Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 441 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWWW 441 Sie war leichenfahl geworden und beschattete ihr Gesicht mit der-Hand, während sie den Arm fest auf den Tisch stützte. ' : >,Nun wohl, meinetwegen!" stieß sie heraus, „ich sehe es ein, Raphael hat Recht gehabt, ich kann das . Rad der Zeit nicht rückwärts drehen. Laß die Kinder morgen kommen." „Wer spricht von den Kindern?" gab er halb ungeduldig, halb wegwerfend zurück. „Gewiß, laß sie kommen; von ganzem Herzen soll mich's freuen, wenn die Kluft zwischen Dir und ihnen wieder überbrückt wird. Aber sie haben ihre Mutter, von ihnen sprach ich nicht. Nein, eine Andere soll kommen, Mutter, eine Andere, die Dir noch näher steht, und die Du dreimal von Deiner Thür fortgewiesen hast wie eine Bettlerin. Komm, wir wollen hingehen und sie holen! Komm mit zu. ihr! Denn, Mutter, vergessen kannst Du sie ja doch nicht!" . Wie von einer höheren Macht getrieben, hatte sie sich erhoben und stand jetzt vor ihm» der schon lange im Eifer der Rede aufgesprungen war. In ihre Augen; trat ein eigenes Leuchten. Ihre ganze . Gestalt streckte sich, wie bei einem Menschen, der sich mit Aufgebot aller seiner Kräfte von schwerer Fesselung befreit., „Nein," sagte sie fast nnhörbar, „vergessen kann ich sie, bei Gott im Himmel, nicht." „Komm!" wiederholte er nochmals mit gesteigerter Eindringlichkeit. „Die Luft ist warm und milde und trocken. An manchem Abend, da das Wetter unfreundlicher war als heute, haben wir während des vergangenen Winters den Weg zuriickgelegt. Und dieses Mal bleiben wir dort» drüben nicht wie zwei Vecvehmte draußen stehen. Wjr wollen hineiugehen zu ihr, sie wieder hinüberholen zu uns, hierher. Willst Du's, Mutter, willst Dü's?" „Ja!" sagte sie halb wie im Traum, dann noch einmal, und es klang aus ihrer klar und kräftig gewordenen Stimme wie tiefinnerliche, aufjubelnde Befreiung: „Ja!" Er hatte das zweite „Ja" nicht mehr abgewartet, sondern war sofort mit der Geschwindigkeit eines Knaben, dem 1 ein langgehegter Wunsch plötzlich wider eigenes Erwarten erfüllt wird, zur Klingel gestürzt und hatte derart Sturm geläutet, daß die erschreckte Minna mit einer ihr sonst im Laufe der. Jahre ziemlich abhanden gekommenen Geschwindigkeit erschien. „Hut und Mantel für Madame, rasch!" befahl er. Und als nun die alte Judith mit der bestürzten Frage, ob etwas passirt sei, langsam die Treppen heraufkeuchte, da konnte er sich's nicht versagen, der anhänglichen alten' Seele zuzuflüstern: „Es ist nichts geschehen, Judith, aber wir gehen.jetzt hm und holen Regina." Ehe die Ueberraschte noch in ihrem grenzenlosen, glückseligen Erstaunen eine Silbe hervorzubringen vermochte, waren Mutter und Sohn schon aus der Straße. Und wieder gingen sie den Weg, den sie so oft schon gegangen, in ebenso tiefem Schweigen wie immer, aber mit glücklicheren, gehobeneren Empfindungen, soweit es den Sohn, ja, auch soweit es die Mutter betraf, wenngleich, der sie durchwogende übermächtige innere Aufruhr diese fast. jedes klaren Nachdenkens beraubte, sie unfähig machte, sich , über ihr Fühlen überhaupt Rechenschaft abzulegen. Durch die winkeligen, engen Straßen der Neustadt ging es wieder, über die Wallanlagen, oie Esplanade, alles wie schon so oft. Und Beide gedachten des Herbstabends, da sie diese Wanderung zum ersten Male antraten. Alles war wie damals, ebenso silbern strahlte der Vollmond hernieder, nur umspielte sie heute, statt des damaligen scharfen, kalten. Windes, ein leises, lindes Wehen, wie es um diesen Zeitpunkt, Ende März, in Norddeutschland sonst noch nicht eben häufig ist, ein Ahnen wie von erwachendem Leben, wie von kommendem Frühling, wie von kommendem, spätem Glück. Sie waren am Ziel. In unvergeßlicher, glänzender, märchenhafter Schönheit dehnte sich die mondbeschienene weite Wasserfläche der Alster vor ihren Blicken. „Sie ist zu Hause," sagte Alphons halblaut mit einem Seitenblick auf die wohlbekannten Fenster des Wohnzimmers, die aber heute Abend durch die vorgezogenen Gardinen so fest verhüllt waren, daß kaum ein Lichtstrahl durch einen schmalen Spalt zu dringen vermochte. Die; alte Frau meinte, vor wahnsinnigem Herzklopfen nicht weiter zu können. Willenlos, von ihrem Sohn mehr getragen als geführt, ließ sie sich die wenigen breiten Stufen bis zur Hausthür emporziehen und in die geräumige, in weißem Marmor gehaltene Eintrittshalle geleiten. Sie waren nicht allein. An der zweiten, ins Innere des Hauses führenden Thür verhandelten zwei Damen mit dem tadellos dreinschauenden Kammerdiener, den sie an jenem ersten Abend und nachher noch öfter von der Straße aus gewahrt hatten. „Die Frau Geheimrath lassen die gnädige Frau sehr um Entschuldigung bitten," hörten die Eintretenden ihn sagen, „sie sind aber zu ihrem Bedauern:Heute Abend außer Stande, Besuch zu empfangen." „Das thut mir außerordentlich leid," versetzte die ältere der beiden Fremden. „Ich kaffe die Frau Geheiinrath herzlich grüßen und werde in den nächsten Tagen mit meiner Tochter einmal wieder vorsprechen. Guten Abend, Herr Doktor!" die letzten Worte waren im Hinausgehen an den ehrerdiejig den Hut ziehenden Alphons gerichtet. , . Seine Mutter war dem ganzen Vorgang mit wachsender Unruhe gefolgt. Und als er sie hierauf durch die von dem Diener beflissen offen gehaltene Entreethür geleiten wollte, hielt sie ihn leise zurück. „Du hast doch gehört," flüsterte sie, „sie nimmt heute Abend Niemanden an. Wenn ich denke, auch ich sollte so abgewiesen werden —" Er führte sie, ohne auf ihr Sträuben zu achten, tiefer ins Haus.' „Uns nimmt sie an!" sagte er ernst lächelnd, „daß sie heute Abend für Fremde nicht zu sprechen ist, hat seine guten Gründe. Sie, — aber Du wirst ja gleich sehen; folge mir nur." Mit der Miene eines sich hier zu Hause Fühlenden und den Worten: „Es bedarf keiner Anmeldung, Johann!" schritt er an dem sich devot verneigenden Diener vorbei durch das reich ausgestattete Vestibül, öffnete die Thür des Wohnzimmers und schob seine Mutter hinein. Dann folgte er ihr selbst und zog behutsam den schweren Eichenholzthürflügel hinter sich zu. Die Matrone war von dem raschen Uebergang vom verhältnißmäßig Halbdunklen ins strahlend Helle zuerst so geblendet, daß sie überhaupt nichts zu erkennen vermochte. Und dann, nachher, sah sie auch noch nichts deutlich, nicht die vornehm-prächtige Reuaiffance- Einrichtung des Gemaches, nicht das lebensgroße Porträt Emänuel Steinhardts, nicht ihr eigenes und ihres verstorbenen Gatten Bild, beide letzteren ersichtlich von Reginas eigener Hand gefertigt. Wie jenes erste Mal im Herbst, sah sie nichts als ihre Tochter, die mit gesenktem Haupt, an einem ebenso festlich wie bei ihr daheim mit. weißem Damast gedeckten Tisch saß, ihr gegenüber der alte Jynas, ihr ehemaliger Lehrer, der ihr, langsam und gewichtig betonend, die Megillah vorlas. Bei dem ganzen. Bilde aber erstgnd ein anderes, längst vergessenes wieder vor Simonette da Silvas Geist. So hatte auch i ihre eigene, frühverstorbene Mutter, deren Namen Regina trug, einst geseffen, wenn, ach, vor so vielen, vielen Jahren, ihr Vater ihnen daheim jene schöne, uralte Geschichte vorgetragen hatte..