Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 442 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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442 Und ihr war's, als zerrisse ein Schleier, der ihr Denken und Fühlen bisher umfangen hatte. Plötzlich wußte fie's, war vielleicht auch manches anders geworden, dennoch würde sich dereinst daS; was heute Gegenwart war, als vollwichtiges, vollwerthigeS Glied der Kette der Jahrtausende alten Vergangenheit, mit der es doch Eins im Geiste war, einfügen. Regina schien so versenkt, daß sie das Eintreten der Beiden vollständig überhört hatte. Der alte Jonas hingegen, durch ein zufälliges Geräusch dazu veranlaßt, blickte auf und hielt, sein Käppchen rückend, einen Moment überrascht inne. Die Mutter machte ihm ein Zeichen, in seinem Vortrag fortzufahren. Es war zu spät. Durch sein Schweigen stutzig gemacht, sah jetzt auch Regina empor. „Mutter!" Sie war aufgesprungen und hing an ihrer Mutter Halse, während diese ihr wiedergefundenes Kind umschlang, als wolle sie es nie wieder lassen. Der alte Jonas schloß bedächtig sein Buch und reichte Alphons Abschied nehmend die Hand. ».Ich komme lieber ein anderes Mal wieder," sagte dabei der über die Sachlage vollkommen Orientirte mit beglückwünschendem Lächeln und gedämpfter Stimme, „heute Abend hat Regina mehr zu thun, als die Megillah zu hören. Grüß' sie von mir. grüß' auch Deine Mutter und sag' ihr, sie wäre eine herrliche Frau. Und über das, was sie heute Abend gethan hat, werden sich Euer Vater und der Raphael im Himmel freuen." „Wollen Sie wirklich gehen, lieber Herr Jonas?" fragte Alphons ebenso leise und halb unschlüssig. „Sie gehören doch so ganz zu uns. Weshalb wollen Sie diese Freude nicht mit u»S theilen?" Der alte Mann klopfte seinen früheren Schüler väterlich wohlwollend auf die Schulter.; „Das thue ich ja, aus vollem Herzen thue ich's, mein guter Alphons. Aber glaube mir, augenblicklich ist jeder Dritte bei Euch zu viel!" „Vielleicht haben Sie Recht," entgegnete der Jüngere und schüttelte ihm nochmals herzlich die Rechte, „dann will ich Sie in der That nicht länger zurückhalten. Nehmen Sie aufrichtigen Dank für ihren warmen Antheil, und nicht wahr, wir sehen Sie bald ein anderes Mal?" „Schon gut, schon gut!" Damit war er davongeeilt. Währenddessen hatte Regina ihre Mutter zu einem Sessel geführt, war an ihrer Seite niedergekniet und hatte ihre Hände mit Küssen bedeckt, bis Jene sie wieder von Neuem in ihre Arme zog, um sie mit der tiefen, verhaltenen Innigkeit zu liebkosen, die sie einst ihrem Töchterchen gegenüber zu bekunden gepflegt hatte, wenn sie mit dem kleinen Mädchen besonders zufrieden gewesen war. „Meine Regina, mein einzig geliebtes Kind," sprach sie dabei, „ich sehe es ja heute Abend, Du gehörst doch zu mir. Wollen wir das Vergangene vergessen sein lassen? Willst Du wieder zu Deiner alten Mutter, deren heißeste Liebe in ihrer Seele innerstem Grunde — glaube mir's —doch immerdar Dir gehört hat, kommen? Wollen wir den Rest unseres Lebens zusammen verbringen?" „Ach, Mutter, wie gern! Aber", sie richtete sich empor und schaute ihre Mutter fest und ehrlich an, „ich möchte nicht unter falschen Voraussetzungen kommen. Das wäre Deiner und meiner nicht würdig. Sieh, dasjenige, was mir lieb und theuer ist, alles, was meinen wirklichen Ueberzeugungrn entspricht, das halte ich getreulich. Allein, wird Dir das genügen?" Simonette da Silva hatte sich gleichfalls erhoben und zog ihre Tochter abermals an sich. „Ja, mein Kind," sagte sie weich. „Auch ich habe in den langen Jahren einiges gelernt, und seit heute weiß ich's, .man kann dem Kern der Sache treu bleiben, wenn auch thatsächlich etwas von der Schale fällt. Ich begehre nicht einmal zu wissen, wie viel oder wie wenig Du noch hältst. Sehe ich doch, im Ganzen bist Du. zurückgekehrt." Voll unbeschreiblicher Zärtlichkeit zog Regina die Hände ihrer Mutter von Neuem an ihre Lippen. „Ach, liebste Mutter." entgegnete sie dann, unter Thränen lächelnd, „ich bin ja nie ganz fortgewesen!" ... Iom Kipur. Lin kleinrussisches Märchen. Frei nach Wladimir Aorolenko. Von Marya Rosenberg. °> m. der Morgen graute, weckte den Müller das Pochen seines E Mühlburschen Gawrilo, dem er mit einem Fluche öffnete. Der ^0^" Nichtsnutz hatte, wie gewöhnlich, bis spät in die Nacht gezecht und dann in der warmen Herbstnacht die Dorfschönen besucht. Der Müller schimpfte darüber, doch der tölpische Bursche blieb auch, kein Wort schuldig und warf sich trunken auf die Schlafstatt. Schon krähten die Hähne, der Müller wurde ganz wach und erinnerte sich mit Staunen an sein nächtliches Erlebniß. Also fort war der Hapun mit dem Juden Jankel, weit fort, und immer lebhafter wurde in ihm der Gedanke, der wie ein Frosch aus seiner Höhle aus dem tiefsten Winkel seines Herzens kroch: Nun, Philippchen, halt' die Augen offen, jetzt beginnt deine Zeit! Und kaum war die Sonne etwas höher, da machte er sich auch schon auf den Weg zu dem Dorfe. Dort vor der Schenke wimmelte es schon von Neugierigen. Man hatte statt des Jankel nur seine Pantoffeln aus der Stadt gebracht. Drinnen in der Schenkstube hörte man das laute Schluchzen und Weheschreien von Frau und Kindern. Jankel hatte noch zum Unglück alle Baarschaft und Wechsel mit sich genommen, und alle die Bauern, die da herumstanden und mehr oder weniger in seiner Schuld waren, betheuerten nun auf alles Bitten und Flehen der Armen, sie hätten erst vor wenigen Tagen zu Heller und Groschen bezahlt und wären Nichts schuldig. Auch der Müller, den jetzt die Frau erblickte, und dem sie sich mit den Kindern vergebens zu Füßen warf, zuckte nur mit den Achseln und behauptete, erst am Tage vor Jom Kipur seine ganze Schuld an Jankel bezahlt zu haben, da dieser das Geld zu einem Geschäft brauchte. Nur die arme Preisa, die Wittwe, Helas Mutter, brachte den Juden zwanzig Eier und etwas Neukorn als Deckung für ihre Schuld und sprach ihr mitleidig zu. Das aber wurmte den Müller, ihm hatte die Alte nicht zahlen wollen, und hier, wo sie sich so gut ausreden könnte, da brachte sie ihr Letztes. Warte, dachte er, Dll alte Närrin, einem Christen giebst Du nichts ab, aber solchen ungläubigen Juden schleppst Du alles zu. Aber ich werde schon mit Dir abrechnen. Am anderen Tage verließ die arme Jüdin, nachdem sie alles Hausgeräthe für ein Spottgeld an die Bauern verkauft, mit den Kindern Schenke und Haus. Sie mußte sich zu Fuß nach der Stadt schleppen, denn die mitleidlosen Bauern gaben ihre Pferde nicht her. Jeder fürchtete auch, man würde es ihm als ein schuldiges Gewissen auslegen. Gott allein weiß, was aus den Armen in der Stadt wurde, vielleicht sind sie alle vor Hunger verkommen. Vielleicht auch haben ihr die Juden geholfen, die ja doch die Ihren nich verlassen und sie, wenn auch spärlich, doch immerhin leben lassen.