Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
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- 439 geschähe; der Deutsche des 19. Jahrhunderts würde solche Strafen als schreiendes Unrecht empfinden. Bei den Somali ist der Räuber ein Ehrenmann, der Mörder ein Held, und der Alfure gelangt erst zur vollen Menschenwürde, wenn er einen Menschen erschlagen hat, darf sich daher auch nicht eher verheirathen. Bei jedem Kulturvolk ist der Räuber und Mörder lediglich Verbrecher. Rach dem Gesetzbuch Manus soll dem Cudra, welcher einen Brahminen auf seine Pflichte» hinweist, glühendes Oel in Ohren und Mund gegossen werden, und der alte Aegypter fand es selbstverständlich, daß Derjenige, welcher, auch nur aus Versehen, einen Ibis getödtet hätte, sterben müsse. Wir würden das einfach für verrückt halten (Post, Bausteine für eine allg. Rechtswiff. I., 60). Wie gesagt, es ist völlig hoffnungslos, hier durch irgend welchen dialektischen Kunstgriff die Erfahrung, d. h. in diesem Falle das wirkliche Völkerleben, meistern zu wollen. Lazarus stellt sich so zu der Frage, daß er dem Menschen von Haus aus und ursprünglich nach der Natur seiner psychischen Beschaffenheit die Fähigkeit und Nothwendigkeit zuschreibt, alle eigene oder fremde menschliche Handlung begleitet von einem bestimmten Gefühl der Zustimmung oder Abneigung wahrzunehmen. Als letzter Rest bleibt mithin für unsere psychologische Zergliederung ein rein formales Element des Sollens, der Verpflichtung zurück, das aber erst seine ganze materielle Bestimmung, seinen eigentlichen Inhalt nachträglich durch den Charakter der betreffenden sozialen Organisation erhält. Erst von diesem erhabenen Standpunkt einer die ganze Dfenschheit in allen ihren Entwickelungsphasen umfaffenden Vergleichung kann sich auch die echte Toleranz entfalten, die dem auf kurze Abschnitte menschlicher Geschichte beschränkten Blick nur allzu sehr fehlt. Die einer echten Humanität so unwürdigen religiösen und nationalen Vorurtheile verlieren sich in dieser kulturgeschichtlichen Psychologie, und schon aus diesem freilich recht wenig sachlichen Grunde können wir das Studium dieser jedem gebildeten und Har denkenden Laien zugänglichen Wissenschaft nur dringend empfehlen. Ist es doch schließlich das Verständniß unserer eigenen Persönlichkeit, das auf dem Spiele steht, damit wir nicht mehr gleich dem gewöhnlichen, durch die sinnlichen Begierden des Erwerbs¬ und Alltagslebens gefesselten Durchschnittsmenschen in den Tag hinein träumen, sondern uns selbst in unserer Entwickelung psychologisch begreifen lernen. Wir möchten diese Skizze mit den Worten schließen, die Lazarus als Rektor der Universität seinen Zuhörern zurief, und die auch uns eine Mahnung sein können: Es sei denn, daß ein Volk reich an Gedanken ist, sonst ist es kein reiches Volk, es sei denn, daß. es groß ist an Gesinnungen, sonst ist es kein großes Volk, es sei denn, daß es herrsche in und mit dem Geiste, sonst wird es im Rathe der Völker nicht herrschen, sondern dienen. Wie reich, groß und mächtig mochten doch auch jene Völker sich dünken, welche so geräuschvoll auf der Erde erschienen und so spurlos wieder verschwunden sind? Wie ein Sturmwind brausten die Hunnenschaaren über Asien und Europa dahin, daß sie bis an die Berge, bis an den Ozean drangen; aber nicht im Sturmwind ist Gott! Wie ein verzehrend Feuer ergossen sich die mongolischen Horden schier über einen großen Theil des Erdballs, aber mit dem Tritt ihrer Rosse und ihrem Schlachtgeschrei ist auch ihr Ruf verhallt: nicht im Feuer ist Gott. Aber jene kleinen Völkerschaften im Osten, Norden und Westen des Mittelmeeres, welche Kunst und Wissenschaft gepflanzt und gepflegt und die religiöse Vertiefung des Menschengeistes angebahnt haben, sie bilden noch heute die Quellpunkte der Geschichte der Menschheit, sie füllen noch heute mit Reichthum de» Geist der Kulturvölker, sie bilden die Größe der Gesinnung, und die von ihnen erkannten Ideen beherrschen noch als Zielpunkte alles Strebens die vorzüglichsten Geister: in der Stimme eines sanften Säuselns ist die Erscheinung alles Göttlichen auf Erden. Aer Kaufmann von Venedigs Bon S. H. Reinherz. o sehr auf der einen Seite die Bibel an und für sich zum Gegenstände eingehendster und gründlichster Forschungen und Untersuchungen gemacht worden ist. so wurde andererseits, wie mir scheint, doch das Studium ihres Einflusses auf die moderne Dichtung weniger gepflegt, ja wir können sagen, geradezu vernachlässigt, obwohl dasselbe den reiir biblischen Forschungen an Reiz und Interesse in keiner Weise nachsteht. Die Bibel verdient eben nicht nur deshalb den Namen Buch der Bücher, weil sie dasjenige ist, das am meisten übersetzt und am meisten gelesen wurde, sondern auch darum, weil sie den größten Einfluß auf andere Geisteswerke der Menschheit, seien sie philosophischen oder poetischen Inhalts, geübt. Während sie im Mittelalter als die unbedingte Richtschnur des Glaubens galt und so mittelbar den größten Einfluß auf die Philosophie übte, die ja dazumal nichts anderes war als die Dienerin der Religion, die Magd der Theologen, hat sie in der Neuzeit, wo man sie mit schärferen Augen zu betrachten anfing, auch einen ganz andersartigen Einfluß erzielt. Der erhabenen Strenge herrschender Autorität entkleidet, befreit von den Fesseln einer dogmatisch einseitigen und engherzigen Auffassung, losgelöst von der vieljährigen Kruste erstarrender Gesetzlichkeit, enthüllte sie jetzt erst auf einmal dem freier gewordenen Blick die ganze Fülle und Schönheit ihrer poetischen Formen und Bilder, ihren hohen dichterischen Schwung und Adel, den unnachahmlich schönen Reiz ihrer so schlichten und einfachen Sprache. Der erste der Nichtjude», der die Bibel von dieser Seite betrachtete und beurtheilte, war Herder, der mit tiefem Kennerblick und feinsinnigem Verständniß in seinem Werke „Ueber die hebräische Poesie", die eizelnen Bücher der Bibel nach ihrem poetischen Wcrthe einer Kritik unterzog und im Allgemeinen zu dem Resultat kommt, daß die Bibel nicht nur in religiöser, sondern auch in poetischer Hinsicht das Buch der Bücher genannt zu werden verdient. Und in der That. giebt es eine Dichtungsart, die nicht in der Bibel nicht nur ihre Vertretung, sondern auch ihr Vorbild fände? Von Allen wird zugegeben, daß die Lyrik der Psalmen nicht nur unübertrefflich, sondern auch unnachahmlich ist. Aber muß man nicht auch zugeben, daß das Buch Ruth, welches Goethe übrigens für die schönste Idylle erklärt, an die epische Naivität und Behaglichkeit Goethes im Herrmann und Dorothea erinnert, daß Hiob ein herrliches Beispiel dramatischer Lebendigkeit bietet und Goethes Faust beeinflußt hat. Ja, wir können ohne Uebertreibung sagen, daß es keinen Dichter von einiger Bedeutung giebt, in dessen Werken nicht ein Nachklang oder eine Nachwirkung biblischer Poesie sich fände. Und wer sich am besten und lebhaftesten die Empfänglichkeit eines Dichtergemüthes für die unwiderstehliche Macht der Bibel vorstellen will, der lese nach, was Goethe in „Dichtung und Wahrheit" von dem wirksamen Einfluß der Lektüre der Bibel auf sein Denken, Dichten und Schaffen sagt. Ein treffendes Beispiel dafür bietet im „Faust" der Prolog im i) Ein Berliner Blatt fragt in seiner Unterhaltungsbeilage Nr. 247 vom 21. Oktober v. I. „Wer erklärt aber den Namen „Shylock"?" Kein Kommentator des „Kaufmann von Venedig" vermochte bisher eine glaubwürdige Erklärung für diesen merkwürdigen Namen zu geben, der weder englisch noch italienisch noch jüdisch ist." Verfasser dieser Studie hat jenem Blatte den Ursprung dieses Namens bis zur Evidenz klargelegt, und dasselbe schreibt in seiner Unterhaltungsbeilage Nr. 253 vom 28. Oktober v. I. „Mehr Wahrscheinlichkeit hat die folgende Erklärung des Herrn S. Reinherz: Shylock ist identisch mit dem biblischen Namen „Schelach", der in der Genests vorkommt."