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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-29 · Heft 39 (29.9.1899) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
Seite 459 (sequence 3)
Language
German
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--- 459 —— dem zwei Personen verletzt wurde». Gegen 11 Uhr war es ruhig; R6gis und seine Leute setzten ihren Weg fort, hatten aber vor der „Villa Antijuive" um Mitternacht einen neuen Zusammenstoß mit der Polizei, bei dem eine Anzahl Personen verwundet und sechs verhaftet wurden. Regis ersuchte darauf seine Anhänger, ihn zu verlassen, um sich nicht den Schüssen der Polizei auszusetzen, falls er belagert werde. Seine Anhänger gingen nun nach der Stadt zurück, wo sie einen abermaligen Zusammenstoß, diesmal mit der Gendarmerie, hatten, auf die sie Steine geschleudert haben sollen. Es gab neun Verwundete. Max Rägis aber ist in der Nacht entkommen. Wie ein Privat-Telegrannn aus Algier meldet, lautet der gegen Rägis erlassene Haftbefehl auf Mord, Mordversuch undTheilnehmerschaft an Mord und Aufruhr. Wohin sich der Gesuchte gewendet, ist nicht bekannt. Das Algerier Blatt „Tölögramme" will allerdings wiffen, daß sich Rögis auf einem kleinen Schiff nach Spanien begeben habe. Acht Genoffen von Rögis wurden verhaftet. . 4r Die lange vorher angekündigte Encyclika des Papstes gegen de» Antisemitismus ist nun erschienen. Es steht aber kein Wort vom Antisemitismus darin. Ohne die Dreyfus-Affäre zu berühren, empfiehlt der Papst den französischen Bischöfen den religiösen Frieden und erklärt alle Menschen für Söhne Gottes. Außerdem fordert er sie auf, für die sorgfältige Heranbildung der Geistlichkeit und musterhaftes'Verhalten der unter ihrer Leitung stehenden Priester Sorge zu tragen, damit Frankreich die ihm überlieferte Aufgabe erfülle, die Kirche zu vertheidigen, große Thaten zu vollziehen und Sendboten zu liefern, welche den Glauben bis an das Ende der Welt verbreiten. Man muß wünschen, daß die französische Geistlichkeit diese Mahnungen des Oberhauptes der Kirche wirklich beherzige. Der liebe, gute, brave Herr Pobedonoszeff hat sich jüngst in Wien interviewen laffen, und dabei ist es herausgekommen, daß der Oberproluror des heiligen Synod eigentlich ein vollständiger Philosemit sei. Merkwürdig, höchst merkwürdig. Der Ruffe, so sagte er, verwahrt sich dagegen, ein Judenfeind zu sein, und berust sich auf seine „intime" Freundschaft mit dem Baron und der Baronin Hirsch sowie anderen angesehenen jüdischen Persönlichkeiten. Die Maßregeln gegen die Juden seien keineswegs durch ihn veranlaßt und fielen gar nicht in sein Ressort, denn die Judenfrage sei für Rußland längst keine religiöse Frage mehr, dazu sei man dort viel zu tolerant. Wohl aber handle es sich um ein ökonomisches Problem. Der Jude sei nüchtern, anspruchslos, verheirathe sich früh und führe ein mustergiltiges Familienleben, aber gerade durch diese guten Eigenschaften sei er dem russischen Bauer so sehr überlegen, daß man zu dem Schutze des Letzteren Maßregeln gegen die Juden, besonders ihre Beschränkung auf den Ansiedelungsrayon, habe beschließen müffen. Befragt über die Dreyfus-Affäre, erklärte Pobedonoszeff, daß der Prozeß in Rennes deutlich die Unschuld von Dreyfus dargethan habe, den man übrigens in Rußland allgemein für unschuldig halte. Aus der Berliner Gemeinde. Berlin, 24. September. fic hohen Feste sind vorüber, und der Alltag tritt wieder in seine Rechte. Die Angelegenheiten unserer Gemeinde, die so lange geruht haben, werden nun wieder Gegenstand der Besprechung und Erörterung inner- und außerhalb des Repräsentanten- Sitzungssaales werden. Schon die erste Sitzung nach den Ferien hat gezeigt, daß eine Fülle unerledigter Geschäfte vorhanden ist, die dringend der Erledigung bedürfen. Die eigenthümliche Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung mit ihren schwankenden Majoritäten verhindert allerdings in recht unerfreulicher Weise die Erledigung von Kardinalfragen. Jede Vorlage, die die Liberalen befürworten, wird von den Konservativen abgelehnt, uub jeder Kandidat für das Rabbinat oder für ein sonstiges Amt, den die Konservativen empfehlen, wird von den Liberalen mit Mißtrauen empfangen. Der Ausdruck „fortwursteln", den man seinerzeit für die Aera Taaffe erfunden, paßt sehr wohl auf unsere gegenwärtigen Gemeindeverhältniffe. Eine Aenderung dieser Sachlage wird auch nicht eher eiiltreten, als bis eine sichere Majorität oder ein vernünftiger Kompromiß zwischen den beiden Parteien zu Stande kommt. Inzwischen giebt es doch aber manche Punkte, die so wichtig und außerdem von jeder Parteistellung unabhängig sind, daß eine Besprechung oder Erledigung derselben auch unter den gegenwärtigen Verhältnissen möglich wäre. Für eine solche wichtige Frage halten wir vor allem die sogenannten „fliegenden Gottesdienste". Die Ereigniffe der letzten Feiertage haben wieder einmal auf diesen Mißstand ein grelles Licht geworfen. Wir haben schon in der vorigen Nummer berichtet, welcher Skandal durch ein solches Unternehmen hervorgerufen wurde. Aber auch noch andere Mißstände werden uns von verschiedenen Seiten berichtet. Wir wollen nur ein Beispiel anführen. Ein solcher Gottesdienst, der in einem Tanzsaale abgehalten wurde, mußte am Vorabend des Versöhnungstages vor Schluß des Gebetes eingestellt werden, weil der Besitzer des Saales dies energisch forderte. Es sei eine bestimmte Zeit vereinbart worden; diese sei nunmehr überschritten, und jetzt müsse die Tanzunterhaltung beginnen! Bedarf eS noch eines einzigen Wortes, um die ganze Tragweite solcher Vorkommnisse gebührend zu charakterisiren? Allerdings haben die Gemeindebehörden durch die Einrichtung von sieben Festgottesdiensten in großen Sälen der verschiedenen Stadttheile sich ein Verdienst erworben, für das sie uneingeschränkte Anerkennung verdienen, aber die Zahl der Privatunternehmungcn sich darum doch nicht oder nur wenig verringert. Es folgt dlxraH mit logischer Konsequenz der Schluß, daß auf diesem Gebieterisch viel mehr geschehen müßte. Das Bedürfniß ist eben da und, Heischt Befriedigung. Wir sind freilich nicht der Meinung der Konservativen, daß man diese»» Bedürfniß durch den Bau mehrerer neuer Synagogen begegnen müsse, denn wer vier Tage nach dem Versöhnungsfeste unsere Synagogen besucht hat, der konnte sich überzeugen, daßdieselben für die Zahl der Besucher auch selbst an Festtagen mehr als ausreichenden Raum bieten. Dagegen aber steigert sich das religiöse Bedürfniß vor den Herbstfeiertagen in einer so außerordentlichen Weise, daß die Gemeindebehörden ebenso gut für 14 wie bisher für 7 Säle zu sorgen hätten, in denen ein würdiger Gottesdienst abgehalten werden kann. Aber auch damit ist noch nicht alles abgethau. Denn die Privatunternehmungslust würde auch dann noch nicht aufhören. Es muß also seitens der Gemeindebehörden ein energischer Versuch gemacht werden, die Uebelstände, die aus solchen Privalunternehmuugen sich ergeben, wenn diese nicht irgend einer Kontrole unterworfen sind, zu beseitigen. Wir glauben aber bestimmt, daß die Aufsichtsbehörde im Jntereffe der Sache selbst und bei entsprechender Würdigung der Verhältnisse angesichts der gegen die öffentliche Ordnung verstoßenden Mißstände dem Vorstand der jüdischen Gemeinde ohne Zweifel das Aufsichtsrecht oder eine bestimmte Kontrole über alle solche gottesdienstlichen Veranstaltungen verleihen würde. Es wäre dies nicht mehr als recht und billig. Und wenn man will, kann man sogar den 8 51 des leider noch immer geltenden MM

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