Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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.- F- J* ÄSortlaut: (Vertraulich.) Euer Wohlgeboren! Die furchtbare Polnaer Begebenheit' naht ihrer endlichen Aufklärung. Wir haben von allem Anbeginn dafür gesorgt, daß durch die Lösung derselben der ganzen Welt die Augen geöffnet werden, damit die arme, unglückliche Anna Hruza das letzte unschuldige Opfer ist. Deshalb konnten wir unter den bestehenden Verhältnissen die Aufklärung dieser. Sache im gewöhnlichen Wege nicht wählen, und wir haben uns selbst bemüht, daß alle belastenden Beweise aufgefunden werden, und die ganze Untersuchung^ auf das sorgsamste überwacht werde. Zu diesem Zweck gelang es uns, den bewährten Juristen Dr. Karl Baxa zu gewinnen. Das Schreiben erklärt nun, daß die Vertretungskosten tausend Gulden ausmachen würden, fordert zu Beiträgen auf und schließt: Wir bitten, diese Sammlung als vertraulich zu betrachten, und zu derselben nur diejenigen Personen heranzuziehen, welche das volle Vertrauen genießen. Polna, 18. August 1899. (Adresse des jeweiligen Absenders.) — Der Kaiser hat gestattet, daß das in Karlsbad neu zu errichtende Kurhospital für 100 unbemittelte israelitische Kurgäste die Aufschrift führen dürfe: „Israelitisches Regierungs-Jubiläums-Kur-Hospital". Dasselbe wird in etwa zwei Jahren eröffnet, und hat die sel. Frau Baronin v. Hirsch 40 000 fl. beigetragen. — Wir hatten antisemitischen Blättern die Nachricht entnommen, daß der in der Rue Chabrol zu Paris belagerte „Antifemitenhäuptling" Jules Guerin vor Zeiten in Galizien als.. Schwindler entlarvt wurde und nach Zurücklassung zahlloser Schulden eines Tages das Weite gesucht habe. Diese Nachricht entstammt dem „Kurier Lwowski". Nun stellen aber der „Glos Naroda" sowie andere galizische Blätter fest, daß Guörin, der seinerzeit in Lemberg ein Naphthaunternehmen ins . Leben rufen wollte, mit dem Führer der Pariser Antisemiten nichts Gemeinsames habe. 52 Kutten-erg, 12. September. Bor dem hiesigen Geschworenengericht begann gestern der Ihren Lesern bekannte „Ritualmordprozeß" gegen den jüdischen Schuhmacher Leopold Hilsner, der beschuldigt wird, die 19jährige Anna Hruza am 29. März d. I. im Walde bei Polna ermordet zu haben. Die Antisemiten behaupteten sofort, daß ein Ritualmord vorliege, da die Leiche blutleer gefunden worden sei, was aber die Gerichtsärzte dadurch erklärten, daß die Leiche vorihrer Auffindung lange Zeit im Bachgerinne gelegen habe, wodurch alles Blut ausgelaugt worden sei. Das Märchen von dem Ritualmord wurde ausgeschmückt durch die Angabe, daß jüdische Schächter zweier Nachbarorte am Morde betheiligt gewesen seien, was sich als eine Erfindung erwies, weshalb Hilsner allein angeklagt ist. Als Zeugen gegen ihn führen die Antisemiten auch seinen eigenen Bruder an, der Aussagen in der Trunkenheit gemacht haben soll, die belastend seien. Die Anklage des Staatsanwalts enthält nichts von einem Ritualmord. Infolge der Aufregung der Bevölkerung, die schon seit Monaten durch antisemitische Agitatoren verhetzt wird, befürchtet man Exzesse während des Prozesses, weshalb die Gendarmerie in Kuttenberg verstärkt und die dortige Garnison in Bereitschaft ist. Hilsner wird durch den liberalen tschechischen Advokaten Dr. Ouredniczek vertheidigt, der deshalb schon zahlreiche Drohbriefe erhalten hat. Die Anklage giebt an, es sei erwiesen, daß Hilsner der Anna Hruza längere Zeit nachstellte und sie verfolgte. Sie müsse von rückwärts, als sie mit dem Gesicht auf dem Boden lag, durch einen Schnitt durch den Hals ermordet worden sein. Doch sei ärztlich erwiesen, daß'an ihr kein Sittlichkeitsverbrechen verübt worden sei. Die Anklage nimmt an, daß Hilsner beim Mord zwei Mitschuldige gehabt, zwei halbwüchsige Burschen, die damals in seiner Gesellschaft gesehen wurden, aber nicht mehr aufzufinden sind. Die Klage enthält aber nicht den Umstand, daß die Leiche im Bach gelegen und dadurch das Blut ausgelaugt worden ist. Als die Leiche gefunden wurde, waren Hemd und Röcke in die Höhe geschlagen und um dm Kopf gewickelt, der Angeklagte Hilsner leugnet entschieden, den Mord an Anna Hruza verübt zu haben. Weiterer Bericht in nächster Nummer. Von Nah und Fern. ----- Der spanische Generalkonsul Eugen Landau hat den Kronenorden III. Klasse erhalten. — Ferdinand Manheimer, der Theilhaber der hiesigen Konfektionsfirma B. Manheimer, ist zum Kommerzienrath ernannt worden. — Dtzm Kapellmeister Viktor Holländer, Komponisten der jüngst inLondon mit großem Erfolgegegebenen Oper „San Lin", ist vom. Herzog Alfred von Koburg-Gotha die Medaille für Kunst und Wissenschaft verliehen worden.— Der Profesfortitel ist dem früheren langjährigen ersten Assistenzarzt an der Berliner Universitätsklinik für Hals- und Nasenkrankheiten, Dr. Albert Rosenberg, verliehen wordem: — Die Beschwerde gegen die Beschlagnahme der „Staatsbürger-Zeitung" wegen der Pückler-Rede ist, wie das genannte Blatt mittheilt, von der Strafkammer des Landgerichts I Berlin zurückgewiesen worden und das Strafverfahren gegen den Redakteur Wilberg und den Grasen Pückler wegen Aufreizung zum Klassenhaß eingeleitet worden. — Am 9. d. M. fand an der Jakobsonschule (berechtigte Realschule) zu Seesen am Harz, unter dem Vorsitz des Herzoglichen Regierungskommissars, Herrn Schulraths Prof. Dr. Koldewey aus Braunfchweig, die Reifeprüfung . statt. Sämmtlichen dreizehn Prüflingen konnte das Reifezeugniß ertheilt werden. — Der Kommerzienrath Fabrikbesitzer Coppel in Solingen hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten. — Ueber 70 Mitglieder des Verbandes rheinisch - westfälischer Pferdehändler brachten in der verflossenen Sonnäbend- Abendnurmner der „Kölnischen Zeitung" zur Kenntniß, daß sie, nachdem das Oberbürgermeisteramt das Gesuch um Verlegung des Marktes wegen der hohen jüdischen Feiertage abschlägig beschieden habe, den Pferdemarkt in Köln, welcher am 6. und 7. d. M. hier stattfand, nicht beschicken würden. — Auch in diesem Jahre hat sich das französische Centralkonsistorium au den Kriegsminister mit dem Eesuch gewendet, die jüdischen Soldaten zu den hohen Feiertagen zu beurlauben. Der Kriegsminister hat in der entgegenkommendsten Weise diesen Urlaub generell bewilligt. — Der bekannte und angesehene Ingenieur A. Bernard, der in dem Prozeß in Rennes so wirksam Bertillon entgegentrat, hat dasselbe Schicksal gehabt wie alle Zeugen der Vertheidigung, er ist von den antisemitischen Zeitungen zum Juden gemacht worden. In einem Briefe an die „Libre Parole" protestirt er nun energisch dagegen: „Ich gehöre weder zu der Rasse noch zu der Religion, welcher ein Matthieu Dreyfus zur Ehre gereicht." — In der vorigen Woche hat Herr Gottfried Levy, Geschäftsmann in Brüssel, gelegentlich seines S.ommeraufenthaltes in Ostende ein 17jähriges Mädchen trotz der hochschäumenden Wellen gerettet. — Kapitän E. Prins von dem Amsterdamer Nationalgardenregiment erhielt den ersten Preis beim Wettschießen der holländischen Offiziere in Maastricht. Der Preis besteht aus einer goldenen Medaille und einem silbernen Ehrenbecher und wurde diesmal noch werthvoller durch die Ertheilung des Ritterkreuzes vom Rassau-Oranienorden an den glücklichen Gewinnes Denselben Orden erhielt Herr S. M. Salomons, Religionslehrer der jüdischen Gemeinde in Kämpen, der belgische Leopold-Orden wurde dem Oberinspektor der direkten Steuern im Finanzministerrum Herrn I. H. Drielsma zu Theil. — Aufsehen macht der Erfolg, den die jüdischen Schüler der Stepney Jewish Schools in London bei dem Wettschwimmen der Londoner Schüler devongetragen haben. Auch der Handfertigkeitsunterricht an diesen Schulen erhielt eine öffentliche Auszeichnung in dem Bericht, den Mr. A. Taylor, der Londoner Inspektor dieses Unterrichtszweiges, bei der Ausstellung für Erziehungswesen erstattete. — Das London Hospital, das bekanntlich eine Abtheilung für jüdische Kranke hat, erhielt wieder ein großes jüdisches Legat. Mr. Edward Raphael hat dem Berwaltungsrath der Anstalt 200 000 Mark überwiesen, die derselbe zur Errichtung eines neuen Pavillons benutzen will, der den Namen des Schenkers tragen und für israelitische Kranke benutzt werden soll. Es ist dies der dritte Pavillon für diese Patienten, denn es existiren schon ein „Rothschild"- und ein „Goldsmid"-Flügel. Erst vor Kurzem erhielt das Hospital das große Legat der Baronin Stern, die, auch eine Jüdin, 1200 000 Mark zur Errichtung einer Abtheiluug für Rekonvalescenten dem „London Hospital" vermacht hat. — In manchen Städten des Staates Massachussets werden die jüdischen Bürger, die als Fremde den Einheimischen wegen ihrer Tracht auffallen, oft auf der Straße belästigt. Um diesem . Unfug entgegenzutreten, hat sich in Holgoke eine Gesellschaft unter dem Titel Hebrew Citizens Protestive Association“ gebildet, die einen Anwalt anstellt mit der Aufgabe, in jedem Falle die Beleidiger vor das Gericht zu ziehen. — In Cincinnati ist Dr. Max Thorner, einer der angesehensten Laryngologen, im 40. Lebensjahre gestorben. , Derselbe stammt aus Geestemünde. In Cincinnati war Thorner Präsident der Academy vk Medicine,. Primararzt im jüdischen Hospital, und Mitglied der medizinischen Fakultät. - , . Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.