Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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458 - Ministerwechsel im Lande der Unwahrscheinlichkeiten die Aufklärung^ auch dieser Blullüge beschleunigt. Es mag dies seltsam klingen — aber es ist doch so. Denn man berietet aus authentischer Quelle? daß der bisherige Justizminister, Dr. b. Ruber, über den ganzen Fall bis in das minlitiöseste Detail informirt war. Er hätte anfänglich dafür interveniren wollen, daß eine Anklage nicht erhoben' werde, ehe für diese nicht ein bestimmtes Substrat vorliege. Er sei aber mit seiner Anschauung bei den anderen Ministern nicht durchgedrungen. Wo man hinschaue, so war die Anschauung der ge-!'' stürzten Minister, ständen die Juden der Regierung feindlich gegenüber. Die Juden unterstützten die Opposition, und die gesammte „jüdische" Presse Oesterreichs bekämpfe die Regierung und ihr System auf das Heftigste; da könnte es nicht schaden, wenn man den Juden ivieder einmal einen kleinen Dämpfer aussetze. Es ist klar, daß es bei dem Urtheilsspruch und dem „Geständniß" sein Bewenden nicht haben wird, nicht haben kann. Die in Kuttenberg und Polna ausgegebene Losung, der Jude muß verbrannt werden, kann unmöglich auch für die höheren Richter Geltung haben. Das Urtheil wird schon durch die inzwischen erfolgten „Geständnisse", aber auch ohne diese vom Kassationshof zweifelsohne für null und nichtig erklärt und die ganze Angelegenheit vor ein neues Schwurgericht verwiesen werden. Führtauch dieses Gericht die Verhandlung " int Geiste und mit der Tendenz des Kuttenberger, dann wird der Effekt der gleiche sein. Bemüht es sich aber, der Wahrheit nachznforschen und den Zeugen tüchtig auf die Finger zu klopfen, dann wird es zu Tage kommen, mit welcher Verbissenheit in Kuttenberg das Recht gebeugt und welche Schmach dort der österreichischen Justiz angethan wurde. Die Woche. f Berlin, 25. September. as Reichsgericht in Leipzig hat in dieser Woche die Revision des Staatsanwalts gegen das Urtheil des Landgerichts Glogan von: 12. Mai d. I. verworfen, durch welches der Rittergutsbesitzer und Amtsvorsteher Graf Walter Pückler auf Klein-Tschirne von der Anklage der Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewaltlhätigkeiten gegen einander, begangen durch eine antisemitische Rede, die er in Klein-Tschirne gehalten hat, sowie der Geschäftsführer des „Druckereivereins" in Glogan, Joseph Schliebs, von der Anklage der Beihilfe dazu freigesproche» sind. Der Reichsanwalt beantragte'selbst die Verwerfung, da der „Mangel des Bewußtseins der Rechtswidrigkeit" in ausreichender Weise von dem Landgericht festgestellt worden sei. Schon in der schriftlichen Urtheilsbegründung erster Instanz, die dem Reichsgericht vorlag, heißt es: „Der Angeklagte macht den Eindruck, daß er an der Wahnvorstellung leide, von der Vorsehung dazu bestimmt zu sein, als Apostel gegen das Judenthum aufzutreten. Diese Wahnvorstellung, verbunden mit seiner fanatischen Begeisterung für die antisemitischen Bestrebungen, lassen es erklärlich erscheinen, daß er sich der möglichen Wirkung seiner Rede nicht bewußt war." Das bestätigt unseren Eindruck von den Reden des Grafen in vollsteni Maße und erklärt die Zurückweisung der Revision des Staatsanwalts durch das Reichsgericht. * Der antisemitische Parteitag in Hamburg hat selbst in der konservativen Preffe eine sehr abfällige Beurtheilung erfahren. Ganz besoilders interessant ist für uns das Urtheil der ebenfalls antisemitischen „Deutschen Zeitung" des Herrn F. Lange, die sich bemüht, den schlechten Eindruck, den die Verhandlungen hinterlassen haben, der Partei als solcher zur Last zu legen: „Offen gestehen wir, daß wir über die - Wirkung der vorliegenden Bericht« vom deutsch-sozialen Parteitage einigermaßen beunruhigt sein würden, wenn die jetzige und künftige Vertretung dessen, was man Judenfrage nennt, allein von der politischen Befähigung der Partei abhinge, welche diese Frage zu einem Hauptpunkte ihres Programms gemacht hat. Schon früher haben wir wiederholt nachdrücklich ausgesprochen, daß es falsch wäre, die Bedeutung der Judenfrage in Deutschland lediglich nach den Fortschritten oder Rückschritten der deutsch-sozialen Reformpartei zu beurtheilen. Wenn wir recht beobachten, hat der gesellschaftliche Antisemitismus in den gebildeten Ständen überall Fortschritte gemacht; man ist sich bewußt geworden, daß ein Uebermaß jüdischen Einfluffes in den staatlichen Verhältnissen, in Gesellschaft, Preffe, Litteratur und Kunst ebenso wie in Handel und Gewerbe unsere deutsche Kultur herunterdrücken und verfälschen würde. Die Bereitwilligkeit, dieses schädliche Uebermaß möglichst ohne persönliche Gehässigkeit, ohne Hetze und Leidenschaft, aber kühl und entschlossen abzuwehren, hat zugenommen, Man kann auch sagen, daß in den zahlreichen und immer stärker anwachsenden nationalen Bereinigungen ein langsames Abschließen gegen das auch hier eindringende Judenthum wohl zu bemerken ist. Die ganze Bewegung ist von der hitzigen Temperatur des Hasses und der leidenschaftlichen Bekämpfung auf die kühlere Temperatur der Abwehr hinübergegangen. Leidenschaftliche Personen mögen das bedauern, aber man hat zweifellos hier mit einer deutschen Bolkseigenthümlichkeit zu rechnen, die — ob mit Recht oder Unrecht, mag dahingestellt bleiben — nach früherer Gewohnheit die unsympathischen Eigenschaften der jüdischen Rasse weniger in ihrer Gefährlichkeit als in ihrer Minderwerthigkeit begreift und darum zwar die hervorstechenden Eigenschaften des Judenthums gering schätzt, aber nicht eine so hitzige Temperatur, wie die des Haffes ist, dagcgensetzen mag." Mögen sich das die jüdischen Kreise merken, die immer noch der Meinung sind, daß die Aera des Antisemitismus wirklich schon gänzlich vorüber sei. * Dreyfus ist begnadigt und hält sich jetzt in Carpentras in Südfrankreich auf. Für Kenner der jüdischen Geschichte ein eigenthümliches Schauspiel! Carpentras war einmal der Hauptort der südfranzösische» Judenschast. Gerade die Päpste von Avignon hatten ihnen Heimathrecht im neuen Kirchenstaat verliehen und damit allenl Abendland ein frühes Beispiel der Toleranz gegeben, zu einer Zeit, wo Räffenhaß und Glaubenseifer sonst aller Orten den unwillkommenen Gästen den Scheiterhaufen schichtete. Dort hatten sie ihre großen Lehrhäuser und arbeiteten auch fite .bia allgemeine Wissenschaft. Es ist ein seltsames Spiel der Weltgeschichte, daß auch jetzt wieder, nach mehr als einem halben Jahrtausend, ein verfolgter Jude vor der Meute seiner Gegner Schutz in den» alten südfranzösischen Städtchen sucht. * Der algerische Antisemitenführer Max Rägis, der seine Absetzung vom Bürgermeisteramt in Algier nicht verwinden kann, hat in dieser Woche eine afrikanische Ausgabe der traurigen Poffe in der Rue Chabrol veranstalten wollen. Wie aus Algier berichtet wird, wollte» am 21. Abends Rögis und seine Anhänger vor dem Militärklub, wo eine Abschiedsfestlichkeit für den aus dem Dienst scheidenden General Larchey stattfand, eine Kundgebung veranstalten. Sie begaben sich, als sie von der Polizei zurückgedrängt wurden, nach dem Judenviertel; hier kam es zu einer Schlägerei, bei der auch Revolverschüsse fielen. Die Juden erwiederten die Schüsse. Die Polizei mußte von den Waffen Gebrauch machen; zwei Polizisten und ein Polizeiinspektor erlitten Verwundungen. Rägis suchte darauf nach der i „Billa Antijuive" zu gelangen, stieß aber an den Thoren von Jsly aufs Neue auf die Polizei; es entstand wieder ein Handgemenge, bei