Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Im Dorfe giebt's bald eine Grmeindeberathung. Eine Schenke ohne Juden ist in Kleinrußland nicht denkbar. Aber der "Pfarrer wollte hier mal eine Aenderung durchführen und einen christlichen Schenker Vorschlägen, wenn die Schenke einmal nicht ganz geschlossen werden konnte, wie die Bauern alle behaupteten. Wer wäre indeß paffender als der Müller. Der schwieg solange, bis die Anderen ihm den Vorschlag machten. Dann machte er manche schlaue Hin- und Herreden, nahm es aber doch schließlich an. Anderen Tages hatte er auch schon alles Nöthige für den Konsens in der Stadt besorgt und kehrte guter Dinge ins Dorf zurück mit allen nöthigen Schnäpsen. In der Schenke erwartete ihn schon der Harko, den er sich zur Aushilfe genommen hatte. Und nun ging es gut fort mit dem Ausschank und auch mit dem Geldausborgen, und die Prozente wandelten jedesnial zum Termin, die Rubel mit Zinseszinsen in des Müllers Kasten. Niemand störte ihn mehr in Nowo-Kamenka. Daß die Menschen oft bitter über ihn weinten, ist freilich wahr. Vielleicht hatten sie auch zu Zankels Zeiten geweint, vielleicht doch minder. Wer ermißt das menschliche Elend, wer zählt die menschlichen Thränen? Ob Stock oder Knüppel, beides ist für den Rücken nicht süß, das ist wohl wahr. Aber der alte Jankel begehrte doch nur die menschliche Kopeke. Fühlte er wo einen Rubel in der Tasche, so dachte er schleunigst nach, wie der Fisch nach seinem Teich zu bringen sei. Wenn ihm das schlau gelang, freute er sich mit seinem Surele. Dem Müller genügte das nicht. Jankel bückte sich vor jedem anderen Menschen wohl dreimal, der Müller beugte die Menschen, trug aber selbst den Kopf hoch wie ein Puter. Jankel kam schleichend, ängstlich zum Schulzen, der Müller machte sich dort breit wie zu Hause. Jankel wurde von den Bauern gehauen, der Müller hieb auf Manchen ein, daß er fast hinfiel. Ihm brachte man das Geld wieder mit allem Respekt und bückte sich vor ihm tiefer als vor dem Gottesbilde. . Aber bei alledem war er verdrießlich und wußte nicht, was ihm eigentlich fehlte. Einst, als ihn deshalb Harko fragte, sprach er sich aus und meinte schließlich, daß ihm wohl eine Frau fehle. Er liebe zwar die Hela, die Wittwentochter, die aber sei arm, und das paffe ihm nicht in seiner Stellung und sei nicht Seinesgleichen. Die Motra, des reichen Makogons Tochter, das wäre was. Das Geld paffe zu seinem, aber sie sei ungeschickt und häßlich, und wenn er auf sie sehe, dann packe es ihn, als müßte er hinrennen zur Hela. Harko, der Soldat, nahm die Pfeife aus dem Munde, spuckte zur Seite und sagte dann trocken: „Da wüßte ein Anderer keinen Rath, ich aber weiß einen, und wenn ich's Euch sage, dann gebt Ihr mir vielleicht noch meine Stiefel heraus, die ich bei Euch in Versatz habe." „Nun wohl, ein guter Rath wäre mir das schon Werth," antwortete neugierig der Müller. „Also, hört wohl an, nehmen wir, Ihr seid Euerer Drei, ein Mann und zwei Frauenzimmer, schicket Brautwerber zu Makogon!" „Gut, das wußte ich ohne Dich, und was mit Hela?" „Wißt Jhrs beffer, so brauche ich nicht zu reden!" „Nu, nu, schon erbost?" „Ihr könnt Jeden böse machen. Also die Sache kommt schon auf die Hela zurück. Liebte sie Euch?" „Na freilich!" „Und was wäret Ihr damals, als sie Euch liebte?" „Müllerbursche!" „Nun wohl, das begreift doch ein Kind. Wenn das Mädel einen Burschen geliebt, so soll sie auch Eueren Müllerburschen heirathen." „So, da hast Du was ausgetüftelt! Den Gawrilo soll sie heirathen? Eh, eh, so möge er Dir auch für Deinen Einfall Stiefel schenken. Ehe ich das zugebe, gehe ich hin und breche ihm den Hals!" „O, wie hitzig Ihr auch seid," sagte ruhig Harko, nahm die Pfeife aus dem Mund, zwinkerte mit den Augen und schnalzte mit der Zunge: .. „Und Ihr sagt, Ihr liebtet sie?" „Ja, und wie!" „So, na dann liebt sie weiter zu Euerer Freude, wenn sie mit Gawrilo verheirathet sein wird. So, nun ist meine Rede zu Ende! Ihr werdet alle Drei auf einer Mühle leben, und der vierte Esel zählt nicht mit. Aha, so, nun habt Ihr mich begriffen, womit ich Euch aufwarte, mit Honig oder mit Dsgt (Kienschmiere). Nein, Harko ist nicht auf den Kopf gehauen, drum ist er klug geworden; er weiß, wer die Nuß kriegt und wer die Schale und wer die Stiefel?" Der Müller begriff und schmunzelte: „Aber wird die Hela den Gawrilo wollen?" „Eh, wenn Ihr die Mutter mit der Tochter aus ihrem Hause jagt, so wird sie froh sein, auf der Mühle leben zu Mnen!" „So ist es!" Seit der nächtlichen Teufelsgeschichte war nicht ein Tag, wohl aber ein Jahr verfloffen. Fastnacht, Frühling, Sommer waren wieder vorüber, und wieder steht der Müller eines Abends am Thor der Schenke und neben ihm an die Mauer gelehnt Harko. Und seht Wieder stand derselbe Mond da am Himmel, wie vor einem Jahre, ebenso glänzte der Bach in seinem silbernen Lichte, ebenso weiß schlängelte sich die Straße, und ebenso schwarz erschien des Müllers Schatten auf der fast schneeweißen Erde. Und es kommt ihm in den Sinn jene wunderbare Nacht des Jom Kipur. Ob das nicht heute wieder dieser Tag ist? Er blickt ängstlich nach der Judenhütte, aber da hört man kein Heulen und kein Beten. Vom Jankel ist wohl schon kein Knöchel mehr übrig. Die Waisen wohl zerstreut in der weiten Welt; in der Hütte ist es dunkel wie im Grabe. Und auch in des Müllers Seele ist es dunkel. Er hatte damals dem Juden nicht geholfen, die Kinder zu Waisen gemacht und betrogen, sollte er jetzt auch Böses sinnen wider die Tochter der Wittwe? „Wird es auch gut ergehen?" fragte er Harko. „Warum schlecht? Seid Ihr von Denen, die den Honig nicht lieben?" „Ach, warum nicht gar!" „Nun also, dann auf Wiedersehen!" Und er ging mit einem vielsagenden Pfeifen seines Weges. (Fortf. folgt.) Aus halbvergangener Zeit. Erinnerungen von David Hirschfeld, i. Raiferin August«. eit 30 Jahren Rendant und Vorsteher vieler wohlthätiger Vereine und Anstalten, habe ich die Erfahrung gemacht, daß unsere jüdischen Mitbürger zu allen Humanitären Bestrebungen aller Konfessionen beitragen, während die jüdischen Institute fast niemals mit einer Gabe von christlicher Seite bedacht werden. In einer