffely u. A. befreundet, war ein „guter Junge" und im Geschäft recht thätig; er besuchte regelmäßig die Messe in Frankfurt a. O. und reiste häufig nach Danzig und Memel, wo er für Rechnung Mendelssohns ein Geschäft errichtet hatte, das aber bald ins Stocken gerieth und diesem verhältnißmäßig große Verluste brachte. Später affociirte er sich mit Moses Fürst und nahm seinen ständigen Aufenthalt in Kopenhagen. Nathan, sein anderer Schwager, verursachte ihm nicht wenig Verdruß. „Ich bitte, meine theure Schwiegermutter») bestens von mir zu grüßen." schreibt er im April 1769, „ich bin durchaus nicht zufrieden, daß sie Nathan wieder ausgenommen. Der Taugenichts wird uns noch viel Verdruß machen, wenn er merkt, daß er im Nothfall noch Zuflucht findet. Ich bitte und beschwöre sie, zu vergessen, daß sie Mutter ist, und ihn von sich zu jagen; es ist doch keine Besserung zu vermuthen, so lange er sich nicht einige Jahre gut aufführt und sich so weit entfernt, als ihn die Füße tragen wollen. Nach den Feiertagen, so Gott will, ausführlich darüber, er ist es nicht werth, an Chol Ha-Moed seinetwegen zu schreiben."^) Der junge Mann mußte es wahrlich arg getrieben und schlechte Wege betreten haben, wenn der sanftmüthige Mendelssohn sich so hart über ihn ausließ. Seinen Schwägerinnen war Mendelssohn ein zweiter Vater. Die älteste, Brendel, welche er wegen ihres Witzes und ihrer Einfälle sehr schätzte, und der er schon als Bräutigam das Kompliment machte, „daß ihr letzter Brief an ihn ausnahmsweise sehr nachlässig geschrieben sei" und nur „ein oder zwei Einfälle" enthalte, verheirathete er mit einem uns sonst unbekannten Doktor Hirschel. Blümchen, die zweite Schwester seiner Frau, lebte mehrere Jahre in seinem Hause, bis sich eine passende Partie für sie traf. Im September 1773 feierte sie ihre eheliche Verbindung. „Da kein Doktor Hirschel mehr unter Menschenkindern herumgeht, so hoffe ich mit Gottes Hilfe noch gut angekommen zu sein," schreibt Mendelssohn den 11. September 1773 an Joseph Mayer. Kaum war ein Jahr verflossen, so wurde ihm für die jüngste Schwägerin eine Partie angetragen. Das war ihm aber doch zu viel. „Allerdings wäre das eine Partie, die ich längst gewünscht und mit Vergnügen eingehen würde," heißt es in einem Briefe vom August 1774, „nur kommt es mir zu geschwind auf einander, und würde ich gegen meine Frau und Kinder ungerecht handeln, wenn ich solche Summen hintereinander weg ausgeben wollte; es ist nach Proportion meines Vermögens viel zu viel." Auch diese jüngste Schwägerin, deren Name uns nicht angegeben ist, blieb mehrere Jahre in seinem Hause, bis sie sich im Oktober 1775 in Kiel verheirathete. „Von Kiel haben wir hier gar keine Nachricht, ob der Bräutigam angekommen oder nicht," schreibt Mendelssohn den 26. Oktober 1775 an Joseph Mayer: „Wenn Sie etwas wissen, belieben Sie es uns mitzutheilen." Der Bräutigam war richtig angekommen; am 1. November fand die Hochzeit statt.3) ') mp’n ’fiiön- 2) Wenn Mendelssohn an Chol ha-Moed schrieb, hielt er fich streng an die rabbinifche Vorschrift. (Orach Chajim 548, § 5.) 3) „Wir wünschen Ihnen 2D Stlü äu der zuletzt in Kiel celebrirten N21NN", heißt es in einem Briefe vom 1. November irnnVv bsis mnm rona rrons nrnw vißvb war. awn Und nun die theure Schwiegermutter! Die „liebe Madame", wie Mendelssohn sie als Bräutigam anzureden pflegte, scheint eine zänkische Frau gewesen zu sein, die sich selbst mit ihren Verwandten nicht gut vertragen konnte. Zwischen ihr und Joseph Mayer kam es häufig zu Zwistigkeiten, mit denen sie dann Mendelssohn behelligte und ihm dadurch nicht geringen Verdruß bereitete. Man lese nur folgenden Brief, den er wenige Tage, nachdem er des schwärmerischen Lavaters Aufforderung, das Christenthum anzunehmen oder zu widerlegen, zurückgewiesen hatte, den 20. September 1769 an Joseph Mayer geschrieben hat. „Die Antwort auf Ihr liebes Schreiben habe ich von einem Tage auf den anderen verschoben. Sie können sich aber, lieber Freund, leichtlich vorstellen, daß in dieser Zeit mir der Kopf nicht sonderlich aufgeräumt gewesen. Ich hoffe, daß nunmehr der Sturm sich gelegt haben wird -pW b^Ü DWTI Wie meine liebe Schwiegermutter meldet, so sind die Zwistigkeiten zwischen Ihnen und ihr noch nicht beigelegt. Wenn ich einerseits etwas dazu beitragen könnte, so sollte es mit vielem Vergnügen geschehen, indem ich nicht wenig Verdruß davon habe, daß solche treue Freunde in Uneinigkeit leben sollen. Meine Schwiegermutter scheint selbst Verdruß davon zu haben. Haben Sie eine Geldforderung an dieselbe, so wollte ich wohl übernehmen, solches in der Güte beizulegen. Prozessiren kostet Geld, und Sie werden hoffentlich auch lieber etwas nachgeben als durchfechten wollen." Die Schwiegermutter bezog von ihm eine regelmäßige jährliche Unterstützung von zwanzig Louisd'ors, auch sonst ließ er es an Geschenken nicht fehlen. So gab er Joseph Mayer im Mai 1774 den Auftrag, ihr „außer dem Gewöhnlichen den Betrag von fünf Louisd'ors zu bezahlen". Einige Monate später ersuchte er ihn, „der lieben Schwiegermutter Dasjenige, was er ihr seinetwegen wöchentlich giebt, in Zukunft vierteljährlich zu reichen, nämlich alle Zeit aus zwölf Monate voraus. Dadurch ersparen Sie viele Mühe, und ihr geschieht auch damit eine Gefälligkeit. Sie belieben mich nun zu erinnern, weim ich zufälligerweise vergessen sollte, Ihnen gehörig zu remittiren." Die liebe Schwiegermutter, welche recht oft auf Monate ihre Kinder in Berlin besuchte, stellte größere Ansprüche an Mendelssohn und bediente sich dazu ihres Verwandten Joseph Mayer als Mittelsperson. Im April 1776 schrieb er ihm: „Was soll ich ihnen antworten, mein lieber R. Jospe? Soll ich Ihre Forderung durchaus billigen? Sie wissen, daß ich Frau und Kinder habe und das Meinige nicht in lauter ») rTH flrtj anschaffe, sondern mir sauer werden lasse. Allein ich bin der Mann nicht, der Ihnen so dreist widersprechen kann. Finden Sie es billig, so bin ich es zufrieden. Ich freue mich indessen, daß meine Schwiegermutter sich entschlossen hat, diesen Sommer, so Gott will, zu uns zu kommen." Mehr als alles liebte Mendelssohn seine Frau, das geht auch aus der mir vorliegenden Briefsammlung hervor. So oft er schreibt, fügt er ein liebes Wort oder eine neckische Bemerkung über seine Frau hinzu. Zuweilen scherzt er auch über ihre „natürliche Faulheit"?) „Ich lasse hier Platz für meine l. Frau, welche heute ihre natürliche Faulheit überwinden und gleichfalls schreiben will." Fromet stellte allerdings in Abrede, daß sie von Natur faul sei. „Ich will dieses Mal noch stillschweigen, und was hilft es auch?" heißt es in ihrer Anschrift. „Die Männer haben doch Recht, und wenn ich tausendmal meinen lieben Mann zum Lügner machen wollte, so glaubt's mir ») Vergnügen. 2) Einmal schreibt er: „Seien Sie von meiner l. Frau nochmals gegrüßt, welche, je näher es znm Kindbett geht, je fauler sie zum Schreiben wird."

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