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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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unserer Glaubensgemeinschaft für ihre Bestrebungen. Es ist dies die Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Soden am Taunus, die während ihres 15 jährigen Bestehens Tausenden von armen Lungenkranken Heilung und Rettung vor dem sicheren Untergange verschafft hat. An allen Orten regt sich die Erkenntniß, daß zur Bekämpfung des Erbfeindes der Menschheit, der „Lungentuberkulose", Sanatorien und Volksheilstätten errichtet werden müssen. Diese Erkenntniß hat herzhafte jüdische Männer bereits vor 15 Jahren veranlaßt, die genannte Anstalt — dPe einzige ihrer Art in unserem Vaterlands — zu errichten. Obgleich in dem Berichtsjahr 1898 von in Berlin ansässigen armen Patienten 43 — bei einer Frequenz von 238 Patienten — in der Anstalt Aufnahme gefunden haben, ist dem stillen Wirken derselben bisher hier nicht diejenige Förderung zu Theil geworden, welche ste in höchstem Maße verdient. Alljährlich wächst die Zahl der Hilfesuchenden, die, von Mitteln entblößt, Aufnahme in die Anstalt erhoffen, leider aber wegen Raummangel abgewiesen werden müssen. Ja, die Verwaltung hat sich in diesem Jahre sogar, infolge fehlender Mittel, genöthigt gesehen, die Zahl der Aufzunehmenden zu beschränken. Wir sind allerdings der festen Ueberzeugung, daß es nur eines Appells an unsere edeldenkenden und immer hilfsbereiten Glaubensgenossen bedarf, um die Anstalt in den Stand zu setzen, ihre segensreiche Wirksamkeit nicht nur in dem bisherigen Umfange zu erhalten, sondern auch thunlichst zu erweitern. Deshalb richten wir an Sie die ergebene Bitte, in Ihrem Freundeskreise für die Anstalt zu wirken sowie dieselbe durch Zeichnung eines einmaligen oder Jahresbeitrages zu fördern und hierdurch zur Linderung der Leiden unserer armen kranken Glaubensgenossen beizutragen — zur Ehre unserer Glaubensgemeinschaft. Die Delegirten der Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Soden am Taunus. Naumann Alexander, Rentier, Potsdamerstraße 73. Hugo Heilmann, Oranienburgerstraße 33. H. Witkowski, Stadtverordneter, Auguststraße 1." Wir empfehlen diesen Aufruf für die Anstalt, welche die einzige in ihrer Art und der wärmsten Theilnahme würdig, allen Lesern in diesen „Tagen des Erbarmens" auf das Eindringlichste! B. Trbrg. Berlin, 3. September. Relativ genommen, ist, wie in einer der letzten Nummern dieses Blattes dargethan wurde, Rhina mit seinen 332 Juden unter 663 Einwohnern die größte Gemeinde Deutschlands und wahrscheinlich die bedeutendste von ganz Westeuropa. Weder Frankreich und England noch Belgien und Italien dürften eine Stadt mit überwiegender jüdischer Bevölkerung ihr eigen nennen. Aber abgesehen von Rhina und Laupheim, sind es doch ganz andere Gemeinden, in denen das Schwergewicht des Judenthums ruht. Die geistige und moralische Führung desselben gebührt nach wie vor den Großstädten Berlin, Frankfurt, Breslau und Hamburg. Sie vereinigen nicht blos die höchste Summe von Intelligenz und Finanz, sondern sie repräsentiren das Judenthum am kompaktesten. Nach dem Statistischen Jahrbuch des D.-J. G.-B. von 1899 hat Berlin eine jüdische Einwohnerschaft von 86152, Frankfurt a. M. 20 000, Breslau 18 449, Hamburg 17 308. Die Angabe über Berlin ist jedenfalls ohne Vororte zu verstehen. Mit Vororten hat Berlin, das mit jenen zusammen eine Gemeinde bildet, etwa 92 000 Juden. Auch Köln mit seinen beinahe 10 000 Juden gehört noch zu den Großgemeinden. Mittelgemeinden von 3000 bis 10 000 giebt es 10: München 7800 Juden, Nürnberg 6000, Posen 5810, Leipzig 4872, Mannheim 4798, Mainz 4300, Hannover 4151, Königsberg 4076, Beuthen 3026, Fürth 3010 Juden. Die 16 Groß- und Mittelgemeinden bergen zusammen 204 000 Seelen. Bon den 375 000 Juden in Deutschland entfällt auf die genannten 15 Städte mehr als ein Drittel. Den Prozeß der Centralistrung in den großen Städten — überhaupt die Signatur der Zeit — machen die Juden am gründlichsten durch. 0 Posen, 1. September. Wiederum ist unsere Gemeinde durch einen schweren Verlust betroffen worden. Am 30. v. M. starb nach kurzer Krankheit an den Folgen einer Vergiftung, die er sich beim Genuß von Fischen zugezogen hatte, der Kaufmann und Stadtrath I. M. Friedländer. Der Verstorbene war Neujahr 1885 in die Stadtverordnetenversammlung eingetreten, und am 26. April 1898 wurde er als Stadtrath in das Magistratskollegium eingeführt. Das Versprechen, das Stadtrath Friedländer bei seiner Einführung gegeben, für das Gedeihen seiner lieben Vaterstadt zu sorgen, hat er jederzeit gewissenhaft erfüllt. Besonders als Dezernent der Verwaltung der Gas- und Wasserwerke leistete er Anerkennenswertes, und mancher Fortschritt in diesem Verwaltungszweige ist ihm zu verdanken. Als Mensch und Bürger wurde der Dahingeschiedene in den weitesten Kreisen geachtet und geehrt; zahlreiche Vereine betrauern seinen Heimgang. Seit vielen Jahren gehörte Friedländer der Repräsentantenversammlung an, in der er stets mit Eifer und Pflichttreue für alle^ Angelegenheiten der Gemeinde wirkte. Der Nachruf, den ihm Magistrat und Stadtverordnetenversammlung gestern in den Blättern gewidmet, ist ein wahrer Kiddusch Haschem. Stadtrath Friedländer hat ein Alter von 61 Jahren erreicht. Die Beerdigung fand heute unter allgemeiner Theilnahme statt. r. Jarotschirr, 1. September. Ich freue mich. Ihnen mittheilen zu können, daß wir nunmehr auch in Posen einen Provinzial- oder vielmehr Bezirksverband der jüdischen Litteraturvereine gegründet haben, also den dritten neben den beiden westfälischen Verbänden. Am 20. v. M. waren aus den Gemeinden Ostrowo, Plefchen, Wreschen, Krotoschin, Lissa und Kempen i. P. Vertreter der jüdischen Litteraturvereine hier versammelt, um einen Bezirksverband für den BezirkPosen zu gründen. Oekonomierath Goldstein-Ostrowo leitete die Versammlung, die einstimmig beschloß, den Verband unter dem Namen „Bereinigung der Litteraturvereine im Regierungsbezirk Posen" ins Leben zu rufen. Zweck derselben ist Förderung der gemeinsamen Interessen, besonders Ver- -einigung mehrerer Vereine zur Gewinnung hervorragender Redner, welche kleinere Vereine allein nicht honoriren können. Die einzelnen Vereine entrichten einen Beitrag an die Centrale, um deren nothwendigste Ausgaben zu bestreiten. Die Reiseentschädigung der Delegirten zahlt jeder Verein allein. Auch jedem Redner haben die Vereine gesondert das Honorar zu entrichten, dasselbe dürfte sich aber dadurch wesentlich verringern, daß mehrere Nachbarvereine denselben Redner nach einander einladen. Bis zur konstituirenden Versammlung, die spätestens bis zum 20. September stattstnden soll, wurde Oekonomierath Goldstein-Ostrowo mit der Leitung der Geschäfte betraut. Es steht zu hoffen, daß alle Vereine des Bezirkes sich zusammenschließen, da nur dadurch das Ziel des Verbandes erreicht werden kann. Und ebenso hoffen wir, daß sich die Vereine zu Thorn, Bromberg, Schneidemühl, Filehne, Culmsee u. s. w. bald zu einem Bezirksverbande vereinigen werden. M. Hamburg, 3. September. Das älteste Mitglied der Deutsch- Israelitischen Gemeinde, der frühere Kaufmann Herr M. Bauer, beging am gestrigen Sabbath in geistiger und körperlicher Frische das seltene Fest des hundertjährigen Geburtstages. Der Jubilar erfreut sich namentlich durch seine Wohlthätigkeit in weiteren Kreisen der Bevölkerung einer außerordentlichen Hochachtung. Die gesummten Angehörigen des Herrn Bauer, theilweise im Auslande wohnhaft, hatten sich hier versammelt, um das Geburtstagsfest in der Hoffnung zu feiern, daß ihnen das so theuere Familienhaupt noch manches Jahr in ungetrübter Gesundheit erhalten bleiben möge. Am frühen Morgen begab sich der würdige Greis, gefolgt von seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln, in die prachtvoll geschmückte Synagoge, um an geheiligter Stätte im frommen Gebet Gott seinen Dank auszusprechen. Die Billa des Herrn Bauer sowie die umliegenden Häuser in der Grindelallee prangten im schönsten Flaggenschmuck. Schon bald nach Beendigung des Gottesdienstes stellten sich die Gratulanten ein, die Wohnung glich einem Blumengarten, so zahlreiche kostbare Blumenspenden waren von Nah und Fern eingetroffen. Unter den vielen Glückwunschschreiben sei besonders hervorgehoben ein liebenswürdiges Schreiben des preußischen Gesandten Grafen Wolf Metternich, in dem unter schmeichelhaften Ausdrücken mitgetheilt wurde, daß der Kaiser Herrn Bauer die goldene Königsmedaille verliehen habe. Gegen Mittag erschienen Deputationen der verschiedenen Bürgervereine, der Gemeindeinstitutionen sowie Mitglieder der Bürgerschaft, um persönlich ihre Glückwünsche abzustatten. Der 100jährige Jubilar nahm freudig bei bestem Wohlbefinden im Kreise seiner Familie die vielen Aufmerksamkeiten entgegen. Die Frische, insbesondere der Humor des 100jährigen Greises erregten bei allen Besuchern allgemeine Freude und Bewunderung. Es möge noch erwähnt fein, daß Herr Bauer zur Feier des Geburtstagsfestes sowohl die Armen als auch viele gemeinnützige Institutionen mit größeren Summen bedacht hat. — Das Altenhaus der Deutsch-Israelitischen Gemeinde, eine der segensreichsten Institutionen, die wir besitzen, ist durch einen bedeutenden Neubau vergrößert worden, der jetzt bis auf die innere Einrichtung fertiggestellt ist. Der Neubau ist als Mittelbau

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