Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 38. Berlin. 22. September 1899. Weikrge zur „Allgemeinen Zeitung öes ZuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 17. September. Am 10. d/M. tagte im Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes die zweite Sitzung der Kommission zur Bekämpfung der Wanderbettelei, zur Organisation der Armenpflege, zur Begründung von Arbeitsnachweisen sowie Arbeitsstätten. Es nahmen Theil die Herren: E. Rosenstiel-Berlin, als Vorsitzender, Prof. Dr. Philippson und Maurermeister Adler, als Vertreter des D.-J. G.-B., und Herr Martin Simon, als Vertreter der jüdischen Gemeinde von Berlin, von auswärts waren erschienen die Herren: Vorsteher G. Davidsohn-Danzig für den Westpreußischen Gemeindeverband, Vorsteher Frank-Leipzig für seine Gemeinde, Hirschler-Frankfurt a. M. als Vertreter des Herrn Charles Hallgarten für den dortigen Israelitischen Hilfsverein, Amtgerichtsrath Levy-Beuthen für den Gemeindeverband im Regierungsbezirk Oppeln, Rechtsanwalt Dr. Lewin-Stettin für den Pommerschen Gemeindeverband, Rabbiner Dr. Walter-Bromberg in Vertretung des Landgerichtsraths Peltasohn für den Gemeindeverband im Regierungsbezirk Bromberg. Am Montag erfolgte eine gemeinschaftliche Befichtigung des „Arbeitsnachweisbüreaus", der „Jüdischen Volksküche" sowie der „Berliner Arbeitskolonie" in der Reinickendorferstraße. Die meisten der wichtigen Verhandlungsgegenstände sind z. Z. noch nicht bis zur Publikationsfähigkeit gefördert, dagegen kann schon jetzt das Nachfolgende veröffentlicht werden. Auf Antrag des Israelitischen Hilfsvereins in Frankfurt a. M., Ref. Herr Hirschler von dort, wurde beschlossen, auf die in einzelnen Großgemeinden ansässigen jüdischen TrarMateure von Gemeinde wegen in dem Sinne einzuwirken, daß sie überhaupt keine Uebersetzungen von sogenannten Jnlandspässen, die nur für Rußland bestimmt find, für die Wanderbettler mehr anfertigen. Ferner wurde dem Wunsche des Herrn Uebersetzers Elk in Frankfurt a. M. stattgegeben, die nachstehende Erklärung den jüdischen Zeitungen mit der Bitte um Veröffentlichung zu übersenden. Erklärung: Es ist mir zur Kenntniß gelangt, daß mancher herumwandernde Schnorrer kleine rusfische oder polnische, gewöhnlich im blauen Umschlag gehaltene Legitimationsbüchelchen, angeblich von mir übersetzt, den israelitischen Hilfsvereinen vorzeigt. Da ich mich seit Jahren mit Uebersetzung besagter Dokumente nicht befasse, so erkläre ich hierdurch öffentlich, daß alle derartige mit meinem Namen und Stempel versehene Uebersetzungen entweder gefälscht oder durch unehrliche Manipulationen zu Händen der Borzeiger gelangt find. Die verehrl. Vereine, Hilfskaffen re. mögen alle solche angeblich von mir übersetzten, oben angeführten Legitimationsbüchelchen zwecks Verhinderung weiteren Unfugs anhalten und den Vorzeiger nach Gebühr behandeln. Ueberhaupt möge Allen und Jedem kund und zu wissen gethan sein, daß diese Legitimationsbüchelchen gar keinen legalen Werth im eigentlichen Rußland haben, ihre Giltigkeit beschränkt fich nur aus diejenige Stadt im ehemaligen Polen, für welche sie als Anmeldezettel in Wohnungsänderungen, Geburten und Sterbefällen herausgegeben worden find, gez.: Julius Elk, vom kais. ruff. Gen.-Kons. dahier laut Attestat.vom Jahre 1886 8ub Nr. 998 approbirter russischer Uebersetzer. Frankfurt a. M., d. 18. 8. 99. L2 Berlin, 18. September. Zur Warnung für unsere jungen Glaubensgenossen dürfte der folgende Fall einer Sachbeschädigung eigener Art dienen, der den Kaufmann Alfred Konitowski vor die 134. Abtheilung des Schöffengerichts führte. Am Nachmittag des 16. Juni ging der Angeklagte durch die Friedrichstraße. Ihm fiel eine bekannte Persönlichkeit auf: Der Druckschriftenhändler Neumann ging wie gewöhnlich auf dem Straßendamm, unmittelbar neben dem Bürgersteig, auf und ab und hielt den Vorübergehenden seine antisemitischen Druckschriften entgegen. In einer Hand hielt er ein Plakat bis zur Gefichtshöhe empor, das die mit fetten Lettern gedruckten Worte: „Die Juden find" und darunter zwei Schweine zeigte. Der Angeklagte, der jüdischen Glaubens ist, ärgerte sich über das Plakat, mit raschem Griff entriß er es dem Händler, zerriß es in kleine Stücke und warf die Fetzen auf den Straßendamm. Neumann folgte ihm und veranlaßte seine Feststellung durch einen Schutzmann. Der Angeklagte gab den Sachverhalt unumwunden zu. Die Zeugen bekundeten, daß durch den Druckschriftenhändler Neumann fast täglich Aufläufe in der Friedrichstraße hervorgerufen würden. Der Staatsanwalt verkannte nicht, daß der Angeklagte Grund hatte, in Erregung und Zorn zu gerathen, aber ein Recht, so zu handeln, wie er gethan, könne ihm nicht zugesprochen werden. Er beantragte gegen ihn eine Geldstrafe von fünf Mark. Der Bertheidiger, Rechtsanwalt Dr. Davidsohn, trat für die Freisprechung des Angeklagten ein. Dessen Ehre sei durch das beschimpfende Plakat auf das Empfindlichste verletzt worden, und er habe nur in erlaubter Nothwehr gehandelt, wenn er den beleidigenden Gegenstand mit Gewalt beseitigte. Sollte der Gerichtshof aber zu einer Verurtheilung kommen, so möge durch Festsetzung der zulässig niedrigsten Strafe zu erkennen gegeben werden, daß der Fall sehr milde läge. Der Gerichtshof folgte dem letzteren Anträge und erkannte auf eine Geldstrafe von drei Mark. Von dem Vorhandensein einer Nothwehr könne keine Rede sein, denn es würde zu sonderbaren Konsequenzen führen, wenn Jemand jeden Gegenstand, durch den er fich belästigt oder beleidigt fühle, ohne Weiteres vernichten dürfte. Der Angeklagte hätte bei der Polizei Schutz und Hilfe nachsuchen sollen. x. Oranienburg, 17. September. Am 21. v. M. feierten Herr Louis Blumenthal und dessen Frau Regina, geb. Simon, die goldene Hochzeit. Schon am Morgen brachte die hiesige Musikkapelle dem Jubelpaar ein Ständchen dar. Später erschien Bürgermeister Beuthner im Namen Sr. Majestät und überreichte dem Jubelpaar eine Ehejubiläumsmedaille mit einem Begleitschreiben. Dann erschien eine Deputation des Magistrats unter Führung des Bürgermeisters. Auch eine Deputation der hiesigen Stadtverordneten begrüßte das Jubelpaar. Hierauf erschien eine Deputation der Synagogengemeinde unter Führung des II. Vorstehers, Rechtsanwalt Jonas. Um 2 Uhr fand in dem festlich dekorirten Saale die Trauung statt. Der Chor des hiefigen Männergesangvereins leitete die Feier mit dem Liede „Sei gegrüßt, du Jubelpaar" ein. Hierauf hielt Se. Ehrw. Herr Rabbiner Dr. Weisse aus Berlin eine ergreifende und rührende Festrede. Mit dem Liede „Verlaß mich nicht" endigte die Feier. Der Jubilar war sechs Jahre Stadtverordneter, 25 Jahre Magistratsmitglied und erhielt das Prädikat Stadtältester. Lp. Aus der Provinz Posen, im September. Der in weiten Kreisen bekannte Hotelbesitzer Ollendorf in Pieschen ist neulich im Alter von 81 Jahren gestorben. — Im 71. Lebensjahre verstarb im August er. in Posen der Kaufmann Rafael Fischer; derselbe gehörte viele Jahre hindurch der Verwaltung der dortigen Synagogengemeinde an. — In Obornik wurde jüngst der Kaufmann Mich aelis Tausk als Waisenrath für die dortigen jüdischen Waisen gewählt. — Kaufmann Hirschberg aus Hamburg, ein geborener Wreschener, der vor circa 20 Jahren von Wreschen nach Hamburg verzog, hat dieser Tage bei einem Besuch in seiner Vaterstadt der dortigen jüdischen Gemeinde bezw. einzelnen Vereinen im Ganzen 6000 Mark geschenkt mit der Bestimmung, am Todestage seiner Mutter Gebete verrichten zu lassen. — Der Mitbegründer des Kriegervereins in Kofel, Rentier Simon Boß, ist neulich daselbst im 80. Lebensjahre gestorben. Das ihm statutarisch vom Kriegerverein zustehende Sterbegeld hat der Verstorbene für wohlthärige Zwecke überwiesen. — Ein sehr wohlthätiger Glaubensgenosse, der langjährige Repräsentantenvorsteher der Gemeinde Falkenberg, Herr Loebel Glogauer, ist kürzlich im 83. Lebensjahre gestorben. — Kaufmann Emil Holländer in Leobschütz ist zum Stadtrath daselbst gewählt und bestätigt worden. — Zum Vertreter des westpreußischen Städtetages ist der Spediteur A. Landshut in Neumark gewählt worden. — Lehrer Bernstein in Lobfens ist von der Regierung zu