Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228351--55813-3292054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sgppplp ^1 461 der erhabenen Auffassung ihrer Aufgaben das allgemeine Interesse. Vielleicht eifert eine nähere Bekanntschaft mit ihr auch uns zur Entfaltung gleicher Thatkraft an; vielleicht finden sich auch bei uns Männer, ähnlich unseren amerikanischen Glaubensgenossen Jacob H. Schiff unb Mayer Guggenheim, welche für den Zweck je 5000 Dollar spendeten und mit Anderen einen jetzt auf circa 70 000 Mark angewachsenen Grundstock schafften, einen eifcrnert Fonds, um für die Entwickelung der jüdischen Litteratur und ihre Verbreitung in den weitesten Kreisen sorgen zu können; vielleicht gelingt es auch uns, für einen so hohen Zweck Mitarbeiter zu finden, die, wie die 4800 Mitglieder der amerikanischen Gesellschaft, jährlich über 50 000 Mark an Beiträgen hierfür aufbringen; vielleicht entwickelt sich auch bei uns ein so heiliger Eifer wie bei den amerikanischen Juden, um der Aufgabe, die Bibel allen Juden zugänglich und ganz verständlich zu machen, gerecht zu werden. Bei uns hat sich noch keine jüdische Bibelgesellschaft gefunden, welche den unbemittelten Glaubensgenossen das wichtigste geistige Brod, die Kenntniß der Bibel, verabreicht! In Amerika wurde für die Herausgabe einer neuen englischen kommenirten Uebersetzung der Bibel vom jüdischen Standpunkt ein Fonds von 10 000 Dollars bestimmt, dessen Beschaffung ein Komitee mit Jacob H. Schiff an der Spitze übernahm. Sollte nicht die jüdische Litteratur, dieses der Pflege doch so bedürftige und würdige, aber vom modernen Judenthum leider so vernachlässigte Kind, auch bei uns einen soglühenden, von den hohen Zielen solchen Strebens so durchdrungenen Vormund und Fürsprecher finden, wie der als bedeutender Richter wie als gemeinnützig wirkender Mann gleich bewährte Mayer Sulzberger es ist. dessen Festrede bei der in Philadelphia stattgehabten Feier des zehnjährigen Bestandes der jüdischen Litteratur-Vereinigung es verdiente, Gemeingut der weitesten jüdischen Kreise zu werden? Wir lassen einen Auszug der Rede Sulzbergers nach einer von P. Berthold in Frankfurt a. M. gefertigten Uebersetzung folgen, da der Raum nicht ausreichen würde, die ganze gedankenvolle Darlegung ohne Kürzungen in diesem Blatt aufzunehmen: Unsere Gesellschaft zählt 4800 Mitglieder, die in den Städten und Dörfern der Vereinigten Staaten zerstreut leben, unter ihnen finden fich alle Schattirungen religiöser und litterarischer Anschauungen ebenso wie alle Stufen der Kultur. Sie repräsentiren im Ganzen einen Leserkreis von nicht über 300000 Köpfen. Auf ausschließlicher Geschäftsbasis wäre unsere Sache natürlich ganz unhaltbar. Dennoch haben wir während der letzten zehn Jahre fast hunderttausend Dollars für dieses Werk verausgabt, eine Summe, die eine so erfahrene Gemeinschaft ficher nicht beigetragen hätte, wenn sie nicht glaubte, werthvolle Erfolge zu erzielen. Der Schlüssel zu diesem Geheimniß findet sich in den dargelegten Zielen der Gesellschaft, wie ste in ihren Statuten ausgesprochen find, nämlich: „Die Veröffentlichung und Verbreitung litterarischer, wissenschaftlicher und religiöser Werke, welche über die Grundgedanken der jüdischen Religion Aufklärung zu geben geeignet sind, die unter den Mitgliedern des Vereins (oder anderen Personen und Instituten) Ausbreitung finden sollen im Sinne der Förderung allgemein nützender und erziehlicher Zwecke." Unsere Gesellschaft wirkt als eine Wohlthat, indem fie den Interessen der jüdischen Religion dient, und indem ste ein Erziehungsmittel ist. Um uns selbst und unsere Nachkommen edler und besser zu machen, beschlossen wir, Bücher zu veröffentlichen, die sonst unzugänglich gewesen wären, und trotz unseres verschiedenen Alters, unserer verschiedenen Interessen und Fähigkeiten bemühten wir uns, ste zu studiren, um uns gegenseitig zu vervollkommnen. Tausende von Juden, die im Lande zerstreut find, beginnen die ersten Worte der jüdischen Litteratur zu buchstabiren, die zu pflegen fie vorher nie Gelegenheit hatten. Die scheinbare. Verschwendung, die darin zu liegen scheint, daß alle unsere Mitglieder jedes unserer Bücher bekommen, ist in Wirklichkeit ein unberechenbarer Gewinn. Laßt fie wie Samen ausgestreut werden, laßt ihre Empfänger sie verschenken oder gar verkaufen — sie schaffen einen immer weiter werdenden Kreis für den Einfluß des Judenthums. Alle uns umgebenden Potenzen, besonders jene der Litteratur und der Bücher, sind erfüllt von nichtjüdischen Elementen. Beim Studium, im allgemeinen Meinungsaustausch, in engerer Gemeinschaft mit unseren Mitbürgern lebend, müssen Viele unbewußt deren religiöse Anschauungen annehmen, wenn wir nicht einen positiven, öffentlichen und umfassend belehrenden religiösen Einfluß ausüben. Wir können unsere Synagogen, unsere Prediger, unser Tabernakel nicht auf unseren Alltagswegen mit uns führen, aber wir können leicht den durchdringenden, beharrlichen Einfluß der Bücher uns dienstbar machen. Wenn wir auch nicht mehr ausschließlich das Volk des Buches der Bücher find, so können wir doch das Volk der Bücher sein, die wir zu Zehn- und Hunderttaufenden in die Hände unserer Brüder legen. Das ist die Illustration zu unserer ersten religiösen Handlung, der „Förderung der Religion". Es ist bekannt, daß die jüdische Religion als solche keine kirchliche Organisation hat. Die Bekenner dieses Glaubens sind, wenigstens in den Vereinigten Staaten, Individuen, die nur durch eine lose, mechanische Vergesellschaftung zu Gemeinden verbunden find, deren jede, den allgemeinen, politischen und weltlichen Einrichtungen entsprechend, von einer Majorität regiert wird. Weder die Gemeinde noch irgend eine andere Organisation oder ein Jndividum hat die Macht, Glaubensregeln aufzustellen, religiöse Vorschriften zu machen, öffentliche Klagen wegen Abfalls vom Glauben zu führen oder eine Strafe über Ketzerei zu verhängen. Eine so vollkommen freie Kirche hat niemals sonstwo existirt, und es ist wohl werth, in Erwägung gezogen zu werden, ob eine solche Kirche eine dauernde Institution bleiben kann. Die Geschichte zeigt keinen zweiten Fall, in dem sich Individuen zufällig zusammenfanden und aus ihren verschiedenen Meinungen eine religiöse Vereinigung bildeten, die sich zu einer einflußreichen Kirche entwickelte. Seit fast tausend Jahren besteht im Judenthum keine Organisation, die eine kirchliche Gewalt besäße, geeignet, um allen nach und nach entstehenden Verhältnissen tonangebend begegnen zu können. Die Kirche hatte nie ein lebendes Oberhaupt auf Erden; ihre Richtschnur war bisher immer das unveränderliche Gesetz, und diese Richtschnur war auch vollkommen entsprechend, denn zu den Verhältnissen, die nicht wechselten, paßte das unveränderliche Gesetz. Während das Volk von Land zu Land getrieben wurde, ohne daß ihm die Möglichkeit gegeben war, an dem allgemeinen Lauf der Ereignisse theilzunehmen, gewaltsam abgesondert blieben, wie ein Golfstrom in dem Ozean des nationalen Lebens, da bedurfte das Gesetz nur geringer lokaler oder persönlicher Modifikationen, für deren Ausarbeitung und Kundgebung gewissenhafte und gelehrte Rabbinen ohne staatsmännische Fähigkeit vollständig ausreichend waren. Aber die große Bewegung der modernen Civilifation, die ihren anfänglichen Ausdruck iu dem Ausbruch der französischen Revolution fand, löste veraltete politische Organismen in einfachere Elemente auf. An dem Tage, da die französische Nationalversammlung die Juden für Bürger Frankreichs erklärte, wurde das alte Gesetz, das nur zur Regulirung einer abgesonderten, aber gleichartigen Gemeinde geeignet war, unzulänglich. Damit begann der Kampf der Anpassung, ein Kampf, gekennzeichnet durch ernste Absichten, bewunderungswürdige Ziele, große Selbstaufopferung und sichtbaren Erfolg. Das glänzende Licht der Freiheit blendete zunächst die an die Finsterniß gewöhnten Augen. In der verworrenen Periode von 1789—1830, während welcher das alte Rabbinerthum nichts that, als über die moderne Entartung zu wehklagen und mit gefalteten Händen den jüngsten Tag erwartete rathlos über das, was zu thun sei, da löste das Volk endlich selbst die Frage. Mit mannhaftem Gemeinfinn erfaßten sie die neuen Pflichten, die Freiheit und Bürgerthum ihnen auferlegten, indem sie in die Armee, in die Flotte und die mannigfaltigen Aemter der Staaten eintraten, deren