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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-15 · Heft 37 (15.9.1899) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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ohne vorherige Betäubung des Viehes, weil sich dabei daS Blut besser aufsaugen läßt. Nun enthielt die frühere Schlachthofordnung noch insofern eine Beschränkung des Schächtens, als der erste Paffus des § 9 lautete: „Das Schlachten nach jüdischem Ritus ist nur jüdischen Metzgern sowie denjenigen christlichen Metzgern gestattet, welche nachweislich jüdische Kundschaft zu bedienen haben." Es handelt fich nun darum, ob diese Bestimmung aufrecht erhalten werden soll. In der Schlachthofkommisfion hat man darüber lange hin und her debattirt. Beigeordneter Pelmann erklärte, daß auch diese Beschränkung auf Antrag des Stadtverordneten Eltzbach gestrichen worden wäre, dieser aber fehlte in der Sitzung, und da er der einzige jüdische Vertreter ist, schlug Bürgermeister Becker vor, keinen Beschluß in der Sache zu fassen, bis er wieder da sei. Die Sache wurde darauf in die Kommission verwiesen. Stadtverordneter vom Rath ersuchte, Erhebungen darüber anzustellenwie sich andere Städte zum Schächten stellen. 8. Bad Ems, 12. September. Zu der ^.Korrespondenz Ihrer geschätzten Zeitung von voriger Woche beehre ich mich. Ihnen folgende Berichtigung zugehen zu lassen: Als regelmäßiger Kurgast von Bad Ems kenne ich die dortigen Wohlfahrtseinrichtungen sehr genau und weiß daher, daß einige Ihrer Mittheilungen nicht ganz zutreffend sind. Das segensreich wirkende „Israelitische Central-Waisen- und Mädchenheim", bei dessen Einweihungsfeier vor zwei Jahren ich selbst zugegen war, beherbergt z. Z. 81 Mädchen aus den verschiedensten Theilen Deutschlands, doch ist meines Wissens keine Holländerin darunter. Herr Dr. Aronsohn bringt allerdings der Anstalt sehr großes Interesse entgegen. Aber es würde von großem Undank gegen die anderen Herren zeugen, nicht in ebenso warmer, anerkennender Weise der Verdienste des Lokalkomitees zu gedenken. Die Herren Bezirksrabbiner Dr. Weingarten und Stadtverordneten Kirchberger und Königsberger sowie im ersten Jahre der Begründung Herr Louis Rosenheim haben an dem Zustandekommen der Anstalt ebenso großen Antheil gehabt. Bis aus Letzteren find sämmtliche Herren noch heute in aufopferndster, uneigennützigster Weise für das Gedeihen und die Fortentwickelung dieses edlen Werkes thätig. Auch gebührt außer den hiesigen Ehrendamen vor allen Dingen den auswärtigen Ehrendamen, Fräulein Exzellenz von Henrichsen aus St. Petersburg und Frau Hofrath von Abrahamson aus Kiew, welche gleich mir schon seit mehrerer Jahren ständige Kurgäste von Ems sind, der wärmste Dank für den Eifer und die werkthätige Liebe, die sie jederzeit für das Waisenhaus bekundeten. Frau Dr. Aronsohn konnte deshalb niemals in „aufopfernder Liebe" dafür leben und wirken, weil sie bei Begründung der Anstalt leider nicht mehr unter den Lebenden weilte. © Kassel, 8. September. Am 1. d. M. waren es 25 Jahre, seitdem Herr Kantor Kaminsky in hiesiger Gemeinde amtirt, Herr Kaminsky gehörtzu denjenigen, leider noch wenigen Meistern, welche den Geist der „Minsker-Schule" mit äußerstem Geschick den heimischen Weisen zugesellen, so daß er stets die Hörer zu bewegen und erbauen gewußt, worin ihn sein künstlerischer Bortrag und die große Modulationsfähigkeit seines umfangreichen, sonoren Organes unterstützen. Es konnte darum nicht fehlen, daß dieser Gedercktag der ganzen Gemeinde Gelegenheit bvt, ihm ihre Sympathie an den Tag zu legen. So wurden dem Jubilar sowohl von amtlicher als auch privater Seite vielfach überaus ehrende Beweise der Anerkennung und Werthschätzung zu Theil. Möge es ihm vergönnt sein, noch lange zur Ehre Gottes und zur Erbauung seiner Gemeinde zu wirken. (D Nürnberg, 11. September. Auf dem israelitischen Friedhofe in Baiersdorf fand gestern Vormittag die Beisetzung der Leiche des verstorbenen Privatiers Eugen Herz statt, da der Dahingefchiedene den Wunsch ausgedrückt hatte, an derselben Stätte, an welcher seine Großeltern und Eltern, sowie sein Bruder/ der bekannte Erlanger Professor, ruhen, beerdigt zu werden. Eine stattliche Trauerversammlung hatte sich eingefunden; von hier hatten Männer der verschiedensten Konfessionen, darunter der 2. Vorsitzende des Gemeindekollegiums, Herr Marlier, die einstündige Eisenbahysahrt nicht gescheut, um dem edlen, uneigennützigen Manne die * letzße Ehre zu erweisen. Der hiesige Rabbiner, Herr Dr. Ziemlich, hielt die Trauerrede, in welcher er die Charakterzüge des Mannes schilderte, der getreu den Worten der heiligen Schriften Sorge trug, den Armen Brod, den Nackten Kleidung zu reichen. Herr Birkmeyer legte Namens des von dem Abgeschiedenen gegründeten Wärmestuben- und Wohlthätigkeitsvereins einen Kranz nieder. Das Vorstandsmitglied des Vereins für Krankenpflege durch Niederbronner Schwestern, Herr Kaufmann Stegmann, gedachte in warm empfundenen Worten der Verdienste des Verstorbenen um den Verein und legte als äußeres Zeichen der Anerkennung einen Kranz nieder. Die Niederbronner Schwestern selbst hatten durch Widmung von Blumenschmuck dem Dahingeschiedenen für fein edles Wirken gedankt. - ph. AuS Baden, im September. Der „Badischen Tauberzeitung", dem amtlichen Organ des Amtsbezirks Tauberbischofsheim, entnehmen wir folgenden Artikel: „Tauberbischofsheim, 21. August. In den nächsten Tagen verläßt Herr Lehrer Driesen unsere Stadt, um seine neue Stellung als Sekretär des Großherzoglichen Oberraths und als Direktor des israelitischen Landesstiftes in Karlsruhe anzutreten. Derselbe wirkte iri hiesiger Stadt seit 18 Jahren als Religionslehrer der israelitischen Gemeinde und ertheilte bis heute auch den israelitischen Religionsunterricht am Großherzoglichen Gymnasium, an der Großherzoglichen Präparandenschule dahier sowie an der Großherzoglichen Taubstummenanstalt Gerlachsheim. Außerdem leitete Herr Driesen dahier längere Zeit den Kursus für Handelslehrlinge mit allseitig anerkanntem großen Erfolg. Die hiesige Stadt verliert an Herrn Driesen nicht nur eine Lehrkraft allerersten Ranges, sondern auch einen in allen Schichten der hiesigen Bevölkerung infolge seines bescheidenen und würdigen Auftretens hochgeachteten Mitbürger. Sein Weggang wird daher, so sehr man ihm die Beförderung zu seinem neuen hohen Amte gönnt, tief bedauert. Die israelitische Gemeinde hielt es für ihre Pflicht, Herrn Driesen ihre Verehrung durch eine Abschiedsfeier zum Ausdruck zu bringen. Dieselbe fand am Donnerstag den 17. d. M. unter Betheiligung der ganzen israelitischen Gemeinde im Hotel Adler dahier statt, wobei man die Verdienste des Scheidenden in mehreren Ansprachen würdigte; und in Anerkennung derselben überreichte der Synagogenrath Herrn Driesen einen Pokal mit entsprechender Inschrift. Wir rufen auch an dieser Stelle Herrn Driesen und seiner Familie ein herzliches Lebewohl zy und wünschen ihm in seinem neuen Berufe ungetrübtes Glück!" Oesterreich-Ungarn. m Wien, 11. September. Im Tempel der inneren Stadt wurde am Jahrestage des Todes der Kaiserin Elisabeth ein feierlicher Trauergottesdienst abgehalten. — In Polna beginnt heute der Prozeß gegen Leopold Hilsner, welcher des Mordes an Anna Hruza angeklagt ist. Der Prozeß dürfte größere Dimensionen annehmen, als man nach dem, was bisher in die Oeffentlichkeit gedrungen ist, erwarten konnte. In der Bevölkerung herrscht große Erregung. Die unglaublichsten Gerüchte werden kolportirt und finden Glauben. Schon am ersten Tage der diesmonatlichen Schwurgerichtssession erhielten sämmtliche für September ausgelooste Geschworenen aus Berlin Broschüren über den Ritualmord zugeschickt, in welchem behauptet wird, daß dieser kein Märchen sei, sondern thatsächlich bestehe und von den Juden geübt werde. Mit derartigen Broschüren wurde die ganze Gegend überschwemmt.- Es wurde ein Mann dabei betreten, wie er mit den übrigens von der Staatsanwaltschaft konfiszirten Broschüren über den Ritualmord von Thür zu Thür haustren ging. Der Manu wurde angehalten, entfloh jedoch, ohne daß seine Identität festgestellt werden konnte. Nun hat fich ein neuer Belastungszeuge bei Gericht gemeldet. Der Mann heißt Peter Petrasch und ist Schlossermeister in Polna. Gr will am 29. März, am Tage, an welchem Anna Hruza im Walde Brzezina ermordet wurde, gegen Abend in einer Entfernung von 600 Schritten am Thatorte vorübergegangen sein und Hilsner erblickt haben, in dessen Gesellschaft sich zwei Fremde befanden. Petrasch sagt, er habe bis heute geschwiegen, weil er fürchtete, er könne seinen Verdienst verlieren, den er bei Juden findet. Die Mutter der Ermordeten, die Häuslerin Marie Hruza, tritt in dem Prozeß als Privatbetheiligte auf und wird durch den tschechisch-antisemitischen Abgeordneten Dr. Baxa vertreten sein. Sie wird Ersatzansprüche dafür stellen, daß sie in ihrer Tochter ihre Ernährerin verloren hat. Unter anderem wurde auch an mehrere dortige Persönlichkeiten folgendes vertrauliche Cirkular versendet, in welchem für Dr. Baxa gesammelt wird. Das Cirkular trägt keine Unterschrift und auch nicht den Namen der Druckerei, ln der eS gedruckt wurde. Es ist nur die Adresse des Absenders genannt, an welchen ein Geldbetrag einzusenden ist. Das Cirkular hat folgenden

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