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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-29 · Heft 39 (29.9.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 29. September 1899. 63. Jahrgang. Nr. 39. Allgemeine Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner D^Ludwig PhiNppson-Konn. Verlags-Crpedition: Verlin, Jerusalemerstr. 48/49. I Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin J unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. 1 Redacteur: Gustav Karpeles. I Leitartikel r Aus dem Lande der Unwahrscheinlichkeiten. — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Der Ritualmord zu Bern (1288) in geschichtlicher Beleuchtung. Bon Richard Lichten st ein. — Mayer Sulzberger und die Jewish Publication Society. Von Julius Plotke. — Moses Mendelssohn und seine Verwandten. Von Dr. M. Kahserling. — Lesefrüchte. Von Professor Dr. L. Geiger. — Feuilleton: Jom Kipur. V. Von Marha Rosenberg. — Ostende — Petersburg 1890—1899. Von R. Jljisch. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Kolberg, Crone a. Br., Breslau, Holzminden, Frankfurt a. M., Mannheim, Wien, Kuttenberg, New-York. — Bon Rah und Fern. — Miscelterr. Aus dem Fände der Unwahrscheinlichkeiten. Berlin, 25. September. esterreich hat wieder einmal ein großes Kulturwerk vollbracht. Nicht mit Unrecht nennt man es das Land der Unwahrscheinlichkeiten. Denn es giebt viele Dinge, die wirklich nur dort möglich sind, und das Unwahrscheinliche wird innerhalb der schwarzgelben Grenzpfähle gar oft zum Ereigniß. Der Prozeß zu Kuttenberg, von dem wir schon in der vorigen Nummer gesprochen, ist ein solches Ereigniß. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde dort die Blutlüge „gerichtlich erhärtet". Es hieße sich selbst erniedrigen, wollte man über das Blutmärchen auch nur ein Wort noch verlieren. Wie lange ist es denn her, seit auf dem Dresdener Antisemitentage auf großer Jahrmarktsleinwand das Bild des Mädchens von Tisza-Eszlar gezeigt wurde, der armen Esther Solymossi,. wie sie von den Juden geschlachtet wird? Wie lange ist es her, seit in Xanten ein jüdischer Schlächter beschuldigt wurde, an einem christlichen Knaben einen Ritualmord vollzogen zu haben? Die Blutlüge wurde damals von den Würdenträgern beider christlichen Kirchen, von Fürsten, Staatsmännern, Geschichtsforschern zur Erfüllung einer Pflicht der Menschlichkeit bekämpft, und die Wahrheit siegte. Man konnte hoffen, daß am Ende des neunzehnten Jahrhunderts die ruchlose und blödsinnige Fabel, als verwendeten die Juden oder irgend welche Juden zu irgend welchen Kultuszwecken Christenblut, wie einst von den Römern den Christen vorgeworfen wurde, daß sie Heidenblut brauchten, um ihre Religion zu übe», endgiltig überwunden sei. Aber wer an den Fortschritt der Menschheit glaubt, erfährt mitunter herbe Enttäuschungen. Und am meisten in unseren Tagen. Da wundert man sich, daß im Mittelalter Hunderte und Tausende Juden verurtheilt und erschlagen wurden, weil sie Hostien gemartert haben sollte». Es fanden sich für diese Bezichtigung immer Zeugen und für die Berurtheilung immer Richter. Und sprach für die Schuld nicht „die Stimme des Bolkes" genau so wie in Kuttenberg? Aber schon in der Bulle vom 25. September 1253 trat Papst Jnnocenz IV., indem er sich auf das Beispiel sechs anderer Päpste berief, der Blutlüge entgegen und gab, „um der Schlechtigkeit und Habgier der bösen Menschen zu begegnen", der Christenheit auf, „daß Niemand sie (die Juden) beschuldige, daß sie bei ihrem Ritus Menschenblut gebrauchen, weil ihnen ja im Alten Testament vorgeschrieben ist, sich — von Menschenblut ganz zu geschweigen — jeglichen Blutes zu enthalten". Gregor X., Martin V. und andere Päpste haben diese Warnung wiederholt; eine Reihe Kardinäle, in unseren Tagen besonders Fürstbischof Kopp, ist der Blutlüge nachdrücklich entgegengetreten. Was thut das tschechischen Staatsanwälten, Advokaten, Richtern, Geschworenen und — deutschen Antisemiten? „Wo ist das Blut?" so heult die Meute. Aber jede befriedigende Antwort würde ihr als eine Ausrede erscheinen. Sie will die Blutlüge aufrecht erhalten — nicht etwa, weil sie selbst daran glaubt, o nein, so dumm ist sie nicht! — sondern weil sie diese braucht, um das Feuer des Haffes, das schon im Verglimmen war, neu zu schüren. Die sogenannten „Gcständniffe" des verurtheilten Leopold Hilsner, von denen die Zeitungen in den letzten Tagen berichteten, gehören auch in die ganze Affäre. Sie wäre ja unvollständig ohne diese. Wer erinnert sich nicht an die „Geständniffe" von Moritz Scharf in Tisza-Eszlar? Und ist das „Geständniß" von Dreyfus, über das Lebrun-Renauld so dramatisch zu berichten wußte, etwa schon vergeffen? Auch aus Belgrad berichtet man ja heute von einem „Geständniß" des Attentäters Knezewitsch, das der das Gefängniß überwachende Gendarmeriehauptmann mit einem Dolch in der Hand erpreßte. Und gerade Leopold Hilsner sollte angesichts des vermeintlichen Scharfrichters und des Galgens, der aber seltsamerweise — ein Telephon war, kein Geständniß abgelegt haben? Nun „die Tage werden sprechen". Die Aufklärung über das Geständniß wie über den Mord selbst kann nicht ausbleiben. Ja, wenn nicht alle Zeichen trügen, ist auch hier die Wahrheit schon im Anmarsch. Gerade das „Geständniß" Hilsners wird vielleicht zur Entdeckung des Mörders führen. Mit unseren falschen Freunden von der „Kölnischen Zeitung" und mit unseren echten Feinden von der „Germania" werden wir dann später abrechnen. Die antisemitische Preßmeute aber lasten wir fortheulen. Für sie ist dieser Prozeß eine brillante Reklame zum Quartalswechsel — weiter nichts. Sie zu widerlegen, hieße, wir müffen das Wort wiederholen, nichts weiter als sich selbst entehren. Die Sache selbst, und nur diese, steht jetzt im Vordergründe und erheischt sonnenklare Aufhellung Man darf hoffen, daß alle betheiligten Faktoren sich mit dem größten Eifer bemühen werden, diese herbeizuführen. Es ist gar nicht unmöglich, daß der neueste

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