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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-15 · Heft 37 (15.9.1899) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 1891 kauften abermals rumänische Juden' ein großes Stück Land, leisteten auch eine namhafte Anzahlung darauf,, allein nach eingezogenen Erkundigungen ließen sie diese Anzahlung verfallen und kamen gar nicht erst nach Cypern. 1897 machte man abermals einen Versuch, indem ein Londoner Verein Ahawath Zion, der eigentlich in Palästina kolonisiren wollte, sein Ziel-änderte, in Cypern Land ankaufte, Margo Schiflik bei- Nikosia, und mit Hilfe der Jewish Colonisation; Association 15 Familien auf diesem Terrain ansiedelte. Was für, einen Erfolg dies Unternehmen'haben wird, kann man zur Zeit noch nicht übersehen, einige der Kolonisten sind schon; zurückgegangen, sie sind aber durch- Schüler von Mikweli Israel, der Ackerbauschule der Alliance Israelite Universelle in Jaffa, ersetzt worden, und wir müssen sehen, ob diese mehr Erfolg haben werden. In den letzten Monaten ist ein neues Projekt zur Kolonisation dieser Insel mit - russischen Juden aufgetaucht, dessen Urheber ein amerikanischer Jude Namens Triesch ist, der sich zur Zeit in Berlin aufhält und Anhänger für seine Pläne zu werben bemüht ist. Man kann indessen nicht behaupten, daß dieses neue Projekt auf dem sicheren Boden zuverlässiger Informationen steht. Herr Triesch hat vor einigen Wochen sein Projekt einer Anzahl hiesiger Herren vorgelegt, die aber, ohne auf seine Pläne weiter einzugehen, zunächst nur beschloß, sich zur Einholung genauerer Informationen an die Jewish Colonisation Association zu wenden. Die Antwort dieser Körperschaft hat nicht sehr befriedigt, da auch sie auf die Erfahrungen vertrösten muß, die man mit der Kolonie von 1897 machen wird. Auch auf dem Zionistenkongreß haben die Vorschläge von Triesch eine runde Ablehnung erfahren. In der „Welt am Montag" vom 4. 9. tritt Herr Triesch für sei» Projekt in einem längeren Artikel ein, in dem er die Behauptung aufstellt, daß Cypern für eine Million Juden Platz böte. Diese Theorie ist etwas stark phantastisch, denn die Insel hat nur 173 Quadratmeilen Umfang, wobei einige, wüste Terrains, Bergspitzen rc. einbegriffen sind,, also nur etwa halb so viel wie das Königreich Sachsen. Industrie giebt es noch gar nicht auf der Insel, und ob es möglich sein wird, solche dort ins Leben zu rufen, erscheint mindestens fraglich, ebenso wie es höchst unsicher ist, ob die im Alterthum berühmten Bergwerke noch qusgeheutet werden können. Ist diese Theorie immerhin zweifelhaft, so ist ,die andere Behauptung absolut falsch, daßdie englische Verwaltung in der Lage sei, herrenloses Land zur Ansiedelung im großen Stil an jüdische Kolonisten zu verschenken. Ich habe die sämmtlichen Berichte des High Commissioners, der obersten Verwaltungsbehörde der Insel, durchgesehen, sie enthalten aber nicht , das . Geringste, was eine solche Behauptung stützen könnte. Man hat sich von Regierungswegen bemüht, französische, Deutsche rc. Kolonisten, besonders Weinbauer, in das Land zu ziehen,, .man hat mit Regierungshilfe Kolonien von Malthesern und Armeniern angelegt, aber niemals hat die Regierung Land geschenkt oder ein solches Geschenk versprochen. Nebenbei bemerkt, sind diese Ansiedelungsversuche ebenso wie die der Juden völlig gescheitert. Würde man heute auf . die Vorschläge des Herrn Triesch, die jeder festen Basis entbehren, entgehen, so würde man nur die Oessentlichkeit irre führen und in unseren leicht erregbaren Brüdern im Osten neue trügerische Hoffnungen erregen, die dann zu einem Krach k la Midian führen müßten. - - Ich spreche -nicht gegen eine Kolonisation in Cypern; im Gegentheik, eingehendes Studium der einschlägigen. Litteratur hat mich zu der Ueberzeugung geführt,, daß die Verhältnisse in Cypern denen in Palästina ähnlich sind, obwohl sie gegenüber dem heiligen Lande den großen Nachtheil aufweisen, daß es. fast gar keine Städte giebt, und die vorhandenen sehr klein sind, es mithin an einer einheimischen Bevölkerung fehlt, welche die Produkte des Ackerbaues konsumiren kann. Aber von einer Kolonisation im großen Stile kann kein« Rede sein, und die Kosten der Kolonisation sind höher, deren Chancen geringer als in Palästina. Wohl können einige Dörfer mit Aussicht auf Erfolg gegründet werden, allein ein solches Unternehmen erfordert gründliche Studien und Vorarbeiten, die dem Projekte Triesch zur Zeit gänzlich fehlen. Der Begründer der Völkerpsychologie. Bon Professor Dr. Th. Achelis in Bremen. cnn "'cht alle Anzeichen trügen, so ist die Zeit der tiefsten Demüthigung und Erniedrigung, welche lange Jahre die ehemalige Königin der Wissenschaften, die hochgeborene Philosophie, betroffen hat, vorüber; selbst ihre bitterste Feindin, di« ihrerseits ihre Geringschätzung mit tödtlichem Haß erwiederte und vergalt, zeigt gewisse Anwandlungen einer freundlicheren Gesinnung. Diese Periode der Verachtung und Jgnorirung, der die Weltweisheit durchaus nicht ohne eigene Schuld verfallen war, hat aber wenigstens das Gute gehabt, daß jede Erkenntnißlehre, welche auf wissenschaftliche Achtung Anspruch erhebt, der Erfahrung in vollem Umfang Rechnung tragen muß. Natur und Geschichte sind die unerschöpflichen Fundgruben für ihre systematisirende Thätigkeit, und überall, wo die einfachen Thatsachen ihr Veto gegen die verwegenen Flüge einer phantastischen Spekulation einlegen, muß sich das Denken diese methodische Korrektur wohl oder übel gefallen lassen. Wie die emsige Forschung der Gegenwart die Höhen und Tiefen der Erde durchmessen, das ganze organische und unorganische Leben auf derselben in ihren Bereich gezogen hat, so begann auf der anderen Seite die ernste geschichtliche Untersuchung die Nebel zu zerstreuen, welche auf der so ruhmredigen, Weltgeschichte genannten Entwickelung, besonders aber auf den Anfängen des Menschengeschlechts lagerte. Es ist deshalb auch durchaus teilt Zufall, wenn gerade die Kulturgeschichte, neben der Naturwissenschaft, der fruchtbare Nährboden philosophischer Betrachtung geworden ist. Professor Mor. Lazarus hat durch das mit seinem sei. Freund und Kollegen Steinthal vereinbarte Programm der Völkerpsychologie diese Perspektive für die Wissenschaft für immer gewonnen. Vielleicht verlohnt es sich der Mühe, sich zu vergegenwärtigen,. in welcher Beziehung dadurch eine weitgehende Befruchtung der Weltanschauung herbeigeführt wurde. Insofernist ja das Leben und Schaffen geistiger Koryphäen von unvergleichlichem typischen Werth, daß wir darin die Wirksamkeit mächtiger Ideen verspüren, da wir ihr Dasein, wie Spinoza sagt, snh specie aeternitatis betrachten dürfen! Vorerst lassen wir aber die üblichen biographischen Notizen folgen. Lazarus ist geboren am 15. September 1824 in Filehne, einer kleinen Stadt in der Provinz Posen. Er wird also heute 75 Jahre alt! Wie so manche unserer Professoren, wirkte er Anfangs in der Schweiz; 1860 wurde er als Professor der Psychologie nach Bern berufen, 1868 als Lehrer der Philosophie an die Kriegsakademie in Berlin, 1869 und 1870 fungirte er als Präsident der ersten und zweiten israelitischen Synode in Leipzig und Augsburg, und vom Jahre 1873 bekleidete er das Amt eines akademischen Lehrers in der philosophischen Fakultät an der Berliner Hochschule. Das ist der dürftige Rahmen für ein außerordentlich reichest und bewegtes Leben, für eine fruchtbare und. anregende Thätigkeit nach allen Seiten hin. Denn Lazarus verstand es, bei Mer Tiefe und Schärfe: doch in seiner Darstellung populär

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