Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4S6 ^WMWWWWW^^W^WKMM Zeit, Bernhardis Denkwürdigkeiten nachzulesen öder auch Einsicht in den zweiten Band der Tagebuchblätter von Moritz Busch zu nehmen. Er kann da einige merkwürdige Mittheilungen, namentlich des Fürsten Bismarck, über Beziehungen dieser konservativen Herren zum Judenthum finden. Mancher Führer der konservativen Partei, so z. B. Graf Limburg - Stirum, könnte ebenfalls bei diesen Ausfällen des Blattes der Parteileitung eigenartige Betrachtungen anstellen. Wie die „V. Z." mittheilt, liegt einer seiner nahen Verwandten auf deni jüdischen Friedhof in Berlin begraben, und Graf Limburg hat noch vor kurzer Zeit eine größere Summe zur Unterhaltung der Grabstätte gespendet. Man könnte übrigens das Register noch weiter fortsetzen und den Herren Geschichten erzählen, die schon lange vor Stahl, dem Begründer ihrer Partei, anfangen und bei Herrn v. Manteuffel noch lange nicht aufhören. Die „Sachsenschau" kündigt in ihrer Nummer vom 3. September die Gründung eines deutsch-nationalen Bundes nach dem Muster der Alliance Israelite Universelle an. Sie schreibt: „Der „Deutsch-nationale Bund" ist in seiner Organisation nach dem Muster bewährter Verbände auf das Bertrauensmännersystem aufgebaut und vermeidet so die Gefahren der Vereinsmeierei, durch die an vielen Orten die deutsch-nationale^ Bewegung Schisfbruch gelitten hat. Der Bund wird ferner geheim sein, so daß sich jeder christliche Geschäftsmann und jeder christliche Angestellte von jüdischen Geschäftsleuten ihm unbesorgt anfchließen kann, ohne befürchten zu müssen, irgend welche geschäftlichen Nachtheile zu erleiden. Der „jüdische Weltbund" (Alliance Israelite) ist ebenfalls geheim organifirt, und wer ihn bekämpfen will, der muß dieselben Rüstungen und Waffen gebrauchen." Wenn der neue Bund keine weiteren Geheimniffe haben will als diejenigen, welche die Alliance Israelite Universelle hat, dürftest die Geheimnißkrämer schwerlich auf ihre Rechnung kommen. Es kommt aber offenbar gar nicht darauf an, denn die „Sachsenschau" fährt fort: „Gesinnungsgenossen! Wir glauben nunmehr den festen Grund und Boden gefunden zu haben, auf den wir unsere heutige Bewegung sicher und unerschütterlich gründen können. Wir erwarten von Euch weiter keine Opfer, als daß Ihr 1. all« Vierteljahr 75 Pfg. für den Bezug der „Sachsenschau" opfert, den Inserenten der „Sachsenschau" durch Eure Einkäufe unterstützt und unser Blatt in Bekanntenkreisen empfehlt; 2. alle im Geschäft und Familie vorkommenden Drucksachen unserer Druckerei zuweift, für deren prompte und billigste Ausführung wir garantiren können, wie alle Diejenigen bezeugen werden, welche den nunmehrigen Inhaber mit Aufträgen beehrt haben; 3. die 3 Mk. Beitrag jährlich als Mitglieder des deutsch-nationalen Bundes entrichtet. Das sind geringe Opfer, die Ihr für unsere gute Sache, für Euch und Euere Kinder bringt, aber sie werden uns genügen, um unsere Bewegung binnen kurzer Zeit zu der ihr gebührenden Macht und Stellung emporzuheben. Mit deutschem Gruße Verlag und Redaktion der „Sachsenschau". Wie man sieht, läuft der ganze Geheimbund darauf aus, Geld zu sammeln. Wie es heißt, sind die antisemitischen Führer über diese Konkurrenz für ihre diversen Kaffen außerordentlich aufgebracht. Es ist eine merkwürdige Erscheinung, daß in Amerika jetzt so viele Zeitungsartikel über Antisemitismus und Judenhaß zu verzeichnen sind. Sind sie auch im Allgemeinen den Juden günstig, so ist es doch sehr merkwürdig, daß man dort überhaupt sich so für diesen Gegenstand interessirt. Neuerdings hat Mark Twain, der bekannte Humorist, der sich mehrere Jahre in Wien aufgehalten hat und dort Gelegenheit hatte, den Antisemitismus zu beobachten, über denselben in „Harpers Magazine" eine Arbeit veröffentlicht. In dem Artikel analysirt er den Judenhaß und kommt zu dem Resultat, daß die vorherrschende Triebfeder desselben absolut der Konkurrenzneid sei und immer gewesen sei. Früher habe der Neid sich ein religiöses Mäntelchen umgehängt, jetzt ein nationales, das sei der ganze Unterschied. Aber eben deshalb sei auch wenig Aussicht, daß der Haß gegen die Juden bald verschwinden werde. Jüdische Kolonisation in Cypern. Von W. Bambus. s scheint mm einmal das Loos der Juden zu sein, daß berufene und.unberufene Doktoren an der Besserung ihres Schicksals mit besonderer Vorliebe arbeiten.. In neuester Zeit ist es besonders modern geworden, Kolonisationsprojekte für die auswandernden russischen Juden auszuarbeiten und in der Oeffentlichkeit Propaganda dafürzu machen. Richtig ist ja, daß die russischen Juden nach wie vorin großer Zahl auswandern, daß ihr gegenwärtiges Hauptziel, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, in vielleicht schon nächster Zeit ihnen versperrt sein wird, daß es gut wäre, neue Abflüsse für den Strom dieser Auswanderer, der noch fortwährend durch neue Zuflüsse. aus Galizien und Rumänien verstärkt wird, zu finden. Richtig ist auch, daß es wnnschenswerth ist, diese Emigranten in neue Berufe, besonders die verschiedenen Zweige der. Landwirthschaft, zu leiten, denn der Handel und das Handwerk sind in Nordamerika ebenso , wie in Südafrika und Australien überfüllt und bieten den neuen Ankömmlingen keine befriedigende Existenz mehr. Aber wichtig ist vor allen Dingen, daß. wer mit solchen. Kolonisationsprojekten in die Oeffentlichkeit treten will, nicht oberflächlich allgemeine Ideen propagirt, sondern gut ausgearbeitete, auf gründlicher Kenntniß der Menschen und Dinge beruhende Pläne vorlegen ..kann. Im Allgemeinen wird Mißtrauen nicht unangebracht sein, wir haben zu viele solcher Pläne schon verkrachen sehen, von Midian angefangen bis zu dem Ansiedelungsprojekt in Portoriko, von. den vielen Mißerfolgen der landwirthschaftlichen Ansiedelungen in Nordamerika ganz abgesehen. Viele dieser Vorschläge, wie diejenigen für Jemen, das Nyaffaland rc., sind glücklicherweise über die ersten Zeitungsartikel nicht hinausgekommen. Auch auf Ehpern sind seit 20 Jahren mehrmals Kolonisationsversuche mit Juden vorgenommen worden, von denen die ersten ganz gescheitert sind, bei den letzten dev Erfolg noch ausfleht. 1883 machte man dort den ersten. Versuch, der viel Aussicht zu haben schien. Die englische Verwaltung war zu einer Unterstützung bereit, Kapital seitens der Londoner Geldgeber genügend zur Verfügung gestellt und das mit Hilfe der Regierung in Orides bei Papho angekaufte Terrain sehr fruchtbar und gut gelegen. Einige- Hundert russischer Juden erschienen, aber schon nach wenigen Monaten verließen sie das Gut, kamen nach der Distriktshauptstadt Ktima, wo sie noch einige Zeit von Subventionen aus London lebten, und verliefen sich dann fast ganz. Nur vier Familien blieben in Ktima, die Männer gingen auf die Kolonie hinaus und setzten mit Hilfe einheimischer Tagelöhner die Arbeit noch einige Zeit fort, allein auch dieser Versuch scheiterte. Unkenntniß der Landwirthschaft auf Seiten der Kolonisten und ihrer Leitung, religiöse Streitigkeiten zwischen diesen beiden Faktoren, weil der von London bestellte Aufseher Christ war, sowie das fremdartige Klima, an das sich die Ansiedler nicht gewöhnen konnten, verursachten diesen Mißerfolg. - 1885 kamen wieder 27 rumänische jüdische Familien nach Cypern, kauften dort 40 Hektar und begannen die Arbeiten. Allein schon nach kurzer Zeit gaben diese Leute die Landwirthschaft wieder auf und verließen die Insel. . . ..