Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3228311-3228348--55772-3292004- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 für die zukünftige Gesammtanlage gedacht, und find hier hauptsächlich die Räume untergebracht, die gemeinsam von der Verwaltung und den Pfleglingen benutzt werden. Im Erdgeschoß befindet fich der Speisesaal, rechts und links vom Konversations- und Rauchzimmer flankirt. In den beiden Obergeschossen befinden fich die Synagoge, die Zimmer für die Pfleglinge u. s. w. Bor dem Speisesaal ist eine große Terrasse mit Veranda angelegt, ein parkartiger Garten umgiebt das Gebäude. Einen imposanten Anblick gewährt die Synagoge mit ihren farbigen Glasfenstern. Sämmtliche Räume sind außerordentlich hell und luftig. Der Bau ist in der kurzen Zeit von 8/4 Jahren unter Leitung des Regierungsbaumeisters Friedheim ausgeführt worden. W. Bad Ems, 2. September. Ein bequemer und schöner Spaziergang durch die Kuranlagen führte uns in das Haus des „Israelitischen Central-Waisen- und Mädchenheims. Diese Central-Anstalt für arme gesunde Waisenmädchen ist in ihrer Art einzig und sehenswerth. Die Mädchen, welche ein Alter von 6 bis 16 Jahren haben, erhalten daselbst eine vollständig unentgeltliche Erziehung und Ausbildung für das praktische Leben. Gegenwärtig befinden fich in der Anstalt 30 Mädchen aus fast jeder Provinz Deutschlands und ein holländisches Kind. Die Anstalt besteht aus einem großen Borderhause mit Hellen, hohen Schlafsälen, einer Kaltwassereinrichtung, einem Turnsaale, Hofe, Spielplätze und herrlichem, bis an die Kuranlagen fich erstreckenden Obst- und Gemüsegarten. Der 1. Vorsitzende des Mädchenheims, der Badearzt Dr. Aronsohn, der für diese Anstalt lebt und wirkt, wie es in aufopfernder Liebe einst seine selige Gattin gethan, sorgt auch in väterlicher Weise für das Fortkommen der entlassenen Zöglinge. So hat beispielsweise jedes Kind sein eigenes Sparkassenbuch. Wer ein gutes Werk thun will, denke auch an diese so wohlthätig wirkende Anstalt. Oesterreich - Ungarn. 13 Wien, 4. September. Anläßlich der Reise des Kaisers in Böhmen wurde auch eine Deputation der israelitischen Kultusgemeinde von Böhmisch-Leipa vom Monarchen huldvollst empfangen. — Bei den kürzlich erfolgten Ernennungen zu Professoren an Staatsmittel - schulen wurden auch mehrere jüdische Professoren befördert. — Hier ist Herr Siegmund Grünfeld, der Bruder des Pianisten Alfred Grünfeld, selbst ein äußerst tüchtiger Mustker, im 43. Lebensjahre verschieden. Grünfeld war Solo-Korrepetitor an der Hofoper und erfreute fich seines liebenswürdigen und bescheidenen Wesens halber großer Beliebtheit bei den Künstlern. — Wie hiefige Blätter melden, wurde der deutsch-fortschrittliche Landtagsabgeordnete Dr. Ofner als Dozent an der Rechtsfakultät bei der Wiener Universität nicht zugelassen. — Herr Rabbiner Dr. I. Kahan aus Waidhofen a. d. Thaya, wurde einstimmig zum Rabbiner der Kultusgemeinde Znaim gewählt. — Die von Herrn A. Schnürmacher, Religionslehrer der israelitischen Kultusgemeinde, anläßlich des Kaiserjubiläums verfaßte Festrede wurde der Annahme für die kaiserliche und königliche Fideikommiß-Bibliothek gewürdigt, und im Namen des Kaisers wurde dem Verfasser der allerhöchste Dank bekannt gegeben. — In Brünn hat die Staatsanwaltschaft die im Verlage von Anton Odehnal erschienene Broschüre „Rituelni verazdi a Zidu a co o tom soudeti“ („Die Ritualmorde bei den Juden und was davon zu denken ist"), verfaßt von Mecinsky, konfiszirt und deren Weiterverbreitung verboten. Die Broschüre wurde in den letzten Tagen massenhaft in Böhmen und Mähren verbreitet und namentlich in Kuttenberg, Polna und Umgebung unter der Landbevölkerung vertheilt. Frankreich. Hl Paris, im August. Jetzt erst erfahren wir, und zwar auf dem Umwege über Wien, daß die Erbschaftsangelegenheit der am 1. April d. I. verstorbenen Baronin Clara Hirsch-Gereuth noch immer nicht beendigt ist und wahrscheinlich auch eine geraume Zeit die Gerichte beschäftigen dürfte. Die Mittheilungen über die zu wohlthätigen Zwecken getroffenen Verfügungen der Baronin, welche kurz nach ihrem Tode an die Oeffentlichkeit gelangten, waren lückenhaft und zum Theil auch ungenau. Es werden uns nun aus dem Testamente der großen Wohlthäterin, welches vom 23. Dezember 1696 datirt ist und 16 Kodizille, das letzte vom 15. August 1898, aufweist, noch folgende Details mitgetheilt: Die Adoptivsöhne Moriz Arnold und Raimund de Forest- Bischoffsheim erhalten bis zum Alter von 30 Jahren den Zinsengenuß von je 5 Millionen Francs, die ihnen bei Erreichung dieses Alters voll ausbezahlt werden. Die Adoptivtochter Lucienne Hirsch erhält die Zinsen von 1 Million Francs, welches Kapital ihr gleichfalls mit vollendetem 30. Lebensjahre zufällt. Außerdem erhalten bei Erreichung des 25. Lebensjahres jeder der Söhne je 15 Millionen Francs und die Tochter 10 Millionen Francs. Sollte durch einen früher eintretenden Todesfall einer dieser Bermögensantheile frei werden, dann sind als Substitutionserben eingesetzt die Baron Hirsch-Stiftungen in New-Aork und Galizien, die „Ecole Normale Israelite Orientale in Paris und der „Jewish Board of Guardians“ in London. Zahlreiche Legate sind für Verwandte und Freunde ausgesetzt. So erhält der Neffe der Verstorbenen, Paul Goldschmied, 1 Million Francs, Gräfin Gabrieli Spreti 3 Millionen Francs, Madame Hortense de Soubeyran und ihre Kinder 3 Millionen Francs, Vicomte und Bieomtesse Jousselin 600000 Francs, Mr. Keene Avigdor 600000 Francs, der Kusin der Baronin, Philipp Goldschmied, und dessen zwei Söhne je 100000 Francs, Frau Theodor Adler und jedes ihrer Kinder 100060 Francs, Frau Bictorine Wolf 200000 Francs, Frau Jda Hahn 150000 Francs, jedes der Kinder des Dr.. Theobald Fischer 25000 Francs, ihre Nichte, Marcelli-Capelli, 500000 Francs, Baronin Unterrichter 80000 Francs, die Kinder von Emil und Theodor v. Hirsch je 1 Million, die Kinder von Theodor v. Kaulla je 100000 Francs, Graf und Gräfin Pompejus Coronini- Cronberg 100000 Francs, die Kinder des Sekretärs der Verstorbenen, Paul Barrelet, je 20000 Francs. Die Gesammtsumme dieser und anderer kleinerer Legate beläuft sich auf 28 Millionen und 800 000 Gulden. Von den Wohlthätigkeitslegaten und den munifizenten letztwilligen Stiftungen der Baronin Hirsch haben wir seinerzeit berichtet. Hier noch einiges zur Vervollständigung und Richtigstellung dieser Daten: Bier Millionen Francs erhält die „Ecole Normale Israelite Orientale“ in Paris als Schulfonds, weitere 3 Millionen Francs als Penstonsfonds für die Lehrer und deren Wittwen und Waisen; 3 Millionen Francs find zur Bekleidung und Ausspeisung der ärmsten Schulkinder der Schulen der Alliance Israelite Universelle bestimmt. Für den Fortbestand der Baron Hirsch'schen Wohlthätigkeitsstiftungen in Nerv-Iork sind sechs Millionen Francs bestimmt, für den „Jewish Board of Guardians“ in London 3 Millionen Francs, für das Baron Hirsch-Institut in Montreal 600 000 Gulden, für das Heim jüdischer Arbeiterinnen in New-Iork 3 Millionen Francs, für die galizisch-bukowinaer Schulstiftung als Schulsonds 6 Millionen Francs und als Kleidungs- und Ausspeisefonds 5 Millionen Francs. Dem Pariser israelitischen Wohlthätigkeitskomitee für Darlehen und Almosen 5 Millionen Francs, der Philanthropischen Gesellschaft in Paris 1 Million Francs, den israelitischen Kultusgemeinden zu Wien, Brünn, Pest, Paris, Brüssel, Frankfurt a. M., Mainz und München zur Vertheilung an Arme zusammen 850 000 Francs, der Bischoffsheim-Stiftung in Paris 100 000 Francs, der jüdischen Kolonisationsgesellschaft in London für Schulzwecke 10 Millionen Francs, der den Namen des verstorbenen Barons Lucien de Hirsch tragenden Schule in Paris 1 Million Francs, für israelitische Spitäler in Wien, Breslau, Salonichi und Konstantinopel 672 000 Mark, für die Schulen in Jerusalem 2 Millionen Mark, für die Baronin Hirsch Kaiser-Jubiläumsstistung in Wien zur Vermehrung des Kapitals 2 Millionen Francs und für kleine Aushilfen 1 500 000 Francs. Dem belgischen Staat hat die Verstorbene eine große Sammlung antiker Gemälde, Skulpturen und Handschriften hinterlassen. Das Testament, welches vom 15. August 1898 datirt ist, bestimmt schließlich, daß das Vermögen in Wien nach österreichischen Gesetzen verwaltet werde, und daß jeder der vier Testamentsexekutoren ein Jahresgehalt von 30 000 Francs für einen Zeitraum von fünf Jahren erhalte. Die Gesammtsumme der Wohlthätigkeitslegate beträgt 32 Millionen und 400000 Gulden. Universalerben des Vermögens find die Geschwister der Verstorbenen, Ferdinand Raphael Bischoffsheim, Regine und Hortense Bischoffsheim, Frau Goldschmied und Frau Montefiore-Levi. Im Ganzen waren der Baronin Hirsch zur testamentarischen Verfügung etwas über 63 Millionen Gulden übrig geblieben, da diese seltene Frau vom Tode ihres Gatten bis zu ihrem eigenen Ableben die gleiche Summe wohlthätigen Zwecken zugeführt hat, ohne daß die Oeffentlichkeit hiervon viel erfuhr. Großbritannien. - s. London, 1. September. Wir haben schon über die Bewegung in der jüdischen Gemeinde wiederholt berichtet, die darauf hinausgeht.