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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-29 · Heft 39 (29.9.1899) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 Moses Mendelssohn sah bei der Wahl einer Lebensgefährtin bekanntlich nicht auf Vermögen, er heirathete aus Neigung. Durch Vermittelung des Doktor Gumpertz, seines Lehrers, lernte er die anmuthige Fromet Gugenheim in Hamburg kennen und „verliebte sich", wie er nach der Rückkehr von seiner Verlobung seinem Freunde Lessing schrieb. Ahron Salomon Gumpertz, nach seinem Großvater Elia ans Emmerich, dem Agenten des großen Kurfürsten, auch Emmerich genannt, ist der in einem Briefe Mendelssohns an seine Braut erwähnte Reb Salmen Emmerich, dem der glückliche Bräutigam die Vollmacht ertheilte, sich ihr gegenüber alles das zu unterstehen, was er sich selbst bei seinem Dortsein unterstanden hat'). Dieser Doktor Gumpertz, der Mendelssohn in die Philosophie eingeführt, mit mehreren Mitgliedern der Berliner Akademie der Wissenschaften und Lessing bekannt gemacht, seine Lebensstellung und sein häusliches Glück begründet hatte, wird von Mendelssohn nur noch einmal, und zwar in dem kurzen Lebensabriß erwähnt, welchen er Johann Jacob Spieß auf dessen Wunsch geschickt hat. Gumpertz hatte sich in reiferen Jahren mit einer Freundin Fromet Gugenheims verheiratet und war in seiner Thorheit unerträglich geworden. „Wenn gesunde Leute unerträglich sind," heißt es in einem Briefe Mendelssohns an Joseph Mayer vom 12. November 1768, „so hat man sehr Recht, sie ihrer Thorheit zu überlassen." „Es war", fährt Mendelssohn fort, .„nach meiner Ansicht kein kleiner Fehler von dem Doktor, daß er den Sommer in warmen und den Winter in kalten Gegenden sich aufhält. Diese schnelle Veränderung der Luft hat ihm nothwendig bie- Krankheit zuziehen müssen, die ihn jetzt quält. Verlosten Sie ihn nicht, lieber R. Jospe, in seinem Elend und noch weniger seine gute Frau, der es von dem Geräusch der Stadt Paris noch immer vor den Ohren brausen soll. Ertragen Sie seine Grillen und ihre Schwachheiten." Doktor Gumpertz und Frau Coten gaben dem jungen Mendelssohn'schen Ehepaare bald reichlichen Stoff in ihrer Korrespondenz mit Joseph Mayer. Die Nachricht von dem Hinscheiden seines Lehrers und ältesten Freundes erhielt Mendelssohn in Leipzig, wo er zum Besuch der Messe war und sich „ziemlich divertwt" hatte. Bald nach seiner Rückkehr schrieb er Joseph Mayer im April 1769: „Unser R. Ahron hat sich wirklich davon gemacht?) Ich habe es in Leipzig erfahren, und ob ich ihm gleich wahrhaftig ein Freund war, so bin ich dennoch nicht sonderlich erschrocken. Die Umstände waren, wie mir glaubwürdige Männer erzählen, schon seit einigen Jahren so beschaffen, daß er nur zu seiner eigenen Plage länger gelebt haben würde. Ich verdenke es Niemandem, der ihn nicht liebt, denn seine Aufführung war zuletzt nicht liebenswerth. Man pflegt den Schauspieler nach der letzten Tirade, die er hersagt, zu beurtheilen. Aber die ihn Haffen, thun wirklich Unrecht. Sein menschenfeindliches Wesen entsprang mehr aus der Krankheit des Körpers als aus Bosheit des Herzens. Ein Mensch ohne Lunge kann schwerlich liebreich sein. Die gute Friebche hat wohl ziemlich Gelegenheit gehabt, sich in der Geduld zu üben. Ich habe ihr noch nicht kondolirt, welches zwar unrecht ist, allein unter uns, ich weiß nicht recht, welchen Ton ich anschlagen soll! Sie trösten, zu wollen, scheint mir lächerlich, und ') Jahrbuch für jüdische Geschichte und Litteratur (Berlin 1898) S. 210. Der daselbst Seite 212 erwähnte, sonst unbekannte „Mordche Segall" ist kein Anderer als Doktor Markus Herz, dessen hebräischer Name '1*?n prr P war, daher '2Y1&- 3) Gumpertz, dessen Todestag nirgends angegeben (Graetz, Geschichte der Juden Xl, 6: st. um 1770), starb Ende März oder Anfang April 1769. gleichwohl fühle ich als Freund so etwas, das mich nicht gleichgiltig bleiben läßt. Melden Sie mir doch, lieber Freund, ob er viele Manuskripte hinterlaffen. Vielleicht schickt Madame mir selbige zu, und ich laste etwas davon drucken. Als Wohlthäter von ihr verdient er diese Aufmerksamkeit, und es wäre doch wirklich schade, wenn so alle seine Wissenschaften mit ihm weggestorben sein sollten.. Wird von seinen Büchern Auktion gemacht?" Das „gute Friebchen" kümmerte sich aber sehr wenig um die Manuskripte ihres verstorbenen Gatten. Schon wenige Monate nach dessen Tode hatte sie den Mann, „der sie reich gemacht hatte"'), vergessen und dachte zum nicht geringen Erstaunen Aller, die sie kannten, an eine Wiederverehelichung. Alle ^Vorstellungen ihrer Mutter und Freunde blieben ohne Erfolg. Das „gute Friebchen" war verliebt. „Was Madame ihre Entschließungen betrifft," schreibt Mendelssohn den 24. September 1769 an Joseph Mayer, „so wünsche ich vom Herzen, daß sie R. Ahron nicht zu ihrem Unglück soll reich gemacht haben. Ich kenne Joseph W. weder dem Ansehen noch den Umständen nach; was mir von ihm erzählt worden, macht mir aber keinen sonderlichen Begriff von ihm. Was mir aber herzlich mißfällt, sind die Kunstgriffe, deren mau sich bedient hat, diese gute Frau ins Garn zu ziehen. Dergleichen Manöver sind zu gelehrt. Ich halte mein Urtheil indeffen zurück, denn es möchte zu bitter misfallen. Ich will lieber glauben, daß ich nicht von allen Umständen unterrichtet bin. Sie, mein Freund, haben wie ein wahrer rechtschaffener Mann gehandelt, daß Sie ohne Scheu ihr die Wahrheit gesagt haben, und vornehmlich, daß Sie ihr den Mangel der Hochachtung gegen ihre alte Mutter so nachdrücklich verwiesen. Die gute Friebchen wird es, fürchte ich, bald erfahren, was für Unglück es sei, die Liebe einer Mutter verloren zu haben, und wie unschätzbar ein Freund sei, der uns vor einem solchen Fehltritt warnt. Ihre Aufführung in diesem Falle, mein lieber Freund, macht Ihnen in den Augen eines jeden rechtschaffenen Mannes wirklich Ehre, und die W . . . selbst müffen Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn sie gleich, von Eigenliebe geblendet, anders uriheilen möchten. Doch genug hiervon. Ich glaube, die Sache wird gehen; Freunde und Familie mögen sagen, was sie wollen, - denn meines Erachtens hat Amor die Hand im Spiel, denn man sagt, er soll ein schöner Mensch sein. Solche vornehme Schadchonin?) wie Amor und Graf Holk pflegen nicht gern einen vergeblichen Antrag zu thun. Ich wünsche, daß es zu ihrem^Glück sein möge." Auch Fromet war über die Aufführung ihrer Jugendfreundin empört. In den dem Briefe Mendelssohns hinzugefügteu Zeilen Fromets heißt es: „Mein Mann, er soll lebend, hat mir nichts übrig gelaffen zu schreiben. Wir denken über Friebchens Umstände sehr gleich. In meinen Augen führt sie sich wie eine Närrin auf. Man sollte es sich nicht vorstellen, daß ein gnt Gemüth so kann verdorben werden." Mendelssohn hatte Recht: die Liebe triumphirte. Die Frau Doktor Gumpertz, welche in ihrer Habgier der Hamburger Gemeinde nicht einmal das zahlen wollte, was ihr verstorbener Mann zu zahlen verpflichtet war, wurde die Gattin des schönen W . . ., ob zu ihrem Glücke? Das wiffen wir nicht. Doch kehren wir zu Moses Mendelssohn und seiner Familie zurück. ') Die Behauptung, daß Gumpertz reich geheirathet habe (Schweizer Briefe 1, 91), beruht auf einem Jrrthum. M. s. mein Moses Mendelssohn. Sein Leben und Wirken. 2. Auflage, Seite 20? -) Heirathsvermittler. 8) 'V so pflegte Fromet zu schreiben, wenn sie ihren Gatte» erwähnte. äiää

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