Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Denkmälern verhütet wurde. — Am 29. d.M. wurde die neue Synagoge in Zempelburg in feierlicher Weise eingeweiht. Die Stadt prangte in Festesschmuck. Die Ueberführung der Thorarollen fand D einem Umzuge unter Betheiligung der ganzen jüdischen Bevölkerung und geladener Gäste unter Borantritt einer auswärtigen Mufikkapelle statt. Herr Rabbiner Dr. Schick weihte den neuen Tempel ein. Der jüdische Gesangverein und ein Schülerchor, beide geleitet von Herrn Lehrer Levy, verschönten durch ihre Mitwirkung die Feier. Am Nachmittag fand ein Festessen im Saale der Apotheke statt. — Hauptlehrer Jaffe in Dt. Krone, welcher auf eine 40jährige segensreiche Thätigkeit an der jüdischen Elementarschule dortselbst zurückblickt, tritt am 1. Oktober d. I. in den wohlverdienten Ruhestand. Ehemalige Schüler, Freunde und Verehrer des allgemein beliebten und hochgeachteten Emeriten veranstalten aus Anlaß des Scheidens aus dem Amte ein? Sammlung behufs Ehrung des Scheidenden, welcher nach Berlin zu überstedeln gedenkt. An seine Stelle hat der Magistrat Lehrer Schreiber aus Jastrow gewählt, infolgedessen ist die einklasstge jüdische Schulstelle daselbst bereits ausgeschrieben. — Herr Kaufmann Hirsch in Gollub ist ununterbrochen 25 Jahre Kontroleur des dortigen Vorschußvereins gewesen. Aus diesem Anlaß überreichten ihm der Vorstand und Ausschuß zwei silberne Leuchter. — Der praktische Arzt Dr. Wollf in Briefen, Westpr., ist für erfolgreiche Wiederbelebungsversuche, welche er bei einem im Friedecksee verunglückten Arbeiter angestellt hatte, durch den Regierungsprästdenten mit einer Geldprämie ausgezeichnet worden. L. Hannover, 11. September. Am 17. d. M. blickt das hiestge israelitische Töchterpensionat der Frau Daniel auf ein 20 jähriges Bestehen zurück. Bon Frau Daniel begründet, hat es stch in den zwei Deeennien einen in jeder Beziehung vorzüglichen Ruf erworben, der weit über die Grenzen Deutschlands hinausgeht. Seit wenigen Jahren übernahm die Tochter der Begründerin, Frau Dambitsch, die Leitung, die sie in dem Sinne ihrer Mutter führt. T Hamburg, 12. September. Gestern und vorgestern tagte hier der antisemitische Parteitag. Freilich waren nur die offiziellen Antisemiten, die deutsch-sozialeResormpartei, vertreten, aber immerhin hatten sich doch 108 Delegirte vereinigt, wozu freilich noch ca. 300 Neugierige kamen. Aus den langathmigen Debatten ist nur wenig von allgemeinem Interesse zu erwähnen, denn meistens liefen die Debatten in ein ödes Gezänk zwischen den verschiedenen Flügeln der Partei aus. Zwischen Liebermann und Zimmermann, zwischen Raab und Bielhaben besteht ein permanenter Zwist, der nur mühsam verhüllt wird. Aus der einleitenden Rede Liebermanns, in der er den Bericht über das abgelaufene Jahr erstattete, ist hervorzuheben, daß er die Resultate der Reichstagswahlen als wenig erfreulich bezeichnete, ohne diesbezüglich Widerspruch zu finden. Interessant ist auch die Schilderung der Situation, in der fich die antisemitische Fraktion im Reichstage befindet. Liebermann sagt: „Sie werden eingesehen haben, daß unsere Stellung im Reichstage keine sonderlich angenehme ist. Wir stehen isolirt da und finden nirgends Entgegenkommen. Man übergeht uns geflissentlich." Aus dieser Rede wie aus den ganzen Verhandlungen sprach eine arge Katerftimmung. Die Piäce de resistänce des Parteitages war aber ein Bortrag von Dr. Giefe, bekanntlich dem jetzigen Gelehrten der Partei, der den gegenwärtigen Stand der Judenfrage zum Thema hatte. Selbstverständlich schilderte der Redner die Juden so schwarz wie nur möglich, wobei ihn dann sein Korreferent Bindewald fleißig unterstützte. Auch die zionistische Bewegung wurde heftig angegriffen. Zum Schluß seines Vortrages, der aber nur die alten, hundertmal gehörten und widerlegten Angriffe und Beschuldigungen bot, legte Dr. Giese dem Parteitag seine Thesen vor, die darin gipfeln: 1. Kenntniß vom wahren Wesen des Judeuthums, soll wohl heißen: Verleumdung des Judenthums durch allerlei Märchen. 2. Ausscheidung des alten Testaments auS dem Religionsunterricht. 3. Bekämpfung des Zionismus. U Vernichtung des Judenvolkes durch gemeinsames Vorgehen aller Völker. 5. Die Judenfrage ist Rassenfrage. 6. Judenstatistik mit Einrechnung aller getauften Juden und aller im dritten Grade von Juden abstammenden Personen zum Judenthum. 7. Jeder Abgeordnete soll zur Stellungnahme in der Judenfrage gezwungen werden. Alle diese Thesen nahm der Parteitag an mit Ausnahme von Nummer 2, die vom Ausscheiden des alten Testaments handelt. Das erschien doch zu gefährlich wegen der vielen Pastoren, die zur Partei gehören und dann verschnupft sein möchten. So «eit der Bericht über die Thaten des deutsch-sozialen Parteitages. Nun wissen wir Juden wenigstens, woran wir find. Wenn wir doch noch recht lebendig find, so ist dies offenbar nicht Schuld des Parteitages, der sein Möglichstes gethan hat, um uns wenigstens auf dem Papier zu vernichten! M. Hamburg, 7. September. Die Einweihung der neuerbauten Synagoge vor dem Dammthor fand in feierlicher Weise statt. Das festlich geschmückte Gotteshaus war schon lange vor Beginn der Feier von Andächtigen gefüllt, der Gemeindevorstand, die Repräsentanten sowie die übrigen Institutionen der Gemeinde waren durch Delegirte vertreten. Zuerst vollzog Herr Oberrabbiner M. Hirsch unter Segensspruch das Anzünden der ewigen Lampe; hierauf stimmte der Männerchor die Kantate „Wie schön find deine Zelte, o Israel" an. Unter den Klängen des Psalm 116 fand nun ein feierlicher Umzug mit den mit Silberschmuck versehenen Gesetzesrollen statt, die in die heilige Lade gestellt wurden. Eine Ansprache des Vorfitzenden der Verwaltung, Herrn Emil May, drückte Allen, die das Werk gefördert, den Dank des Vorstandes aus. Alsdann bestieg Herr Oberrabbiner M. Hirsch die Kanzel und hielt unter Zugrundelegung der Worte aus Esra, Kapitel 3, Vers 10 und 11: „Und als die Bauleute gegründet den Tempel des Ewigen" die Festpredigt. Zum Schluß weihte der Oberrabbiner mit innigen, zu Herzen gehenden Worten das neue Gotteshaus ein; er sprach dann vor geöffneter Lade das Gebet für Kaiser und Reich sowie für den Senat und die Behörden unserer Stadt. Mit dem Bortrag der Psalmen 100 und 150 sowie der Verrichtung des Abendgebetes hatte die Feier ihren Abschluß gefunden. — Die Synagoge ist durch einen umfangreichen Umbau geschaffen worden und bietet Raum für 300 Personen. Durch breite, hohe Fenster dringt das Tageslicht, gedämpft durch das farbige Kathedralglas, in den weiten Raum, dessen Wände und Decken in lichten Farbtönen gehalten sind, das Allerheiligste, bestehend aus Estrade mit Kanzel und dem heiligen Schrein, ist in Mahagoniholz mit reichen Goldornamenten hergestellt und tritt in Ausführung als Mittelpunkt für den Gottesdienst in würdigster Weife hervor. Ueber dem heiligen Schrein ist ein reich mit Blei verglastes Rundfenster hergestellt, vor welchem die marmornen Gesetzestafeln Aufstellung gefunden haben. Die Abendbeleuchtung erfolgt durch zahlreiche bronzene Wandarme und ebensolche Deckenkronen für elektrisches Licht. Sechs elektrisch betriebene Ventilatoren sorgen für ausreichende Lüftung. Das Gestühl ist in bequemen Abmessungen aus amerikanischem perforirten Holz hergeftellt. Der Bau ist in der verhältnißmäßig kurzen Zeit von 21/2 Mortaten nach dem Entwurf des Herrn Regierungsbaumeisters Friedheim hergestellt worden. A Köln, 3. September. Wieder betrauert die hiefige katholische Bürgerschaft und mit ihr die ganze Erzdiözese Köln den Verlust ihres Weihbischofs, des in der Vollkraft seines Lebens dahingeschiedenen Dr. Schmitz, nachdem sie 3 Monate früher den Erzbischof Kremenz zu Grabegetragen. Wenn wir in diesem Blatt davon Notiz nehmen, so geschieht es, weil beide Kirchenfürsten stch durch wahre Humanität und Toleranz auszeichneten, diese ohne Unterschied der Konfesston auch dem Judenthum gegenüber stets zur Geltung brachten und daher das Wort unserer Weisen Anwendung findet: daß die Frommen aller Völker Antheil am ewigen Leben haben. Der verstorbene Weihbischof war mit großen GeisteSgaben ausgerüstet und hat außer seiner seelsorgerifchen Thätigkeit fich viel mit sozialen Fragen beschäftigt. Früher Oberpfarrer m Krefeld, hat er in dem Buschhoff'schen Prozeß zu Xanten durch seine vorurtheilslose Beurtheilung der Sache in Privatkreisen sowohl wie auch öffentlich von der Kanzel herab, in Wort und Schrift viel zur Aufklärung der Bevölkerung beigetragen. Daß in der rheinischen Metropole die einzelnen Konfessionen friedlich neben einander leben und der Antisemitismus hier keinen ergiebigen Boden hat, ist nicht zum geringen Theil dem Einfluß der beiden verstorbenen Prälaten zuzuschreiben. Geben wir uns der Hoffnung hin, daß der jetzt doppelt verwaiste bischöfliche Stuhl auch durch ebenso würdige und in demselben Geiste ihres hohen Amtes' waltende Nachfolger besetzt werden möge. — Nun hat die hiesige Stadtverordnetenversammlung auch ihre „Schächt-Debatte" gehabt. Bei Berathuvg einer neuen Schlachthofordnung stellte Stadtverordneter vom Rath die Frage, wie viel Thiere im Schlachthof geschächtet würden. Dabei kam zu Tage, daß vier Fünftel von allem im Kölner Schlachthof getödteten Bieh geschächtet wird. Die jüdischen Metzger schlachten nach ihrem jüdischen Ritus, und auch die meisten christlichen Metzger schlachten