Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
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440 Himmel, der sich augenscheinlich an das 2. Kap. Hiob anlehnt; die Parallelstellen liegen auf der Hand. 1. Die ganze Idee der Versammlung der Engel, unter ihnen des Teufels, im Himmel vor dem Herrn der Herrschaaren (vergl. Hiob Kap 2, Vers 1—11). 2. Die Fragen, die Gott an den Satan richtet, mit denselben Ausdrücken, die auch Goethe anwendet, (d.) v. 3.) . Auch das Hohe Lied hat einen Dichter zur Nachahmung angeregt, nämlich Chateaubriand, in seiner Idylle „L’amour de deux sauvages“. Doch will ich in diesem Artikel zunächst ausschließlich den Einfluß der Bibel auf Shakesspeares „Kaufmann von Venedig" nachzuweisen versuchen. Welche Ironie, daß dasjenige Stück, das im ersten Augenblick als eine Verhöhnung des jüdischen Volkes erscheint, fast sämintliche Bilder aus der Bibel entlehnt hat! Zunächst hat Shakespeare die Namen Shylock, Tubal und Jessika aus einem entlegenen Winkel der Bibel hervorgeholt,2) wie Tubal (Genesis 4, 22). Shylock, hebr.: Schelach nbttf, Genesis 10, 24, Jessika, hebr. Jßka ,12V', (Genesis 11, 29). Außer der Erzählung von Laban und Jakob, die er ganz genau wiedergiebt, hat Shakespeare einige Bilder ebenfalls der Bibel entnommen. Ist die Geschichte des Ringes, den Portia an Bassanio gab, nicht der Geschichte des Jehuda und der Tamar ähnlich? Ist nicht hier wie dort das Pfand der Liebe gleichfalls im richtigen Moment hervorgeholt, um Mystifikationen vorzubeugen? (Siehe Genesis Kapitel 38, Vers 18 und 25.) Ist nicht auch die Quintessenz des Ganzen dorther entlehnt?^ „Ein Pfund Fleisch sollst Du haben, aber keinen Tropfen Blut giebt Dir der Schein." Auch Moses hat alles Mögliche ersonnen und erschöpft, um das Volk vom Fleischgennß zurückzuhalten, mit einem Male aber den Fleischgenuß gestattet, unter einer Bedingung, die ebenso klingt wie die Klausel in dem Schein (vgl. Deuteron. Kapitel 12, Vers 20), wo er sagt: „Wenn aber der Herr, Dein Gott, Deine Grenze erweitern wird, wie Er Dir geredet hat, und sprichst: Ich will Fleisch essen, weil Deine Seele Fleisch zu essen gelüstet, so iß Fleisch nach aller Lust Deiner Seele", 2) Shakespeare durfte es nicht wagen, bei der noch jetzt so großen Hoch- und Heilighaltung der Bibel in England seine Karikaturen wie Shylock und Jessika mit populären Namen, wie Abram, Isaak, Jakob, Chava, Rebbekka, Rahel zu belegen. Shakespeare mußte jüdische Namen für seine Figuren haben und wählte, um keinen Anstoß zu erregen, die unbekanntesten. Wie anders Lesstng! Dieser hat jenen edlen und muthigen Propheten Nathan zum Vorbild seiner edlen Schöpfung auserkoren, und wie analog der Lessing'sche mit dem biblischen Nathan ist, lehrt die ergreifende Erzählung jenes Propheten, die wir Samuel II, Kapitel 12, Vers 1—7 finden. Der Prophet Nathan erscheint vor König David, um ihn ob seiner schmählichen Handlung gegen Urias und Batscheba zur Rede zu stellen. Noch wagt er nicht, ihm direkt seine That vorzuhalten, er erzählt nur von einem reichen und einem armen Manne, der Reiche besitzt große Heerden und der Arme nur ein einziges Schäflein, das ihm der Reiche, raubt, um einen Gast damit zu bewirthen, und als der König wuthentbrannt ausruft: „Der Mann verdient den Tod!" da regt sich der ganze Mannesmuth des Propheten, und er schleudert ihm die vernichtende Anklage zu!£>'&“! nnx „Du bist der Mann!" Auch Lessings Nathan, als er zu Ende mit seiner Erzählung und von Saladin verstanden war, gebraucht diese Worte, wenn auch in anderer Form: Nathan: „Saladin, wenn Du Dich fühlst, dieser weisere versprochene Mann zu fein! . . . ." Saladin: „Ich Staub? Ich Nichts, o Gott!" b) Was würden die Antisemiten gesagt haben, wenn eine jüdische Jungfrau zu solchen Sophismen wie Portia griffe? und schon Vers 23 desselben Kapitels macht et dieselbe Klausel): „Allein merke, daß Du das Blut nicht essest, denn das Blut ist die Seele, darum sollst Du die Seele nicht mit dem Fleische essen." Ich stelle noch eine Hypothese auf, und wenn dieselbe auch gewagt ist. Hat nicht auch Aehulichkeit mit Shakespeares „Kaufmann von Venedig" die biblische ErzähliUlg von Dina und Sichem, die möglicherweise Shakespeare bei dem Vorwurf seines Dramas vorschwebte? Haben die Brüder der Dina dem Sichem nicht eine Bedingung gestellt, ähnlich der des Shylock? Bei Beiden ein körperlich operativer Eingriff, bei Beiden derselbe Wortbruch, bei Beiden. unstillbarer Rachedurst, bei Beiden geht Macht vor Recht, nur mit. dem einen Unterschied, daß die Brüder der Dina ihr Unrecht eingestehen und ihr Gewiffen und die Vorwürfe ihres Vaters dadurch beschwichtigten, daß sie als Vertheidigung anführten (Genesis Kap. 39, V. 31): „Sollten wir unsere Schwester zu , einer Dirne herabwürdigen laffen?" während Antonio sich seiner Verpflichtung durch sophistische und verschlagene Kniffe entledigt. Daß Shakespeare ein gründlicher Kenner der Bibel war, berichten die vielen Schlagwörter aus der Bibel, die er in seinem Stücke benutzt, besonders in Akt II, Szene 8: „Siebenmal im Feuer geklärt ward dies Silber, so bewährt sich ein Sinn, den nichts bethört" (siehe Psalm Kap. 12, V. 7), wo es heißt: „Die Rede des Herrnist lauter wie geläutert Silber im irdenen Tiegel, gekläret siebenmal." Das Endresultat. aller Forschungen ist und bleibt, daß der „Kaufmann von Venedig" ein ungelöstes Räthsel, Shylock .eine wesenlose Phantasiegestalt ist. Einst zog ein großer deutscher Dichter^) aus, um nach dem Modell der Schöpfung jenes gewaltigen englischen Dichters zu forschen. Er ging nach Polen, wanderte nach Frankreich, nach England, endlich nach Venedig, dort hat er es gefunden, aber nicht auf dem Rialto, sondern an geweihter Stätte und am jüdischen Versöhnungstage. Es war keine Jammergestalt, kein verzerrtes Wucherergesicht. Nein! ein ehrwürdiger Greis kniete vor der offeiien Bundeslade. . Er flehte nicht um Vernichtung seiner Feinde, er schrie nicht nach Rache, er weinte nicht »m seine geraubten Schätze, er klagte nur um sein verlorenes Familienglück, das ihm gewissenlose, Buben geraubt, und. dennoch klang sein Jammer in milden, liebenden und verzeihenden Akkorden aus: „Jessika mein Kind!" EUILLETON Mr Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XXII. <7^etzt war das Ungreifbare, in der Luft Liegende noch tausendfach 'Tto schwerer, noch tausendfach fühlbarer geworden: So sehr, daß Qm Simonctte da Silva glaubte, unter dem ihre Brust bedrückenden Gewicht zusammenbrechen zu müssen. Qualvoll rang sie nach Athem. „Und es könnte so anders sein!" sagte ihr Sohn eindringlich. „Mutter, noch ist es Zeit. Bedenke, Du verurtheilst nicht Dich allein zur Einsamkeit." 4) Der Bibelvers lautet: „pin p“]" Sei fest, und esse kein Blut! Woher die Uebersetzer der Bibel es genommen, das Wort put mit „merke" zu übersetzen, ist mir nicht klar. Auch Portia bedient sich desselben Ausdruckes: „Allein merke, Jud', kein Tropfen Blut!" 5) Siehe Heine: „Shakespeares Frauen".