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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-22 · Heft 38 (22.9.1899) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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447 Wie ich dazu gekommen bin, Dreyfus für unschuldig zu halten? Auf die einfachste Weise von der Welt. Sie wissen, daß ich Jude bin. Ich habe mich viel mit semitischen Studien beschäftigt und habe eine große Zahl jener Ritualprozesse geprüft, die gegen die Juden angestrengt worden sind, und die alle mehr oder weniger den Haß, die Lügen und die Fälschungen aufweisen/denen wir im gegenwärtigen Prozesse begegnen. Sie erinnern sich, daß die Antisemiten seit zwei Jahren eine Hetze gegen die Juden in der Armee betreiben. Man bedurfte einer Sanktion der Hetze, und diesem Zwecke diente der Prozeß Dreyfus. Sobald ich die Verhaftung des Dreyfus erfuhr, stellte ich als Psycholog zu meiner persönlichen Information eine Untersuchung an; ich erforschte die Lage der Familie, ihr Vermögen, ihren Ruf u. s. w. und bemerkte sofort, daß das Motiv zu dem Verbrechen mangelte. Ich brauche Sie nicht an den alten Rechtsspruch zu erinnern, den Bertulus kürzlich an der Zeugenbank erwähnt hat: Wo kein Motiv ist, da ist auch kein Verbrechen. Und nach der Verurtheilung? Ich war so sehr überzeugt, daß das Ganze eine Machination war, daß ich für mich nicht einen Augenblick daran zweifelte, man habe einen Unschuldigen verurtheilt. Aber in diesem Augenblicke wäre es thöricht gewesen, gegen die Strömung anzukämpfen. Meine Ueberzeugung stand bereits fest, als im Jahre 1895 Herr Balabrögue von Charpentras zu mir kam, den ich seit meiner Kindheit kannte. Er ist der Schwager des Kapitäns Dreyfus. Er setzte mir seine Meinung aus einander und brauchte mich von der Unschuld des Berurtheilten nicht erst zu überzeugen. Er fragte mich, ob ich Mathieu Dreyfus empfangen wolle, was ich gern zusagte. Bei unserer ersten Unterredung theilte mir Mathieu Dreyfus mit, daß dem Kriegsgericht geheime Schriftstücke vorgelegt worden seien. Dieser Vorgang findet sich in der einen oder anderen Form bei vielen Ritualprozessen. Wie hat man erfahren, daß geheime Schriftstücke mitgetheilt wurden? Durch den Präsidenten Faure, der es seinem alten Freunde Dr. Gibert sagte, und dieser hat es wieder Mathieu Dreyfus erzählt. Etwas später hat der Advokat Salles mit einem Mitglieds des Kriegsgerichts gespeist, und dieses hat ihm die Thatfache bestätigt; das betreffende Mitglied hat diese juristische Ungeheuerlichkeit ganz natürlich gefunden. Salles hat die Sache dem Bertheidiger Demange mitgetheilt, und das war der Ausgangspunkt unserer Kampagne. Wir wußten in diesem Augenblick noch nicht, was der geheime Dossier enthielt, aber wir zweifelten nicht daran, daß er nur Lügen enthielt, da man nicht einmal gewagt hatte, hinter verschlossenen Thüren sie dem Angeklagten und seinem Bertheidiger zu zeigen. Sie sprechen von einer Kampagne. Worin bestand sie? Zunächst in den Nachforschungen, die von einem Privatdetektivbüreau angestellt wurden. Dies und meine zwei Broschüren verursachten die ganzen Kosten, die von der Familie Dreyfus aufzubringen waren. Man spricht von der lächerlichen Fabel eines Syndikates, als wenn so viele edle Gewissen und unabhängige Geister zu kaufen wären wie die Kälber auf dem Markte! Die Familie Dreyfus ist groß, und ihre Mitglieder find alle reich. Da sind zunächst vier Brüder des Kapitäns und drei verheiratete Schwestern; dann die Familie Hadamard, die der Frau Dreyfus; das sind acht Familien mit großem Vermögen, die nicht nöthig haben, die Unterstützung Anderer anzurufen für Dinge, die lange nicht so viel Geld kosten, wie man gewöhnlich glaubt. Diese Aeußerungen geben erwünschte Aufklärung über manche bisher unklare Momente in dieser ganzen Tragödie. * Es hat uns nicht im Geringsten überrascht, daß die antisemitische und die dieser affiliirte konservative Preffe, wie „Hamburger Nachrichten", „Schlesische Zeitung" u. s. w., in dem Urtheil von Rennes, das nunmehr durch die Begnadigung von Dreyfus eine erfreuliche Korrektur erfahren hat, den Sieg einer gerechten Sache erblicken. Nur die Rücksicht, die sie den bestimmten Erklärungen der Reichsregierung schulden, zwingt sie, urkomischerweise aus dem deutschen Spion einen russischen zu machen. Recht auffällig ist aber das Verhalten der ultramontanen „Germania". Sie verhält sich in der Hauptsache referirend, läßt aber deutlich genug durchblicken, daß sie Dreyfus für schuldig hält, da Indizienbeweise in überzeugender Fülle Vorgelegen hätten. Auch für die Zubilligung mildernder Umstände hat das Centrumsblatt eine Erklärung, der sich der Vorzug der Originalität nicht absprechen läßt. Sie fragt: „Ob vielleicht nicht die Zugehörigkeit zur jüdischen Rasse, welcher als Eigenthümlichkeit auch die Bekundung einer übergroßen Neugierde nachgesagt wird, für das Kriegsgericht als ein milderndes Moment in die Wagschale gefallen sein mag? Dreyfus mag im Generalstabe durch seine Sucht, sich in den Besitz wichtiger Geheimnisse zu setzen, auch in solchen Fällen begründeten Verdacht erweckt haben, wo er thatsächlich nur die Befriedigung der ihm angeborenen Neugierde im Auge hatte." Man sieht also, unsere guten Freunde von rechts und links benutzen die passende Gelegenheit, um an den Juden selbst ihr Müthchen zu kühlen. Glücklicherweise steht all diesem thörichten Gerede das Urtheil der ganzen gesitteten Welt gegenüber, die den unglücklichen Mann von jeder Schuld völlig freigesprochen hat. * Die „Aurore" veröffentlicht eine sensationelle Nachricht. Der Generalissimus der französischen Armee, General Jamont, hat an den bekannten Abgeordneten Leon Bourgois, der ihn zu seiner Beförderung beglückwünschte, geschrieben: „d'estinre, que ne faut pas plus de juifs dans Farmee", und an einer anderen Stelle desselben Briefes: „de m’emploierai de tout mon pouvoir a les faire disparaitre". Das heißt auf Deutsch: „Ich will keine Juden in der Armee, und ich werde mein Möglichstes thun, um sie aus der Armee zu verdrängen." Wenn die Nachricht wahr ist, und der Generalissimus der französischen Armee in der That solche Ansichten hegt, dann stehen den jüdischen Offizieren in Frankreich schwere Tage bevor. Dennoch glauben wir nicht, daß ihre Rechte ernsthaft angetastet werden dürsten. In jedem Falle wird es von Interesse sein, zu erfahren, ob die Nachricht der „Aurore" dementirt wird oder nicht. $ Bekanntlich ist Paul Krüger, der Präsident der südafrikanischen Republik Transvaal, ein orthodoxer Calvinist, und ebenso weiß man, daß er als Staatsmann und namentlich als Diplomat zu den geriebensten seiner Zunftgenossen gehört, weniger bekannt aber dürfte sein, daß. er allen seinen Ideen, auch den vernünftigsten, ein biblisches Siegel aufzudrücken weiß, ohne daß viele seiner Landsleute, die er natürlich gründlich kennt, seine Anträge und Wünsche kurzweg ablehnen würden. Vor einigen Monaten wurde, wie wir schon wiederholt mitgetheilt haben, bei dem ersten Volksraad der Antrag eingebracht, auch den Katholiken und Juden die Fähigkeit zu ertheilen, alle öffentlichen Aemter zu bekleiden, während die Verfaffung der Republik bis jetzt nur den Mitgliedern der reformirten Kirche dieses Recht zuerkennt. Krüger hielt dabei folgende charakteristische Rede: Der Antrag, Jemand wegen Religionsunterschieds von den bürgerlichen Vorrechten nicht auszuschließen, ist in der Geschichte der letzten Jahrhunderte ein Gegenstand ernsthafter Erwägung geworden. Deshalb muß sich hinsichtlich der Juden bei einem Christenvolk folgende Frage erheben: Darf ein Christenvolk und eine Christenregierung aus gesellschaftlichem Gebiet Hindernisse errichten, welche dieses jüdische Volk in seiner Entwickelung mitten unter den Völkern der Welt aufhalten würden, wodurch es in eine untergeordnete Stellung käme und von der prophezeiten Wiederbelebung und zur Rückkehr zur Wahrheit in Christus aufgehalten würde? Und auf diese Frage antworten wir freimüthig auf Grund von Gottes Wort: Nein! Israel steht da als Bundesvolk des Herrn, alle die Jahrhunderte hindurch, es blieb in allen feinen Wanderungen das Volk des Herrn; man lese nur, was Paulus nach ihrer Verwerfung Christi, Römer XI, 2, sagt : „Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er zuvor gekannt hat", und Vers 28: „So sind sie zwar Feinde

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