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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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einen Sonntagsgottesdienst einzuführen. Ihr Hauptbefürworter ist ein junger Phantast Mr. Oswald Simon, der in Wort und Schrift für diese Neuerung eintritt. Er ist jetzt noch einen Schritt weiter gegangen und kündigt an, daß er am ersten Sonntag im Oktober Gottesdienst für alle Gläubigen, gleichviel welcher Konfession, veranstalten will. Er will damit zeigen, daß man zu Gott beten kann ohne Rücksicht auf irgend eine Religion oder Konfession, um damit Propaganda zu machen für die von ihm geforderte „Verschmelzung der Religionen". Es ist für die Entwickelung innerhalb der jüdischen Gemeinde nur von Bortheil, daß so die Ziele der Bewegung klargestellt werden. — Am 27. v. M. wurde die neuerbaute Hambro-Synagoge unter großen Feierlichkeiten eingeweiht. Mr. Henry Lucas, der Vizepräsident der United Synagogue, legte den Schlußstein mit einer längeren Rede, während der Chief-Rabbi Dr. Adler die Eröffnungsceremonie verrichtete und die eigentliche Festrede hielt. Die Mitglieder der Synagoge machten bei dieser Gelegenheit , derselben verschiedene kostbare Geschenke, wie Thorarollen, Mäntelchen und Silber. — In Manchester wurde am gleichen Tage durch Rev. Emanuel ebenfalls eine neue Synagoge im Norden der Stadt eingeweiht, und gleichzeitig wurde auch in Süd- Glasgow ein neuer Tempel eingeweiht. An diesem letzteren ist besonders interessant, daß er von den Spargeldern der jüdischen Arbeiter in Glasgow ohne jede fremde Hilfe erbaut worden ist. 8. Bradford, im August. Herr Bernhard Cohen, Chef der Exportfirma Charles Semon & Co., ist dieser Tage, zum Friedensrichter ernannt worden. Mit diesem Amte werden hier zu Lande würdige Männer betraut, welche die Funktion eines Beisitzers des Richters ausüben. Wir haben nun hier zwei Israeliten, die dieses Amt führen. Herr Jakob Moser und Herr Cohen, die Beide dem Judenthum, dem Deutschthum und dem Menschenthum Ehre machen. Der verstorbene Charles Semon, Gründer der Firma, war Mayor (Oberbürgermeister) dieser Stadt. Dieses wie alle anderen derartigen Ehrenämter sind ohne Besoldung und können nur von wohlhabenden Männern begleitet werden. — Das Programm für die Vorträge, die im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hier in bevorstehender Saison gehalten werden, ist nun festgestellt und verspricht ein interessantes zu werden. — Das 25jährige Dienstjubiläum des hiesigen Rabbiners Dr. Strauß wurde nicht nur von seiner Gemeinde, sondern auch noch nachträglich von christlichen Mitbürgern gefeiert, die dem Jubilar wegen seiner Verdienste um die wohlthätigen Anstalten der Stadt Ehre erweisen wollten. Don Nah und Fern. — Die Aerzte Dr. L. Henius und Dr. H. Pollnow sind zu Sanitätsräthen ernannt worden. — In Kolberg ist der Advokat Dr. Alex. Loria aus Lemberg beim Baden ertrunken. Die Leiche ist bis jetzt noch nicht gefunden. — Bor etwa zwei Jahren hat der Pächter der Schmalspurbahnen im oberschlefischen Kohlenrevier, Rudolf Pringsheim, zur Gründung einer Pensionskasse für seine Beamten und Arbeiter eine Million Mark bestimmt. Die Statuten waren entworfen, schon hatte man begonnen, von den verschiedenen Lohnklassen Beiträge zu erheben, da erfolgte die Zurückzahlung der Beiträge, weil der Gründung der Kasse unübersteigliche Hindernisse erwachsen seien. Der Grund dafür, daß die beabsichtigte Gründung nicht zu Stande kam, war die Forderung der Regierung, daß ihr die Oberaufsicht und Oberleitung der Kasse übertragen werde, während Pringsheim darauf bestand, die Verwaltung der Kasse in eigener Hand zu behalten. — In Oppeln ist am 2. d. M. der Stadtälteste Brauereibesitzer Siegfried Friedländer, im 74. Lebensjahre gestorben. — In Borkum ist nun endlich auf Veranlassung des Amtsvorstehers in Norderney das fernere. Spielen resp. Singen des antisemitischen „Borkumliedes" verboten worden; „bei Zuwiderhandlung wurde sogar mit dem Staatsanwalt gedroht!" klagen die entsetzten Antisemiten. -- Der siebenjährige Sohn des Tagelöhners Carl Ewers spielte am 31. Juki an der Alster in Hamburg, fiel in das Wasser und wurde von der starken Strömung fortgetrieben. Der zufällig vorübergehende Reisende; der Frankfurter Firma Ph. Deutsch, Heinrich Marx, sprang sofortmit den Kleidern in das Wasser und hatte nach mehrmaligem Tauchen das Glück, den schon bewußtlos gewordenen Knaben ergreifen und cm; das Land bringen zu können. Der Retter konnte sich von der ihm zujubelnden Menge nur dadurch befreien, daß er in einem Wagen rasch davonfuhr. — In Hamm feierte am 30. August das Ehepaar Lehmann Koppel-Bamberger seine goldene Hochzeit. Beide Eheleute begingen diesen seltenen Tag im Kreise ihrer Familie in vollster . Rüstigkeit. Die Feier derselben brachte ihnen viele Sympathiebeweise. . Mnter anderem erschienen Vorstand und Repräsentanz mit dem Kultusbeamten Mündheim, der eine herzliche Ansprache hielt und das älteste - Mitglied der Gemeinde beglückwünschte. Das Jubelpaar hat zum Andenken an den Tag der Synagoge einen werthvollen silbernen Schmuck gestiftet. — In Enkirch a. d. Mr wurde ein israelitischer Jüngling, der beim Baden ertrunken war, am Sonntag Nachmittag (20. August) bestattet. Der katholische Geistliche des Ortes begann seinen kirchlichen Dienst eine Stunde früher als gewöhnlich, um der Beerdigung beiwohnen zu können. — In Kassel hat am 1. d. M. der Kantor Kaminsky sein fünfundzwanzigjähriges Jubiläum als Kantor derselben Gemeinde unter allgemeiner Theilnahme gefeiert. — Rabbiner Dr. Goldstein in Mutzig (Elsaß) hat den Rothen Adlerorden IV. Klasse erhalten.— In München ist am 21. v. M. der allgemein geachtete Arzt Dr.Adolf Dr ey im 82.Lebensjahre gestorben. Derselbe wirkte dort 54 Jahre als praktischer Arzt. — In Linz a. d. Donau ist in einem Gasthof der Kaufmann Siegfried Goldschmidt aus Berlin plötzlich am Schlagfluß gestorben. Die Leiche wird auf den Wunsch der Gattin, die mit auf der Reise sich befand, nach Berlin gebracht werden. — An dem internationalen Orientalistenkongreß in Rom nehmen als Delegirte von England zwei Rabbiner Theil. Rev. Dr. Ga st er geht als Vertreter der königlichen asiatischen Gesellschaft und Rev. Hermann Gollancz als Delegirter der Universität London. — In Lüttich ist eine prachtvolle Synagoge in maurischem Stil eröffnet worden, die Raum für 500 Personen bietet. Bei der Einweihungsfeier ' war der Gouverneur der Provinz und der Senator Levi Montefiore anwesend, die Festrede hielt der Oberrabbiner von Belgien, Bloch. — Der Grand Rabbin Dreyfus hat nunmehr schriftlich sein Zeugniß abgegeben, daß die ihm zugeschriebene Aeußerung, die Familie von Dreyfus glaube an dessen Schuld, eine große Lüge sei. Für den Tag des Urtheilsspruches bereiten die Nationalisten Kundgebungen vor und beabsichtigen Ausschreitungen wider Juden und jüdische Etablissements nach algerischem Muster. Eine Anzahl aus Algier herüberbeorderter Raufbolde und eigens angeworbener Pariser Kamelots soll sich bereits in Rennes befinden. — Der Präsident der Antisemitenliga in Paris, Dubuc, wurde am 5. d. M. verhaftet. — In Rennes wurden bei dem Sekretär der Antisemitenliga Petit und bei einem Kaffeehausbefitzer Haussuchungen vorgenommen; zahlreiche Papiere wurden beschlagnahmt. — Ter Rußki Trüd verlangt allen Ernstes, daß unverzüglich ein Gesetz erlassen werde, welches die rusfi fchen Hebräer „in ihrer übermäßigen Fähigkeit zur Vermehrung" beschränkt. Wie sich der „Rußki Trud" den Inhalt eines solchen Gesetzes denkt, ob er am Ende gar auf die Pharaonenzeit und die Tödtung aller jüdischen Erstgeborenen anspielen will, das sagt er leider nicht. Interessant ist, daß der Herausgeber dieses Blattes bis in die" höchsten Kreise hinauf ausgezeichnete Beziehungen hat. — Dem Massenstreik der polnischen Arbeiter in Warschau schließt sich nun ein fast allgemeiner Streik der jüdischen Arbeiter Warschaus an. Sämmtliche jüdischen Gerber, Schuhmacher, Setzer der jüdischen Druckereien, Tischler, Bäcker haben die Arbeit eingestellt. Außerdem schlossen sich die Arbeiter der Bänder- und Spitzenfabrik von Feinkind (circa 900 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen), der Tabak- und Cigarettenfabrik von Polchakewitfch (über 1000 jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen) und vieler anderer Betriebe dem Ausstand an. — Die neuen Ziffern über die Einwanderung in Amerika zeigen, daß dieselbe im Jahre 1898 betrug 291814 Personen, darunter 27086 Juden. Aus Oesterreich-Ungarn kamen 54 735 Personen, davon 9921 Juden, und aus Rußland 44 421, davon 15 429 Juden. Wie man steht, kommen die meisten israelitischen Einwanderer noch aus Rußland, doch dürfte in diesem Jahre sich das Berhältniß ändern, denn die Immigration aus Galizien und Rumänien nimmt enorm zu. — Die umgebaute und erweiterte spanische Synagoge in „Spanisch To wn " (Jamaica) ist durch den Rev. I. Corcos neu eingeweiht worden. An der Feier nahmen viele Christen Theil, und der Synagogenchor aus Kingston war dazu nach Spanisch Town herübergekommen. Druck und Verlag von Rudolf Mos.se in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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