Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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435 WWWUWMWW Berlin, 12. September. der großen, weltbewegenden Tragödie des DreyfuS-Prozesses ist ein neuer Akt zu Ende. Die militärischen Richter O® zu Rennes haben den Mann verurtheilt, den die ganze gesittete Welt für unschuldig erklärt hat. Ein schlimmeres Unheil als der Richterspruch von RenneS konnte Frankreich selbst nicht widerfahren. Zu beklagen ist die Regierung, die ehrlich die Wahrheit wollte und die Beruhigung der Gemüther anstrebte und sich jetzt im Mittelpunkt weit ernsterer Aufregung sieht als bisher. Denn der Kampf ums Recht ist jetzt nicht aus, er beginnt mit neuer Gewalt, in der Zuversicht, daß schließlich doch die Gerechtigkeit siegen muß. Die loyale- und durch einen großherzigen Akt bekräftigte Haltung der deutschen Reichsregierung hat wesentlich dazu beigetragen, das Urtheil der Welt gegenüber dem des Kriegsgerichts zu entscheiden. Zn der gesitteten Welt ist nur eine Stimme über dieses Urtheil. Es schändet Frankreich; es wirft den Staat, der auf seine Freiheit und Civilisation stolz war, zurück in die Gemeinschaft der Barbarei; es entehrt das Volk, in dessen Namen die Richter Unrecht ' für Recht ausgegeben haben. Die richtige Auffassung dieses Urtheils haben die französischen Antisemiten und der ihnen ergebene Pöbel an den Tag gelegt, indem sie, als dasselbe bekannt wurde, „Nieder mit den Juden!" schrieen. Nun denn, noch ist das letzte Wort nicht gesprochen, und unser Vertrauen auf den Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit, das wir in diesen Tagen im Gebete feierlich bekräftigen, ist auch durch das Urtheil von Rennes keineswegs erschüttert. „Und ein Gott ist, ein heiliger Wille lebt, wie auch der menschliche wanke!" * Der Ministerwechsel in Preußen bildet noch immer den Gegenstand der Besprechung in den Tagesblättern. Ueber den neuen Minister des Inneren erhalten wir von sachkundiger Seite folgendes Schreiben aus Düsseldorf: Es ist vor allem rein negativ sestzustellen, daß während der hiesigen Amtsperiode des Freiherrn v. Rheinbaben nach keiner Richtung hin irgend welche antisemitische Tendenzen hervorgetreten sind. Wie mir gesagt wurde, haben antisemitische Blätter in diesen Tagen eine Notiz gebracht, derzufolge Herr v. Rheinbaben der erste preußische Regierungspräsident gewesen sei, der ein Schächtverbot für seinen Bezirk eingeführt habe. Das ist absolut unrichtig und kann nur aus einem Mißverständnisse beruhen." Richtig ist ja, daß die Stadtgemeinde Rheydt ein vom Bezirksausschuß bestätigtes, das Schächten einschränkendes Ortsstatut erlassen hat, allein hieran ist Herr v. Rheinbaben absolut unbetheiligt, und er hat eine auf Abänderung zielende Petition nach Berlin weitergesandt und bei dieser Gelegenheit eine nach jeder Beziehung wohlwollende und vorurtheilslose Auffassung kundgegeben. Rechtlich sind auch die Verwaltungsorgane, nachdem das Ortsstatut durch den Bezirksausschuß, nicht etwa durch den Regierungspräsidenten, bestätigt worden ist (wahrscheinlich, weil man die Frist zur Geltendmachung von Bedenken bei dem auch als vorurtheilsfrei bekannten Vorsitzenden des Ausschusses nutzlos hat verstreichen lassen), kaum in der Lage, gegenwärtig ändernd einzugreifen, und soll den Interessenten gerathen worden sein, die Giltigkeit des betreffenden Statuts im Berwaltungsstreitverfahren anzufechten. Ganz allgemein wird dagegen von Allen, die bei irgend einer Gelegenheit mit dem Regierungspräsidenten zu thun hatten, sein wohlwollendes, entgegenkommendes, von jeder Tendenz freies Wesen gerühmt und anerkannt. Ueber den neuen Kultusminister. Studt schreibt uns ein angesehener westfälischer Schulmann Folgendes: Unser bisheriger Oberpräfident Studt ist zweifellos ein sehr liebenswürdiger Herr, der den westfälischen Juden stets sehr entgegen gekommen ist. Beweis: Bei unserer Beamtenpensionskasse wollte er im Interesse der Beamten sogar weiter gehen als der Verband, indem er so hohe Beiträge verlangte, daß von vornherein Pensionen in Höhe der Staatspenfionen gezahlt werden könnten. Der Vorschlag scheiterte an den Beschlüssen des Gemeindetages, der die Einzahlungen zu hoch fand. Auch sonst ist Studt dem Verbände wie den Gemeinden stets freundlich entgegen gekommen, so bei mehreren Anträgen, die wir stellten, denen er alsdann ausdrücklich seine „Anerkennung" aussprach, die er aber aus irgend welchen gesetzlichen Gründen nicht erfüllen konnte. Auch die Orthodoxen unserer Provinz suchten ihn vor zwei Jahren auf; auch da war er liebenswürdig und freundlich. Als ihn aber dann die Orthodoxen gelegentlich ihrer Jahresversammlung antelegraphirten, hat er natürlich auf diese widerwärtige Zudringlichkeit nicht geantwortet. Ein hübscher Zug von ihm wurde vor einigen Jahren erzählt. Als der greise Vorsteher der Synagogengemeinde Münster ihm gleichzeitig mit dem Oberpräfidialrath v. Biebahn seine Aufwartung machte, da wandte sich der Oberpräsident zuerst zu Steinberg, den er freundlich begrüßte, und dem er warme Förderung der jüdischen Interessen zusagte, wo es nothwendig erscheine, und erst dann wandte er sich an den Oberpräfidialrath. Der neue Kultusminister steht kirchlich auf dem rechten Flügel. Daraus folgt: Die jüdischen Lehrerinnen Berlins werden in der durch die Verwaltung festgestellten Situation bleiben. Wohl aber glaube ich sicher, daß der neue Kultusminister den jüdischen Religionsunterricht in höherem Maße fördern wird, als dies bisher geschehen. Auch dürfte er der Errichtung jüdisch-konfessioneller Schulen (Volksschulen natürlich) geneigt sein. * Originell ist der Versuch, den Finanzminister Herrn v. Miquel zu einem Antisemiten zu stempeln. In der „Deutschen Reform" erzählt ein antisemitischer Parlamentarier, wie er vor fast einem Dutzend Jahren in einem Kupee Miquel kennen gelernt hatte: „Endlich kam das Gespräch auch auf die Judenfrage. Ich hatte den Gegenstand nur mit einer gewissen Aengstlichkeit berührt, denn ich erwartete nichts anderes, als daß mein vis-a-vis als Oberhaupt der Judenresidenz am Main sich das Thema höflich, aber bestimmt verbitten würde. Wie erstaunte ich jedoch, als das gerade Gegentheil geschah, und Miquel, bereitwillig auf die Sache eingehend, das Bestehen einer Judensrage freimüthig anerkannte. Das hatte ich nicht erwartet. Nur in einer Beziehung machte mein Gegenüber seine Bedenken geltend, er glaubte nicht, daß man die Frage auf dem Wege der parlamentarischen Gesetzgebung lösen könne. Hier trennten sich unsere Anschauungen. Zuletzt ist ein direktes Bekämpfen des Judenthurns unumgänglich, auch wenn Wucher, Börse, Waarenhäuser, und wie alle die Auswüchse jüdischen Geistes heißen, ausgerottet sein sollten. Das Judenthum fügt sich eben nicht in die Existenzbedingungen seiner Wirthsvölker, sondern strebt danach, dieselben zu beherrschen. Diese Herrschsucht Israels ist die Hauptursache der Judenfrage bei allen Völkern. In dieser Richtung bewegten sich denn auch meine Ausführungen, welche mein Gegenüber kopfschüttelnd anhörte. Davon wollte er nichts wissen." Daß Miquel das. Bestehen einer Judenfrage anerkannt, wenn die ganze Geschichte überhaupt wahr ist, versetzte den Mann schon in Entzücken, daß er aber zu dem antisemitischen Nonsens nur den Kopf schüttelte, macht ihn nicht irre. Ein formelles Dementi des ganzen Berichts ist übrigens nicht ausgeschlossen. * Die „Konservative Korrespondenz", das amtliche Blatt der Konservativen Parteileitung, eifert bei dem Gedanken, daß das Staatsministerium die Beamten, die dem Bund der Landwirthe angehören, maßregeln will, höchst erregt gegen „Juden- und Jobber- Liberalismus" und gegen die „Judenschutztruppe". Wenn die konservative Parteileitung sich über die Regierung ärgert, macht sie sich durch Ausfälle auf die Juden Luft. Vielleicht hat Herr v. Manteuffel, der die „Konservative Korrespondenz" erleuchtet, gelegentlich