Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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488 zu bleiben, allgemeinverständlich, soweit natürlich davon in philosophischen Fragen die Rede sein kann; die merkwürdige Sucht, sich in hochtrabenden Kunstausdrücken zu gefallen, einen Nimbus der Unnahbarkeit um sich zu verbreiten, lag ihm völlig fern, wie er denn überhaupt kein Systematiker der alten Schule war. Schon seine Vorlesungen lassen das zur Genüge erkennen, in denen nämlich Völkerpsychologie, Erkenntnißtheorie, Pädagogik, Fragen aus dem politischen und sozialen Leben u. a. behandelt wurden. Von seinen einschlägigen Schriften, die sich, wie gesagt, durch klare und faßliche Darstellung aus zeichnen, seien genannt: Das Leben der Seele (drei Bände), Ueber den Ursprung der Sitten, Ueber die Ideen in der Geschichte, Ideale Fragen, Was heißt national, Ueber die Reize des Spiels. Suchen wir uns nun, wenigstens in großen Zügenseine Weltanschauung klar zu machen, ganz besonders aber diejenigen Gedanken, die als Fermente einer Regeneration des philosophischen Bewußtseins sich bezeichnen lasten. Die Völkerpsychologie, wie sie die Zeitschrift gleichen Namens vertrat, umfaßt das gesanimte Leben der Menschheit, im Wesentlichen ihr geistiges Schaffen (denn der rein anthropologische Stoff, mit dem sie anhebt, ist nur Einleitung und Vorarbeit) nach allen Richtungen psychischer Thätigkeit hin. Es sind also in erster Linie die Annalen und Dokumente der Völkerkunde, auf die sich, als ihre empirische Grundlage, diese Wiffenschaft stützt; dazu tritt dann das umfaffende Material der Kulturgeschichte, der Mythologie u. s. w., kurz alles dessen, was in das Gebiet der psychischen Ethnologie oder der Psychologie überhaupt gehört, sofern es schon auf die Entdeckung gewiffer allgemeiner Gesetze ankommt. Hier ist es offenbar von hervorragender Wichtigkeit, welchen Standpunkt man zur Geschichte überhaupt einnimmt, ob man sie als eine blos mechanische Verkettung von Thatsachen betrachtet (wie Buckle in der Hauptsache will) oder etwa als die Entwickelung einer Idee nach ihrer immanenten Reihenfolge im dialektischen Prozeß (wie die Hegel'sche Schule behauptet). Daß beide Ansichten auf willkürlicher und einseitiger Beurtheilung beruhen, bedarf keiner weiteren Begründung; die exakte Geschichtswiffenschaft selbst ist heutzutage über diese Extreme mit Recht zur Tagesordnung übergegangen. Was sind denn aber Ideen vor diesem Forum der nüchternen Kritik? Ideen in der Geschichte, antwortet Lazarus, sind die im Leben und Handeln der Menschen, des Einzelnen und Völker, also im Leben der Menschheit wirksamen Ideen. Sie sind nicht transcendentale, außer dem menschlichen Geist vorhandene Mächte, welche irgend wie von außen her auf ihn einwirken, sondern wirkliche, d. h. innerhalb des Menschen als Akte seiner psychischen Thätigkeit erscheinende Ideen; sie sind innerhalb des menschlichen Geistes selbst erzeugt, ausgebildet, entwickelt und zum Theil in Handlungen und Schöpfungen verwirklicht. Der Inhalt dieser Ideen besteht in allen jenen Normen des Willens in der Richtschnur des Handelns, welche die natürlichen Antriebe des menschlichen Lebens in gewiffe Schranken binden, ihm Ziele und Zwecke vorzeichnen, Formen des Einzellebens wie des Gesammtlebens des Menschen gestalten. Wer mit diesem Blick die vielbewegte Kulturgeschichte anschaut, die furchtbaren, herzbrechenden Konflikte, in denen einzelne Individuen zu Grunde gingen, die verheerenden Katastrophen, in denen ganze Völker dahinschwanden, der wird allerdings unserem Gewährsmann beistimmen, wenn er diesen Ideen eine treibende, weltumstürzende Kraft beilegt. Wie Licht mit Schatten, so berührt sich hier die höchste, reinste Idealität — auch in der herbsten Tragik unentweiht — mit der verruchtesten Bosheit und satanischer Ueberbietung. Daraus ergiebt sich als Lösung all der quälenden Räthsel, die uns der namenlose Jammer der Menschheit auf erlegt, die teleologische Perspektive, nicht freilich in jener beschränkten, nur nach menschlichem Vortheil und Nachtheil bemessenen Fassung des vorigen Jahrhunderts, sondern in der objektiven, durch «ine genaue Kritik der Erscheinungen festgestellten Bedeutung des Wortes. Denn, wie Lazarus bemerkt, die teleologische Betrachtung der Dinge ist überall wrrthvoll, nicht blos durch die Beziehung, welche sie auf religiöse, ethische und ästhetische Auffassung der Welt gewährt, sondern für ihre wissenschaftliche Erkenntniß überhaupt. „Die Zweckmäßigkeit ist eine unleugbare Thatsach«; sie tritt uns in der Beobachtung der Welt insgemein mit derselben unzweifelhaften Sicherheit entgegen, mit welcher wir irgend welche anderen Eigenschaften und Beziehungen der Dinge wahrnehmen." Es gehört leider heute schon ein gewisser Muth dazu, dem lärmenden Geschrei enragirter und kurzsichtiger Darwinisten gegenüber neben dem Prinzip der Kausalität noch die Geltung der teleologischen Perspektive zu vertheidigen. Ein anderes wichtiges Moment, das erst durch die Völkerpsychologie seine rechte Fassung erhalten hat, ist der Ursprung der Sitte. Die in der ganzen Aufklärung maßgebende Ansicht, Recht und Sitte, diese ureigentlichen Produkte des sozialen Lebens, als Erfindungen einzelner Heroen zu betrachten oder aus bestimmten Verabredungen und Satzungen abzuleiten, ist gegenüber den Ermittelungen der Ethnologie und Kulturgeschichte völlig hinfällig geworden. Wer erinnert sich nicht der ganz rhetorisch gefärbten Spekulation Rouffeaus in dem berühmten Contrat social, wo er sich anheischig macht, jene Uranfänge der sozialen Entwickelung (Recht, Sitte, Eigenthum u. s. w.) aus aä hoc geschlossenen Verträgen zu deduziren? Es ist dies in der That die gröbste Verkennung sozialer Bildungen vom individualpsychologischen Standpunkte aus, die sich denken läßt. Immer und überall ist vielmehr die Sitte als das nothwendige Ergebniß des geselligen Lebens entstanden und eben daher so alt wie die Menschheit selbst. Vom eisbewohnenden, seehundsseligen Eskimo bis zum fleischmeidenden Inder, vom lallenden Pescheräh bis zum wohlredenden Griechen, vom wasserscheuen Patagonier bis zum weltumsegelnden Angelsachsen, alle Aeste und Zweige aus dem Stamm der Menschheit, deutlicher als aus ihren Gesichtern erkennen wir sie an ihren Sitten. Diese Musterlese unseres Gewährsmannes ließe sich aus den Annalen der ethnologischen Jurisprudenz uoch leicht sehr erheblich vergrößern. Aber auch eine andere weitreichende Konsequenz läßt sich nicht verkennen, nämlich der Satz, daß wir in dieser Erörterung auf jede Anleihe bei den sogenannten angeborenen Ideen verzichten müssen. Abgesehen davon, wie weit diese Hypothese überhaupt stichhaltig ist, läßt sie sich für unseren Zweck schon deshalb nicht verwenden, weil es sich durch die ethnographische Untersuchung unwidersprechlich herausgestellt hat, daß der Inhalt des Sittlichen, der Moralkodex, bei den einzelnen Völkern und in den verschiedenen Entwickelungsperioden so sehr schwankt, daß von keiner gemeinsamen Ableitung aus einer Quelle die Rede sein kann. Man schlage nur irgend ein beliebiges Handbuch der neueren vergleichenden Rechtswissenschaft auf, um sich von dieser Wahrheit zu überzeugen. Man verbiete dem Tscherkeffen oder Montenegriner die Ausübung der Blutrache (so schreibt ein moderner Ethnologe), und er wiÄZüeS als einen Akt schreiendsten Unrechts empfinden; man muthe «««n civilisirten Europäer zu, Blutrache zu üben, und er wird erwiedern, daß er damit Unrecht begehen würde. Der patriarchalische Häuptling, welcher seine Tochter auS Familienrücksichten ihrer Neigung zuwider an einen Mann verkauft, findet unter seinen Stammgenoflen keinen Tadel; er sorgt, wie es ihm zukommt, für das Beste seiner Familie, und er wird im Widerstreben der Tochter nur einen Frevel wider seine patriarchalische Autorität finden. Der gebildete Europäer würde eine solche HaNd- - lung als Unrecht empfinden. Der Deutsche des Mittelalters empfand, daß dem Geräderten, Verbrannten oder Lebendiggesottenen Recht