Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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63. Jahrgang. Ar. 36. jj^l^y ff ffI.DD. fr ff {fr ff 'fr ff f Lerlin, 8. September 1899. Weikcrge zur „Mtgemeinen Zertung des Iuöenlhums". —.— - - -.- -.- ■■ ..-- ■ ■ - ■ --- Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. £2 Berlin, 4. September. In der Angelegenheit der Ordinariate jüdischer Lehrerinnen an den städtischen Gemeindeschulen hat das Magistratskollegium dem Beschlüsse der städtischen Schuldeputation zugestimmt, daß das Abkommen ihrer Kommission mit dem Schulkollegium genehmigt werde unter Vorbehalt des abweichenden grundsätzlichen Standpunktes der städtischen Verwaltung und der Betonung, daß Härten auch nach diesem Abkommen nicht werden vermieden werden können. Vereinbart ist Folgendes bezüglich der bereits angestellten Lehrerinnen: Im Ordinariat verbleiben beziehungsweise werden wieder eingesetzt: a) die drei jüdischen Lehrerinnen Fräulein Tobias, Berruann und Jastrow I mit Rücksicht auf lange und treue Dienste. Es bleibt der Stadtschuldeputation überlassen, bis zum 1. Oktober die nöthigen Veränderungen vorzunehmen; d) die jungen jüdischen Lehrkräfte, in deren Klassen sich zehn und mehr jüdische Kinder befinden, und gegen deren Amtsführung nichts einzuwenden ist; e) diejenigen jüdischen Lehrkräfte, welche vorübergehend weniger als zehn jüdische Kinder in ihrer Klasse haben; nur ist vom 1. Oktober d. I. an dafür zu sorgen, daß sie Klassen erhalten, in denen jene Voraussetzung wieder zutrifft, oder eventuell zu diesem Zwecke in solchen Gegenden der Stadt beschäftigt werden, welche eine größere Anzahl jüdischer Kinder stellen. Es soll aber bei diesen Lehrkräften für die Beibehaltung des Ordinariats die Zahl der jüdischen Kinder nicht der einzige Maßstab sein, sondern es sollen dabei auch die gefammten Verhältnisse der Schule und der betreffenden Person berücksichtigt und nach den im Ministerialerlaß vom 14. Februar d. I. ausgestellten Grundsätzen alle Härten vermieden werden. Gegebenenfalls, nämlich wenn die betheiligten Lehrkräfte bei Versetzungen nicht die nöthige Anzahl jüdischer Kinder aus der nächst niederen Klasse empfangen, sollen dieselben die versetzten Kinder ihrer Klasse ausnahmsweise noch das nächste Jahr weiter führen dürfen. Bezüglich der neuanzustellenden jüdischen Lehrkräfte ist vereinbart: a) Es sollen die beiden bereits beschäftigten Lehrerinnen Fräulein David und Ranft mit Rücksicht auf ihre längere Dienstzeit ausnahmsweise zur Anstellung gelangen, sobald ihnen mindestens acht Religionsstunden übertragen find, und mit der Maßgabe, daß diese Stunden bei geeigneter Gelegenheit auf zwölf erhöht werden, b) Die Anstellung neuer jüdischer Lehrkräfte und die Uebertragung eines Ordinariats an dieselben soll auch in Zukunft nicht ausgeschlossen sein, c) Ist eine jüdische Lehrkraft angestellt, und es treten Verhältnisse ein, wie sie aä 1 c vorausgesetzt sind, so gelten auch für die Zukunft die dort getroffenen Bestimmungen. Diese Vereinbarung ist von der Schuldeputation, wie verlautet, mit allen gegen zwei Stimmen angenommen und empfohlen. Der Magistrat erwog in der letzten Sitzung, daß die bedingungslose Gleichstellung der jüdischen mit den übrigen Lehrkräften zur Zeit aussichtslos sei, unter diesen Umständen aber die Vereinbarung einen Fortschritt immerhin bedeute, und genehmigte dieselbe. Die Sache gelangt nunmehr an die Stadtverordnetenversammlung, und man kann darauf gespannt sein, was diese zu dem Abkommen sagen wird. £2 Berlin, 31. August. Die Beerdigung des Herrn Julius Rothstein fand heute Vormittag auf dem Friedhof in Weißensee unter einer überaus starken Beiheiligung statt, die einen würdigen Ausdruck der Beliebtheit und Verehrung bildete, deren sich der nunmehr Verstorbene in weiten Kreisen erfreute. Die Stadt Berlin und die jüdische Gemeinde, die Geschäfts- und insbesondere Finanzwelt hatten eine größere Reihe von Vertretern entsandt; die vielen Wohlthätigkeitsanstalten, für die Rothstein mit unermüdlichem Eifer thätig gewesen war, hatten besondere Deputationen entsandt. Dazu kam eine unübersehbare Anzahl von Armen, die es sich nicht nehmen lassen wollten, ihrem Wohlthäter die letzte Ehre zu erweisen. Die Feierlichkeit auf dem Friedhofe beschränkte M auf die Recitirung der Todtengebete; schlicht, wie das Leben des Mannes gewesen war, wurde er, ohne daß eine Trauerrede gehalten wurde, bestattet. Ehre seinem Andenken! £2 Berlin, 4. September. Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Bnai-Briß-Logen, hat in diesen Tagen an unsere Glaubensgenossen einen Aufruf versendet, in dem es u. a. heißt: „Im Jahre 1896 von den Berliner Logen des Ordens Bnai-Briß begründet, darf der junge Verein sich rühmen, in der kurzen Zeit seines Bestehens eine so erfolg- und segensreiche Thätigkeit entfaltet zu haben, daß seine Leistungen als sozialer Segen empfunden werden und zu allgemeiner Anerkennung gelangt sind. Ueber 3500 Personen jüdischen Glaubens, darunter etwa */s weibliche, konnten während dieser Zeit in lohnende Stellungen untergebracht und weiteren 1000 konnte vorübergehende Beschäftigung nachgewiesen werden. Im Büreau des Vereins sprechen täglich über 100 Arbeitsuchende und Stellungslose vor, denen derselbe, bank seiner sich stetig verbessernden Organisation, erfolgreich Stellungen aller Art, als Buchhalter, Korrespondenten, Reisende, Kommis, Kassenboten, Handwerksgesellen, Arbeiter, Hausdiener, Laufburschen, Lehrlinge u. s. w., zu verschaffen bemüht ist. Die seitherigen Erfolge sind nicht zum Mindesten auch dem Umstande zuzuschreiben, daß nur wirklich empfehlenswerthe Arbeitskräfte in Vorschlag gebracht werden, über deren Kenntnisse, Vorleben und Charakter die genauesten Informationen eingezogen worden sind. Der Verein erfreut sich des Wohlwollens aller derjenigen Arbeitgeber, Fabrikanten, Geschäftshäuser, Banken, Gesellschaften, Handwerksmeister, Institute und Arbeitsstuben, die sich bei Neubesetzungen der Vermittelung desselben bedienen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß der Verein für Arbeitsnachweis einem dringenden Bedürfnisse entspricht. Aus kleinen Anfängen heraus hat er sich unter denkbar größten Schwierigkeiten zu einer wohlorganisirten, achtunggebietenden Institution entwickelt, welche seitens der hiesigen jüdischen Gemeinde durch Delegirte in ihren Vorstand sowie auch materiell unterstützt wird. Unser Arbeitsnachweis beruht auf rein philanthropischer Grundlage; er erfolgt sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmer vollständig kostenlos. Unsere Empfehlung geben wir nur den dazu Würdigen, wir erkundigen uns vorher über Jeden, ehe wir ihn empfehlen. Ueber die von uns untergebrachten Handwerkslehrlinge führen wir dauernd Aufsicht, und wo es nöthig, haben wir ihnen Pfleger bestellt und geben Stipendien. Wir haben in Aussicht genommen, Wittwen und eheverlaffenen Frauen, die wegen ihrer kleinen Kinder nur im Hause eine Thätigkeit ausüben, Arbeitsstuben einzurichten. Wir verschaffen älteren Leuten, die in Stellungen nicht unterzubringen sind, Agenturen, Schreibarbeiten oder sonstige Beschäftigungen; oft gelingt es uns, Geschäftsleuten, die in ihrer Existenz Schiffbruch erlitten haben, oder Handwerkern, die infolge von Krankheiten ihre Berussthätigkeit nicht ausüben können, einer anderen Erwerbsthätigkeit zuzuführen. Da indeß zu alledem unsere Mittel bei Weitem nicht zureichen, so appelliren wir an das Herz und an die Einsicht unserer Glaubensgenossen und geben uns der Hoffnung hin, daß diese Mittheilungen dazu beitragen werden, die Bedeutung des Vereins für Arbeitsnachweis weiteren Kreisen zpm Bewußtsein zu bringen, damit jeder Einzelne, sei es in Form regelmäßiger Beiträge oder einmaliger Spenden, mithelfe, das wahrhaft humane soziale Werk zu fördern." Der Aufruf, unterzeichnet von den hervorragendsten Männern und Frauen unserer Gemeinde, verdient die wärmste Theilnahme. £2 Berlin, im September. Der folgende Aufruf für die Kuranstalt in Soden ist in diesen Tagen an alle Mitglieder unserer Gemeinde versandt worden: „Verehrte Frau! Sehr geehrter Herr! Ihr oft bewiesenes Interesse für die der leidenden Menschheit gewidmeten Wohlfahrtseinrichtungen giebt den Unterzeichneten Veranlassung, Ihre Aufmerksamkeit auf eine Anstalt zu lenken, welche in aller Stille wirkt und die segensreichsten Erfolge in dieser ihrer Wirksamkeit aufzuweisen hat. Deshalb aber auch verdient sie die Unterstützung weiter Kreise