Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
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434 Zeugniß eines allgemeinen Sittengesetzes werden, dann wohnte es für die Dauer in seinem Gemüthe. Durch die Knechtung und die Erlösung aus Aegyptens Fessel erfuhren die Israeliten den Werth der Freiheit an sich selbst; der Gedanke, was die Freiheit für ein köstliches Gut, wie sie gleichsam die Seele eines Volkes sei, er hätte, mit Engelszungen verkündet, nicht den Eindruck gemacht, den die harte Noth der Geknechteten und die lichte Freude der Erlösten so leicht erzeugte. Was uns die Feste lehren, sind Gedanken, die Geltung haben in allen Landen, in allen Zeiten; aber sie sind wie der Baum, der im fernsten Osten wurzelt, Frucht hervorbringt, die durch alle Welt getragen wird, wie sie dort oft Menschen erquickt, die nie den Baum gesehen, ja, die vielleicht von seiner Existenz gar nichts wissen, so ergeht es diesen Ideen; sie sind herausgewachsen aus einem bestimmten Ereigniß; aber nun pflückte sie der denkende Geist und trägt sie überall hin, und überall erfrischt und entzückt sie. Aber um im Gleichniß zu bleiben, welcher besonnene Mensch möchte irgend eine Frucht genießen, ohne sichldie Fragen vorzulegen nach dem Ursprung derselben? Welcher denkende Mensch möchte nicht den Sporn in sich fühlen, genau zu erfahren, aus welchem Ereigniß den Kündern einer großen Wahrheit dieselbe sich zuerst begeben hat. So führt uns gerade rechte Weisheit zurück zu den Quellen der erhabenen Gotteslehre, zur Geschichte unseres Stammes. Wie entstand, was lehrt uns das Symbol der Laubhütte, von welcher das Fest seinen Namen hat? In der Schrift heißt es: „In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage, jeder Eingeborene in Israel soll in Hütten wohnen, damit es euere Nachkommenerfahren, daß ich die Israeliten habe in Hütten wohnen lasten, als ich sie aus Aegypten führte, ich, der Ewige, euer Gott." Die Hütte ist ein sinnvolles Symbol des Schutzes, und wiederum der Unsicherheit, der geringen Fähigkeit, sich zu wehren gegen die Zufälle des Lebens. Wer im einsamen Walde umherirrt, von Sturm und Wetter gequält, von Furcht gefoltert, daß ihm eine Gefahr in dem Gebüsche lauert, und er sieht plötzlich einen schwachen Lichtschein und folgt diesem Schein und gelaugt zu einer Hütte, wo er Schutz gegen das Wetter, Schutz gegen die Gefahren findet, mit denen wilde Thiere und wilde Menschen ihn bedrohten, dann ist diese Hütte, und sei sie auch niedrig und unscheinbar, und saust auch der Sturm durch ihre Fugen, dennoch ein hochwillkommener Aufenthalt. Dem Hirten, der den ganzen Tag von der Sonnengluth gepeinigt wird, dem Jäger, der in der Hast der Jagd vom Abend überrascht wird, dem Wanderer, der die Schrecken der Nacht in der Oede scheut, ist die Hütjte der ersehnte Raum, der sie vor den schlimmsten Gefahren sichert. Aber sie ist auch das Symbol der Armuth, der Niedrigkeit, der Unsicherheit. Wem das Dasein eng ist, wem oft der nothwendigste Bedarf des Lebens mangelt, wem die Noth Grenze und Schranke setzt, der weilt in Hütten; er ist gering und verachtet bei den Herren und Mächtigen, die auf hohen Bergen ihre hohen Burgen aufrichten, schon ein äußeres Zeichen des Herrenthums; kaum daß sie ihn schützt vor Sturm und Wetter, wenn der Regen heftiger zur Erde niederfährt, wenn der Wind stärker über die Fluren saust, da muß er bangen für den leichten Bau, für die letzte Zuflucht. In solch armseligen Mumm hatten die Israeliten vierzig Jahre in der Wüste geweilt, aber sie hatten der Unbill des Wetters, der maßlosen Gluth im Sommer und den Regenströmen im Herbst Trotz geboten, weil Gott sie in Hütten wohnen hieß, weil, wie der Talmud es ausdrückt, die Wolken der göttlichen Herrlichkeit sie umhüllten, und der Herr hieß die Israeliten: zur Herbsteszeit, wenn die Menschen die Hütten ihrer Weinberge, ihrer Aecker, ihrer Wiesen verlassen und in die Häuser ziehen, da verlaß du dein Haus und weile sieben Tage in Hütten; meine nicht, daß dein Haus, und sei es das festeste und schönste, mehr ist als eine Hütte, daß du in ihm sicher bist ohne den Schutz der göttlichen Hülle. Dieser Bau darf nicht höher als zwanzig Ellen sein, bestimmen die Alten, denn auch dein Sinn soll nicht gar zu hoch und stolz sich zeigen; sie soll mindestens drei Wände haben, dmn Sukoth ist ein Freudenfest, steht aber die Hütte unseres Lebens gar zu sehr den Winden offen, dann ist es mit der Freude vorüber. Grünes Laub soll ihre Decke sein, kein bunter Zierrath. Blendender Schmuck, reichgewirkter Teppich, der entweiht, der ist unrein, mit dem decke deine Hütte nicht, und dieses Laubwerk muß vom Baume geschnitten werden, die schattige Krone eines Baumes, die über dein Zelt sich wölbt, paßt nicht für diesen Zweck, es soll ja nur ein flüchtiger Bau sein, an dem nichts fest wurzelt. Das Zelt soll nicht gar zu eng und niedrig sein am Fest der Freude, bestimmen die Alten; die Decke soll nicht zu viel der glühenden Sonnenstrahlen durchlaffen, sie soll Schatten und Kühlung gewähren, wenn sie auch das Licht nicht ganz versperren darf; eine Laubhütte über der anderen aufrichten, das ist gleichfalls nicht gestattet; unter Gottes freien Himmel stelle deine Hütte, wie du dein Dasein einzig unter die Obhut des Herrn stellen sollst; schmücke auch die Wände deines Zeltes, so viel du vermagst, aber vergiß nicht, daß du eine Hütte schmückest. Wer in der ersten Nacht des Festes nicht in der Hütte speist, der kann es in den späteren Tagen nicht nachholen, sagen die Alten, davon gilt der Vers: Das ist eine Krümmung, die nicht gerade gebogen, ein Schaden, der nicht gebeffert werden kann, und sie haben Recht mit diesem feierlichen Satze. Wer nicht in der Jugend daran denkt, daß wir alle in Hütten wohnen, daß unser Dasein wirr und schwankend ist, und daß wir unsere Hütte in die Hut Gottes stellen muffen, der kann es im Alter nicht nachholen. Und in diesem gebrechlichen Zelte zu wohnen, galt für eine Auszeichnung; während das Fest sonst nur auf die Fremden weist und von uns fordert, ihnen Theilnahme zu gewähren an unserer Freude, so soll dennoch nur der Freie, der Eingeborene zu diesem Gebote verpflichtet sein, nur wer auch in Hütten wohnen kann, ist frei; und wer sein stolzes Haus verläßt und in die Hütte zieht, um unter Gottes Hut zu sein, der verdient die Freiheit. So ist die Laubhütte ein Symbol nach zwei entgegengesetzten Seiten. Dein Dasein ist schwankend, und dein schwankend Dasein ist gesichert, sagt uns das erhabene Sinnbild. Am Passah ist der Gott der Erlösung, der einmal mit seiner Hilfe eingreift, der Mittelpunkt der Feier. Am Schebuoth der Gott, der Wahrheit kündet den irrenden Sterbmden; an den heiligen Tagen, die jüngst uns erhoben, trat er uns als der Versöhnende und Gnadespendende entgegen; am Sukoth, bevor wir in die rauhen Tage des Winters treten, bevor wir die Arbeit der Werktage beginnen, offenbart er sich als der Schützende, der uns in Hütten hütet, der uns vor dem Wetter wahrt, der über uns ausbreitet die Hülle seines Friedens. Und auf daß diese Mahnung recht eindringlich würde unseren Vorfahren, ließ der Herr sie als die reife Frucht herauswachsen aus der eigenen Erfahrung, aus der Noth und der Obhut der langen Wüstenwanderung. Uns aber ist die Hütte nicht nur ausschließlich Erinnerungszeichen, sondern wie die Frucht ihren Werth behält, auch wenn sie vom Baume gepflückt ist, so ist mtS auch für die Gegenwart das Symbol theuer und die Lehre werth: wohne in Hütten an hem Feste der Freuden, wenn deine Scheuer gefüllt ist, und bekenne damit, daß dein irdisch Sein eine Hütte ist und einen Hüter hat; das eine erzeugt Demuth, das andere Frohmuth, beide vereint geben ben vollen Einklang einer reinen Seele.