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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-22 · Heft 38 (22.9.1899) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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451 während die Herren Heß und Strauß bis zum Schluß der Versammlung mit regem Interesse beiwohnten. Der Vorsitzende, Herr Alt - Diez, eröffnet die Versammlung mit einem Willkommengruß an alle Erschienenen, mit besonderem Dank an die Herren Vorstände der Gemeinde Wiesbaden, sowie an die drei Herren Bezirksrabbiner für ihr die Lehrer ehrendes Erscheinen und schließt mit einem Hoch auf Se. Majestät den deutschen Kaiser, worin die Theilnehmer begeistert einstimmen. Es ergreift zunächst Herr Dr. Silberstein das Wort und entbietet den Lehrern feinen Willkommengruß. In kernigen, von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Worten bespricht der geehrte Redner die Angelegenheiten des Berufes und Standes der israelitischen Lehrer. Er betont, daß es höchste Zeit sei, daß sich die israelitischen Lehrer zu einem organisirten Ganzen gestalten, um die nöthigen Ziele zu erreichen, und zwar: 1. gedeihliche Entwickelung der Religionsschule, um dadurch echte und wahre Religiosität zu fördern, und 2. die Besserstellung der Lehrer innerhalb der Gemeinde, Altersversorgung und Versorgung der Relikten. Unsere Zeit kranke noch zu sehr an dieser Thätigkeit. Mit einem Appell an die Lehrer, auf dem bereits beschrittenen Wege weiter zu gehen, schloß der verehrte Redner mit den Worten „Schöpfet hier Wasser des Heils" unter allseitigem Bravo seine kernige Rede. Herr Vorsteher Heß dankt in feinem und im Namen seiner Herren Kollegen für die Einladung zur Versammlung. Auch dieser Redner kennt und anerkennt die schwierige soziale Stellung des Lehrers in jeder Hinsicht. Mit dem Satze: „Die Schlachten werden durch den deutschen Schullehrer geschlagen" giebt Herr Heß einen Vergleich, daß die jüdischen Lehrer dazu berufen sind, ebenfalls auf ihrem Gebiete geistige Schlachten zu schlagen. Die Lehrer seien die Feldherren, die Schüler und die zu Männern und Frauen herangewachsenen Kinder die Soldaten, die Religionsschule das Schlachtfeld und der zu schlagende und zu besiegende Feind der Antisemitismus. Die Kinder müssen in der Schule soweit gefördert und gebildet werden, lügenhaften und entstellten Behauptungen von Seiten der Antisemiten entgegentreten zu können. Sie müssen aber auch mit den erhabenen Satzungen der Religion so vertraut gemacht werden, daß sie dieselbe lieben und nicht hassen, daß sie standhaft bleiben im Glauben der Religion und nicht, wie dies häufig geschehe, von demselben abfallen und zum Taufbecken ihre Zuflucht nehmen. Der Redner betont ferner, daß der Antisemitismus wohl eine gute Seite habe, daß mancher indifferente Jude aufgeweckt und aufgerüttelt und so zu dem beinahe verlassenen Glauben zurückgeführt werde. Die israelitischen Lehrer Nassaus können stets in ihren Bestrebungen auf die Hilfe des Vorstandes der Gemeinde Wiesbaden rechnen, und zum Zeichen, daß es nicht leere Worte sind, sondern That ist, giebt Herr Vorsteher Heß bekannt, daß der Gesammtvorstand beschlossen habe, den Theilnehmern der Versammlung einen Zuschuß von 100 Mark zu bewilligen. Die Versammlung spricht ihren Dank für diese Zuwendung durch Erheben von den Sitzen aus. Es wird in die Tagesordnung eingetreten, und erhält das Wort Herr Kollege Katzenstein-Schierstein zu seinem Thema: „Welche Mittel stehen dem israelitischen Lehrer zu Gebote, die Religiosität in seiner Gemeinde zu heben?" Der Herr Referent hat sich in der That ein sehr schwieriges, aber auch sehr lohnendes Thema gestellt. In dem mit großem Fleiße ausgearbeiteten Vortrag sucht der Referent zu konstatiren, daß besonders in den „Landgemeinden" die Religiosttät sehr abgenommen habe, das beweise der spärliche Besuch des öffentlichen Gottesdienstes sogar am Sabbath. In der alten Zeit habe man im Gotteshause an Wochentagen mehr Andächtige gefunden wie jetzt an Sabbath- und Festtagen. Vereine zu Thorastudium und Bauen von Sukkoths finde man selten; die Vereine der guten alten Zeit sind eingegangen. Es entspinnt sich eine sehr rege und interessante Debatte. Zunächst bemängelt Kollege Sulzbacher-Bibrich den Ausdruck „Landgemeinden" und will an Stelle dessen „Gemeinden" gesetzt wissen. Nicht in den Landgemeinden allein, sondern auch in den Stadtgemeinden ist die Religiosität zurückgegangen. Dem schließt sich auch Herr Vorsteher Heß-Wiesbaden an, welcher aus eigener Erfahrung konstatiren kann, daß gerade in den Landgemeinden noch mehr Religiosität vorhanden sei als in den Stadtgemeinden. Im weiteren Verlauf der. Debatte betheiligen sich die Herren Rabbiner Dr. Dr. Silberstein-Wi^sbaden, Weingarten-Ems und Landau-Weilburg sowie die Kollegen Lomnitz und Lahnstein, Alt- Dietz, Wols-Nußbaum und Blum-Wiesbaden, Jäckel-Westerburg, Greif- Schwalbach sowie der Unterzeichnete. Herr Rendant Strauß-Wies- | baden erachtet zur Hebung der Religiosttät das Abhalten religiöser Bor- ] träge beim öffentlichen Gottesdienst für nöthig. Ueber diesen Punkt j entsteht eine etwas sehr erregte Debatte. Zum Schluß werden folgende ) Thesen angenommen: i Um die gesunkene Religiosttät in den Gemeinden zu heben, ist a erforderlich: f 1. gründlicher Religionsunterricht; 2. würdevolles Vortragen der Gebete beim öffentlichen Gottesdienst; 3. Bildung religiöser Vereine; 4. Halten deutscher Borträge religiösen Inhalts beim öffentlichen i Gottesdienst. (Zusatz Strauß-Wiesbaden.) 'j 2. Punkt der Tagesordnung: Allgemeine Pensionskasse des Lehrerverbandes. Vorsitzender Alt giebt als Delegirter Bericht über den Delegirtentag in Berlin. / 3. Pensions- und Unterstützungskasse der Lehrer Nassaus. Kollege Sulzbacher-Biebrich verbreitet sich über den Stand der Kasse und fordert zur regen Betheiligung und Zuführung von Mitteln zur Kasse auf. Rendant Strauß-Wiesbaden erklärt, die Gemeinden müssen zur Kasse im Verhältniß zu ihrer Steuerkraft beitragen, denn ohne Subvention der einzelnen Gemeinden ist ein erfolgreiches Resultat nicht zu erzielen. Dabei wollen wir bemerken, daß die Gemeinde Wiesbaden, obwohl sie für die Pensionirung ihrer eigenen Beamten Sorge trägt, unserer Unterstützungskasse jährlich 100 Mark zuweist- (Bravo.) Kollege Wagschaal-Montabaur meint, daß Selbsthilfe für den engeren Kreis nöthig sei, eine allgemeine Verbandskasse nütze nichts. Der Unterzeichnete bleibt auf seinem vorjährigen Standpunkt stehen, daß nur durch Eingreifen staatlicherseits Nennenswerthes erzielt werden kann, wie Erhebung einer allgemeinen Kirchensteuer zu einem niederen Prozentsatz. Vorsteher Heß-Wiesbaden anerkennt im Prinzip diesen Vorschlag, glaubt aber nach Lage der Verhältnisse nicht an die Durchführbarkeit desselben. Er schlägt dagegen vor, durch einmalige Zeichnung von Beiträgen von den Glaubensgenossen des Regierungsbezirks Wiesbaden einen Fonds resp. Grundstock zu bilden, sowie einzelne Gemeindemitglieder als Ehrenmitglieder des Vereins zu gewinnen. Damit wird Punkt 3 der Tagesordnung verlassen. Es erhält zu ' Punkt 4 der Tagesordnung Kollege Jäckel-Westerburg das Wort zu seinem Referat: „Die Vorbildung des Lehrers" (Berbandsthema). Auch dieser Referent hat es an Fleiß nicht mangeln lassen, seiner Aufgabe vollständig gerecht zu werden. Der Vortragende will insbesondere den Schächterdienst vom Lehrerdienst getrennt wissen mit der Motivirung, „das Schächten wirke verrohend auf den Lehrer". Der Vortragende steht mit seiner Ansicht wohl isolirt da, insbesondere wird von den Herren Dr. Landau und Dr. Silberstein sowie Herrn Vorsteher Heß geltend gemacht, daß das Schächten ein religiöses Gebot sei, und ein solches durchaus den guten Sitten nicht widersprechen kann - und darf, umsomehr, da nur Männer von makellosem Ruf, streng religiös-sittlich-moralischem Charakter und Lebenswandel als Schächter autorisirt werden können und dürfen. Im Uebrigen muß, wie bereits oben erwähnt, konstatirt werden, daß Kollege Jäckel mit Fleiß und großer Sachkenntniß sich seiner Aufgabe entledigte. Reicher Beifall lohnte dem Redner für seinen Vortrag. In dem Vortrag „Vorbildung des Lehrers" wird verlangt: 1. Geeignete Persönlichkeit zum Lehrerberuf; 2. gründliche Vorbereitung und Vorbildung; 3. nach dem Austritt aus dem Seminar weitere Fortbildung; 4. die Seminarlehrer sollen aus dem Bolksschullehrerstand hervor- [ gehen. | Hiermit war die Tagesordnung erschöpft. Der Vorsitzende schloß i die Versammlung mit Dank an den Vorstand der Wiesbadener Ge- | meinde und mit einem Hoch auf denselben. Nicht unerwähnt wollen wir lassen, daß die Verlagsbuchhandlung W. Jacobsohn & Cie. in 3 Breslau der Versammlung eine Anzahl Lehrbücher zur Verfügung 1 stellte, wofür hiermit öffentlicher Dank ausgesprochen wird. i Weilburg, im Juli. B. Lehmann, Schriftführer.

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