Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
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452 Zur Vermiethrmg der Tempelplähe. Bon Dr. Heinrich Lewr», Gymnasialoberlchrer in Mülhausen. fichtgedrängt stunden unsere Glaubensgenoffen aller Orten jüngst in den Gotteshäusern: viele, deren Fuß während des ganzen Jahres die Schwelle des Tempels nicht mehr überschreitet, finden in diesen heilig-ernsten Tagen den halbvergeffenen Weg noch wieder. So erhebend auch der unwillkürliche Blick aus das Heer von Betern und Bekeunern wirkt, ein Gefühl des Unbehagens drängt sich doch manchem Betrachter auf bei dem Gedanken, daß alle diese Männer und Frauen an heiliger Stätte geordnet erscheinen nach — der Größe ihres materiellen Besitzes. Unschön und unjüdisch ist die Einrichtung, daß der Reichbegüterte auch im Heiligthum bevorzugt bleibt, daß der Arme selbst im Tempel seines Gottes nur hinten stehen darf. Die Vermiethung der Tempelplätze mag ein unvermeidliches Uebel sein, obwohl nicht alle Kirchen diese Einrichtung zeigen. Aber auch bei ihrem Fortbestände giebt es Wege, um die Gleichbewerthung von Arm und Reich im Angesicht des Allerhöchsten zum Ausdruck zu bringen. In meiner Vaterstadt werden für jüdische Begräbniffe, obwohl die Einfachheit in allen Fällen ohne Ansehen der Person die gleiche ist, verschiedene Gebühren erhoben, je nach dem Vermögen. Entsprechend könnten für Tempelplätze verschiedene Beträge in Ansatz kommen, ohne daß der Mehrzahlende Anspruch auf eine Mehrleistung seitens der Gemeinde hätte. Alsdann wären sämmtliche verfügbaren Plätze entweder in der Art zu verthcilen, daß die Gemeindemitglieder nach der Dauer ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinde geordnet werden, oder das Lebensalter gebe den Ausschlag, oder man verloose — sei es jährlich, sei es in größeren Zwischenräumen — die Plätze unter alle Gemeindemitglieder. In jedem Falle gebührt gleiches Recht auch Denjenigen, welche wegen Arniuth überhaupt keine Beiträge entrichten. Bei Darlegung meines seit Jahren gehegten Gedankens in engerem Kreise erfuhr ich, daß eine solche Einrichtung in einer Gemeinde bereits besteht und sich bewährt, und daß in einer anderen ein Antrag in dieser Richtung gestellt worden ist. Möge recht bald überall mit thatkräftiger Hand der eingewurzelte Mißbrauch beseitigt und so der Ethik des Judenthums im jüdischen Tempel Geltung verschafft werden! UesttLionen. fte vor uns sich entwickelnden sozialen und politischen Zustände geben zu ernstem Nachdenken Anlaß. Wer Augen hat, um zu sehen, und Ohren, um zu hören, kann unter diesen Verhältniffen einer Gedankenfülle sich nicht erwehren, die wie eine aus Gebirgshöhe sich ergießende Quelle mächtig auf ihn eindringt. Wo die Antecedenzien vorhanden sind, können die Konsequenzen nicht ausbleiben. Wird Wind gesät, muß Sturm die Folge sein. Tritt dieser ein, dann lockern sich die Klammern, welche das Gefüge zusammenzuhalten bestimmt sind. So lehrt die Geschichte im Großen und die tägliche Erfahrung im Einzelnen. Mag es auch unbestritten bleiben, daß, wenn Zwei daffelbe thun, es nicht daffelbe ist, so erleidet deshalb die axiomatische Unumstößlichkeit des Gesetzes auch nicht den leisesten Ruck, daß gleiche Ursachen zu gleichen Wirkungen führen. Nur subjektiv pulsirende Kräfte fördern ungleichmäßige Resultate zu Tage, dagegen ergeben objektiv wirkende Motoren gleiche Produkte. Manuelle Fertigkeiten varnren in ihren Erzeugniffen, während diejenigen der Maschine einander gleichen. Jene sind Ergebniffe zur Geltung kommender Stimmungen und Empfindungen, diese folgen einer strikte vorgezeichneten Leistungslinie. Dieselbe Bewandtniß hat es mit dem Verhältnisse von Ursache und Wirkung. Natnrnothwendig resultirt diese aus jener. Wer das gegenwärtige Schicksal jenes Reiches ins .Auge faßt, in welchem einst die Sonne nicht unterging, und die richtige Er-. kenntniß besitzt für den im geschichtlichen Gange sich kundgebenden Causalnexus, der wird mit prophetischem Blicke das Ende von Geschehniffen und Vorkommniffen zu verkünden in der Lage sein. Die Propheten der biblischen Zeit konnten den Völkern deren Zukunft prognostiziren, weil sie ihre Augen offen hielten für die- Verkettung der im Bereiche der sich vollziehenden Thatsachen sich zeigende» Ursachen und Wirkungen. Im Spiegel der Vergangenheit tritt uns das Ziel der Zukunft entgegen. Will man über die Ereigniffe der kommenden Tage nicht ganz im Dunkel bleiben, so studire man diejenigen der vergangenen. ... Die Geschichte Spaniens ist sehr lehrreich. Laut und vernehmlich erhebt sie ihren Mahn- und Warnungsruf: „Ihr Regierungen, hütet Euch, in die Fußtapfen zu treten, welche die Machthaber der pyrenäischen Halbinsel gegangen sind! Sie führen Euch uiraufhaltsanr in den Abgrund. Nehmet Euch in Acht vor Rathgebern, die, um selbst die Herrschaft an sich zu reißen, Euch zu bethören suchen und heuchlerisch im Namen der Religion das Wort führen; ein sicherer Untergaug ist Euer Loos, wenn Ihr ihren gleißnerischen Reden das Ohr leiht!" Wird dieser Ruf auch aller Orten beachtet? Wehe! dreimal wehe! Sie sind ihm gegenüber mit Taubheit geschlagen, als ob ein böses Geschick sie bereits dem Verderben geweiht hätte. Wehe! dreimal wehe! Sie haben Ohren und hören nicht. Vermeintlich ein zweiter Capistran, der „Herr von Wien", als welcher der Maulheld Lueger sich ansieht, ruft die Menge zu Verfolgung, Haß und Feindseligkeit gegen die Bekenner des Judenthums auf. Wo ist der Arm, der sich zum Schutze der also Bedrückten erhebt? Und nicht um dieser allein willen, als vielmehr um des gekränkten Rechtes und der geschmähten Gerechtigkeit willen. „Justitia kuiulamentum regnorum.“ Die Weltgeschichte ist — das Weltgericht. II. Wahrhaft tragisch ist das Geschick zu nennen, das die österreichische Judenschaft ereilt hat. Vom Antisemitismus vieler Orten in die Enge getrieben, im Stiche geläffen von den behördlichen Organen, erweist sich auch der Ausblick nach Männern, die in der Zeit arger Bedrängniß für sie einzuflehen und das Wort zu führen in der Lage wären, als eitel. In alter und halbvergangener Zeit galten die Wiener Juden als die Takiphim und M'lizim, wenn und wo es galt, die angegriffenen Rechte ihrer Glaubensbrüder in Schutz zu nehmen oder das Damoklesschwert der Verfolgung, das über ihren Häuptern schwebte, abzuwenden. S. Oppenheim, Samson Wertheimer, Bernhard Eskeles, Aguilar — sie setzten in schweren Tagen ihren ganzen Einfluß ein. um die Gunst von Fürsten und Mächtigen des Reiches für die Verfolgten und Bedrückten zu gewinnen. Manheimer, Joses Wertheimer, Leopold v. Wertheimstein, Sichrowski — sie traten bis an den Thron heran, um die den Juden vorenthaltenen Rechte zu reklamiren.