Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1899)
- Date
- 1899-09-22
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228350--55793-3292033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
-- 446 des Weisen hingestellt. Der hat die Wahrheit, der die Wahrhaftigkeit hat, der hat Recht, der das Recht will. Bei diesem Streite der Schüler Schammais und Hillels war nicht rechthaberische Herrschsucht die Triebfeder, galt es nicht, eine bestimmte Persönlichkeit in den/ Vordergrund zu drängen, sondern Jedem war es heiliger Ernst um die Religion, darum haben sie beide Recht, und beider Worte sind Worte des lebendigen Gottes. Es ist dies ein Streit, sagen die Alten, der bis ans Ende der Tage dauern wird und dauern soll. Denn im Gegensätze der Personen verkümmert die Wahrheit, aber aus dem Gegensatz der redlichen Ueberzeugungen steigt sie empor in leuchtender Siegesglorie. Es bedurfte keines Gottes im Himmel, sondern nur des Gottes in der eigenen Brust zu diesem Urtheil. Aber fürs praktische Leben sollen doch die Normen Hillels gelten. Der Fanatismus, er mag es noch so gut meinen, seine Meinung ist doch nicht die gute; die Strenge, welche uns das Leben schwer macht, mag zuweilen nothwendig sein, aber sie kann nicht die Regel werde». Keine Behörde, so lehrt der Talmud, darf eine Verordnung erlassen, die zu beobachten der Maste des Volkes allzu schwierig ist. Und Hillel ist mild und nachgiebig. Der Heftige schiebt sich selbst einen Riegel vor das Thor der Wahrheit, er nimmt sich nicht Zeit, die Meinung des Gegners zu verstehen und zu prüfen. Sein Wille sei noch so redlich, er dringt nicht zum Ziele. Aber Hillel hat seine Jünger daran gewöhnt, nie einen Gegenstand zu erörtern, ohne daß sogleich die Ansicht der schammaitischen Schule erläutert würde, ja er hatte, um ganz objektiv und vorurtheilslos zu verfahren, die Methode, daß er zuerst die Lehre des Gegners vortrug und sodann erst die seine. Wie sehr auch das Volk das redliche Streben Schammais ehrte, es fühlte instinktiv, daß Hillels Weg sicherer und geebneter sei. So wurde im alten Israel der Streit der Meinungen geschlichtet; Schammai unterlag, aber im Talmud stehen noch heute seine Lehren neben, ja vor denen Hillels, und wer in die Tiefen der Forschung niedersteigt, holt von Beiden gleich sehr Anregung und Belehrung; denn auf den Gefilden der Wistenschaft hinterläßt jede redliche Arbeit ihre dauernden Spuren. Und sollte das neue Israel vom alten gar nichts lernen können? Schroff gegenüber stehen sich die Parteien; streng abzuweisen den Geist der Zeit, das scheint den Einen das Mittel, den Riß zu heilen; sich durch Milde mit ihm zu versöhnen, scheint uns gemäßer und förderlicher für das Gedeihen unserer Glaubensgemeinschaft. Wer hat Recht? Beide, die Alten, die sich nicht lossagen von den ehrwürdigen Formen, unter denen das Judenthum seit Jahrtausenden in die Erscheinung trat, und die Modernen, die den alten Wein in neue Schläuchegießen wollen, sie haben Beide Recht, wenn sie anders erfüllt sind vom heiligen Eifer. Aber diesen Alten ist nicht selten der ganze moderne Geist ein Greuel, und sie wollen nichts von ihm wissen" Sind das nicht die Schüler Schammais, die Zeloten, die in ihren Lehrhöusern nur die eigenen Ansichten vortruge» und die Lehren Hillels gar nicht erwähnten? Ist das nicht die Unduldsamkeit, die den Gegner nicht zu Wort kommen läßt, am Ende gar, weil sie ihn fürchtet? In der Praxis vernehmen auch wir die Stimme von den Höhen, die uns ruft: seit Schüler Hillels, ehrt den Gegner, hört seine Meinung, aber überspannt nicht den Anspruch der Religion an das Leben, knechtet nicht den Menschen durch die Ueberzahl der Ceremonien, und werbet durch Milde für Euere Ueberzeugung. Jedem, der jüdisch fühlt, erhöht es die Festfreude, wenn er sich' einprägt: Hüben wie drüben sind Worte des lebendigen Gottes, ist ein reiner und heiliger Eifer für die Wahrheit, und sie streben auf verschiedenen Wegen zu demselben Ziele, zur Verherrlichung und Erhöhung des Glaubens,' den unsere Väter, deren Andenken wir an diesem Schlußfeste noch einmal in Wehmuth feiern, uns als köstliches Erbe zurückgelaflen habe. Möge die Erinnerung an die Heimgegangenen Lieben uns mahnen an die Versöhnung der Gemüther, daß der Streit der Meinungen, der unvermeidlich ist, nicht auch die Herzen trenne und das Band zerreiße, welches sich um die Familien oder um die Gemeinden schlingt. Der Gedanke an die Väter mahne, das heilig zu halten, was den Vätem heilig war, und wenn wir auf den Geist der Gegenwart horchen, nicht die Vergangenheit zu verleugnen. Aie Woche. Berlin, 19. September. n diesen Tagen hat in dem dunkelsten Theile Böhmens ein Mordprozeß stattgefunden, vor tschechischen Geschworenen, mit einem tschechischen Staatsanwalt, mit einem tschechischen Nebenkläger, mit einem tschechischen Gerichtshof, in tschechischer Sprache, und über allen Verhandlungen schwebte der wahnwitzige Glaube an die Blutlüge, der sich als mächtiger erwies als alle Wahrheit uud Gerechtigkeit. Die entsetzliche Tragödie, die sich in der vergangenen Woche in Polna abspielte, wo der Welt das traurige Schauspiel geböte» wurde, in dem ein armer, gehetzter Mensch mit seinen geringen Verstandeskräfte» gegen eine Meute von Antisemiten kämpfte, schiebt alles andere in den Hintergrund. Die tschechischen und Wiener Antisemiten hatten schon lange den Coup vorbereitet und auch angekündigt, durch Dr. Baxa darzuthun, daß der Angeklagte eine Blutthat aus religiösen Gründen verübt habe, daß es also einen jüdischen rituellen Mord gebe. Was noch niemals und nirgends, trotz aller Bemühungen, von ihnen festgestellt werden konnte, was von den hervorragendsten wissenschaftlichen Autoritäten als ein thörichtes Märchen erklärt wurde, dafür sollte jetzt im Triumph der Nachweis geführt werden. Zu Hilfe sollte ihnen hierbei kommen, daß das Motiv der That, wenn Hilsner sich ihrer schuldig gemacht hat, nicht klar ist, und daß das Verbrechen während der jüdischen Ostertage geschah — allerdings nicht vor den Feiertagen, wo es allein den von der Fama angegebenen Zweck haben könnte. Immerhin aber machte die Erwähnung der Ostertage einen Effekt aus die Menge. Gefördert wurde die nichtswürdige Propaganda, welcher es gelang, die Bevölkerung von Polna in die leidenschaftlichste Aufregung zu versetzen, durch ein ansehnliches Gefolge von Agitatoren. Die Geschworenen glaubten von vornherein an das Märchen. Auch die Sachverständigen von Polna haben ein Gutachten über den Thatbestand gegeben, durch welches sie Diejenigen, welche an einen Ritualmord glauben, darin bestärken. Hat der Prozeß die Schuld des Hilsner auch nicht erwiesen, so daß er nur der Mitschuld wegen verurtheilt werden konnte — das blöde Märchen, wie der Präsident und der Staatsanwalt in einem Wiener Prozesse diese Fabel nannten, wird doch in vielen Köpfen neue Wurzeln fasten, und das ist Denen, welche die Fäden lenken, genug. Auch die deutschen Antisemiten von denen die ganze Agitation ausgeht, werden jubeln. Aber dieser Jubel dürfte nicht allzu lange dauern. Die Ungeheuerlichkeiten, welche der Prozeß zu Polna in juristischer Beziehung darbot, geben doch die Gewähr, daß es Gott sei Dank noch Richter giebt — in Wien und am obersten Gerichtshöfe! * Bekanntlich ist Bernard Lazare der erste publizistische Vertreter der Sache Dreyfus gewesen. Es ist nun für uns interessant, zu erfahren, wie er zur Ueberzeugung von der Unschuld des Dreyfus gekommen ist, und welche Schritte er gethan hat, um die Anerkennung dieser Unschuld zu erzielen. Das hat er in Rennes dem Pariser Berichterstatter der „Jndep. belge", Jean-Bernard, erzählt: