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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-29 · Heft 39 (29.9.1899) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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462 Bürger oder Unlerthanen sie geworden waren. Die komplizirten Pflichten der alten Vorschriften wurden unausführbar und mußten für das neue Leben verändert werden. Das alte europäische Judenthum war viel mehr als eine Religion, der Hauch allgemeiner Priesterschast umgab sie. Niemals vorher hatte eine ganze Gemeinschaft eine so umfangreiche Reihe von Pflichten upd Vorschriften (so unbedeutend oft und komplizirt, daß sie eher einem nationalen Mönchthum als einer nationalen Religion gleichen) sich auferlegt und getreulichst ausgeführt. Man sagte oft, das Judenthum kenne keinen Priesterstand, es wäre richtiger, zu sagen, es kenne keinen Laienstand. Die jüdische Litteratur, die ein getreues Abbild des Lebens des Volkes war, bestätigt diese Beobachtung. Sie erscheint durchgängig als geistliche Litteratur, und das vereinzelte Vorhandensein eines Werkes weltlichen Inhalts ist eine Ausnahme, die nur die Regel bestätigt. In der Form, die die amerikanisch-jüdische Kirche angenommen hat, hat erst die Weltlichkeit und das Laienbürgerthum die gehörige Würdigung erfahren. Als Glieder einer Gesellschaft war es einfach unmöglich geworden, körperlich und geistig in klösterlicher Abgesondertheit zu leben; wenn eine solche Absonderung als ein Faktor zur Veredelung des nationalen Lebens erhalten bleiben soll, dann muß sie von einer kleinen, ausgewählten Gemeinde durchgeführt werden und nicht von der ganzen Gemeinschaft. Es ist kein Grund vorhanden, warum sich nicht innerhalb des jüdischen Gemeindelebens, so, wie es ja auch außerhalb desselben geschieht, Vereinigungen Einzelner bilden sollten, die, nicht befriedigt von der Erfüllung gewöhnlicher Pflichten, sich noch für ihr spezielles Verhalten ganz besondere Grenzen stecken. Es giebt Naturen, für die diese Art des Fühlens eine Nothwendigkeit ist, und es ist nicht einzusehen, warum diese Klasse von Menschen nicht ebenso gut neben der allgemeinen Gemeinde bestehen kann, so, wie ja auch die Essener neben der alten Gemeinde in Palästina bestanden haben. Die große Menge des Volkes muß aber aus Laien bestehen, und nur Wenige können hoffen, jenen besonderen Grad der Heiligkeit zu erlangen, die den Mönch oder den Priester ausmacht. Dies mag manche der Erscheinungen erklären, die den Beobachter des heutigen amerikanischen Judenthums auf den ersten Blick befremden und erschrecken können. Richtig verstanden, sind diese Beobachtungen, die uns zum Denken und zum Vorbedacht führen können, keine Ursache des Schreckens. Dieselb<erzieherische Wirkung, wekhe aus der Stärkung und Erhaltung der Kirche hervorgeht, kann vom Hause, von der Kanzel, aus der Schule und aus Büchern kommen. Die Bücher sind es, mit denen unsere Gesellschaft direkt zu thun hat. Wenn wir eine Flugschrift veröffentlichten über „Die Verfolgung der Juden in Rußland", die Novelle „Rabbi und Priester" und „Verfahren und Akten des Jüdischen Frauenkongreffes, so geschah es, weil wir sie geeignet hielten, bildende Elemente des Gemeinsinnes zu werden. Wenn wir Lady Magnus' „Umriß der jüdischen Geschichte" veröffentlichten, so geschah es, weil sie eine geeignete Vorbereitung für das größere und tiefere Werk von Graetz bilden kann, und wenn wir diesem eine Skizze „Jüdische Geschichte" von Dr. Karpeles folgen ließen, so dachten wir, daß diese in knapper Form ein glänzender Leitfaden für die schwierigen Pfade und verschlungenen Wege sein wird, die Graetz' kolossal angelegtes Werk bietet. Wenn Dr. Philippsons „Alt-Europäische Judenschaft" und Israel Abrahams „Jüdisches Leben im Mittelalter" zu detaillirte Berichte über verhältnißmäßig kleine Geschichtsepochen geben, so liegt die Entschuldigung dafür darin, daß es gegenüber den großen, allgemein gehaltenen Werken über jüdische Geschichte vortheilhaft erschien, auch Skizzen in Kleinmalerei aus einzelnen Epochen zu bringen. Das größte Werk, dessen Herausgabe soeben im Gang ist, ist eine neue englische Bibelübersetzung, welche, wie wir hoffen, von einem kurzen, praktischen, handlichen Kommentar begleitet sein wird, das, in tiefster Gelehrsamkeit fußend, bestimmt ist, möglichst nutzbringend zu wirken. Als Jesaja und Jeremias predigten und schrieben, stießen sie auf heftigen Widerstand. Staatsmänner, Priester, Pamphletisten, Redner, Kaufleute, zudringliche Schreier wird es damals auch in großer Zahl gegeben haben, die sie als unpraktische Träumer verleumdeten, als Männer, die zur Unzufriedenheit und Unruhe aufstachelten, und die den augenblicklichen Ansprüchen des Lebens nicht genügende Würdigung zukommen ließen. Ein schwaches Echo all dieser stürmischen Bewegungen lebt nur in unklaren Ueberlieferungen, die zeigen, daß das Leben der Propheten ein tragisches Ende hatte. All diese antiprophetischen Schriften sind verschwunden, theils durch Zufall, aber zweifellos hauptsächlich deshalb, weil sie vorübergehende Phasen des nationalen Lebens behandelten, kurz, weil sie didaktisch waren und deshalb jener Eigenschaft des Ueberdauerns entbehrten, welche die höchste Litteratur charakterisirt. Bon einem engen Nützlichkeitsstandpunkt aus mag es ja wahr sein, daß eine neue Bibelausgabe nicht nöthig ist und besser unterbliebe wenn es wirklich nützlich ist, daß etwas unterbleibt, was der ganzen Menschheit eine solche Neubelebung bringen wird, wie eine neue Bibelübersetzung es wird. Wir haben diese Aufgabe unternommen. Es ist ein Werk von größter Wichtigkeit und ist nur möglich geworden durch die aufopferungsvolle Hingabe und Mitwirkung eines großen Theiles der jüdischen Geistlichkeit der Vereinigten Staaten und durch die Mitarbeiterschaft dreier unserer hervorragendsten Gelehrten, der Herren Dr. Jastrow, Dr. Köhler und Dr. de Sola Mendes, die die Herausgabe leiten. - Und nun noch ein Wort, die Zukunft betreffend. Wir haben noch ein anderes, sorgfältig ausgearbeitetes Werk, auch eine Epoche unserer Geschichte betreffend, für die Presse in Vorbereitung. Die alte Liturgie (Kirchen-Gebetordnung) unserer Väter ist sehr rasch im Verschwinden begriffen; neuere Formen nehmen deren Stelle ein. Wenn wir aber bedenken, welche Bedeutung sie durch fast zweitausend Jahre für das Leben des Volkes hatten, dann kann Niemand sagen, daß sie einer sorgfältigen Feststellung und Würdigung in einer Spezialgeschichte unwerth seien. Es ist ein Stolz von uns, sagen zu können, daß dieses bewunderungswürdige Werk der Feder eines bedeutenden amerikanischen Glaubensgenossen, Lewis N. Dembitz aus Louisville (Kentucky), entstammt. - Ein anderes, ähnliches Spezialwerk, das sich in Vorbereitung befindet, ist ein Buch über die Litteratur in dem Idiom der russischen Juden, auch aus der Feder eines hervorragenden Amerikaners, Professor Leo Wiener von der Harvard-Universität. Welche Bücher in englischer Sprache über jüdische Gegenstände waren bis vor 10 Jahren überhaupt erschienen, und welche Ausbreitung hatten diese wenigen Bücher? Heute, durch die Ausdehnung unserer Wirksamkeit, ist kaum ein Dörfchen im Lande, in dem wir ein jüdisches Haus betreten können, wo wir Jemanden finden, der nicht eines oder mehrere unserer Bücher besäße oder doch gelesen hat. Wenn dies schon unser Erfolg war in der ersten Wendeperiode unserer Gesellschaft, während einer Zeit ernster, kaufmännischer Noth, welchen Erfolg können wir erst erhoffen mit der Rückkehr des Gedeihens und dem raschen Zuwachs des englisch sprechenden Elementes unter den russischen Einwanderern. Statt der 4800 Mitglieder können wir dann auf 10—20 000 zählen. Statt 3 Bücher des Jahres werden 9 oder 8 herausgegeben werden können. Wenn alle Mitglieder der Gesellschaft die Ziele der Vereinigung weiter fördern, jeder auf seine Art und innerhalb der Grenzen seines Könnens, dann wird sich eines Jeden Fähigkeit zum Guten ins Unendliche vermehren, und die Arbeit wird in ihrer Gefolgschaft noch andere und mächtigere Institutionen zeitigen, die sowohl der Veredelung unserer engeren Gemeinschaft dienen als auch der Förderung des ganzen Menschengeschlechts. Moses Mendelssohn und seine Verwandten. Von Dr. M. Kayserling. dem Leben und der Charakteristik Moses Mendelssohns, so Ty ausführlich sie auch dargestellt sind, ist doch eine Seite-bisher Qß unberücksichtigt geblieben, nämlich sein Ver^ältniß zu seinen Verwandten, zu seiner Schwiegermutter, seinen Schwägern und seinen Schwägerinnen. In seinen gedruckten Briefen geschieht der Verwandten nur selten Erwähnung, desto öfter aber in den in meinem Besitz befindlichen handschriftlichen Briefen an Joseph Mayer, der ein naher Verwandter der Frau Abraham Gugenheim, der Schwiegermutter Mendelssohns, war und in Hamburg bei ihr wohnte.

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