Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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432 Auge, jene bleichen Märtyrer des finsteren Mittelalters, Männer und Frauen, Greise und Kinder, welche hier erschlagen und verbrannt wurden, weil sie den Namen des einzigen Gottes heiligten. Ich höre die Sturmglocken läuten von der alten Jakobskirche, ich sehe die Fahne aufpflanzen auf der alten Burg, und Schaaren wilden Volkes, beutegieriger Landsknechte, sehe ich mit Piken und Sensen sich nach der Judengasse wälzen, um dort zu rauben und zu morden. Wissen sie. doch, daß der mächtige Kaiser Karl die ehrsame Mirgerschaft dozi der besonderen Verpflichtung, die Juden zu schützen, ledig gesprochen habe. Am Galgenthor, an der Straße, die gen Würzburg führt, erwartet das Häuflein muthiger Juden den Todfeind; ein Ringen auf Tod und Leben beginnt nunmehr, und da wieder einmal — es sind nun gerade 550 Jahre her — der blaffe Mond über dem romantischen Tauberthale aufgeht, beleuchtet er ein erschreckendes Bild: die Leichen der erschlagenen Juden und die rauchenden Trümmer ihres Gotteshauses, ihres Lehrhauses, ihrer Wohnstätten. Aber was Feuers Wuth ihnen auch geraubt, ein hoher Trost iß den wenigen Ueberlebenden doch geblieben, die dort ans der anderen Seite durch das Klingenthor von dannen und in einem Nachen den Main hinaufziehen. Sie haben ein Kleinod gerettet aus dem wilden Sturm, das mehr ist als alle Schätze der Welt: sie tragen am Bord ihres Lebensschiffleins den Gott der Zukunft. Und noch einmal wiederholt sich dasselbe Bild anderthalb Jahrhunderte später an derselben Stelle.. Wieder rast der Pöbel, aufgereizt durch einen fanatischen Mönch, durch die engen Straßen der Judenstadt, wieder kämpfen sie auf Leben und Tod, wieder bedeckt die Wahlstatt ein Hügel von Leichen, aber aus dem Gotteshause dringen nicht wie ehedem die Feuersäulen hervor, sondern wir hören ein Lied aus tausend Kehlen, das eine andächtige Gemeinde der „Jungfrau Maria" zum Dank für die Vernichtung der jüdischen Ketzerbrut anstimmt. Noch lebt das Lied; auf vergilbtem Pergament habe ich es im alten Rathsarchiv selbst gelesen: „Eyn hiipsch Lied von der verthreybung der Juden zu Rotenburg an der Thabwer und von derer Synagog." Der Sänger Preist die Stadt: Darin manch Jud gewonet hat Lang zeyt mit großer ru fürwar. Aber der Haß, „den sie täglich übten an dem heiligen Sakrament", führte zu dem blutigen Ende. Eine „Dankung" nennt der Sänger sein Lied dafür, daß der Herr die Stadt von der „Juden- Brut" befreit.» Kein Jud' hinfüro kam Verein, Das war in nit ein cleine pein. Und ein feierlicher Choral schließt das Lied: Gott wöll, das es beleib also! Der Choral klingt mir in den Ohren, so oft ich durch die enge Judengaffe gehe. Auch hier wieder zaubert die erregte Phantasie eine bunte Fülle von Gestalten aus dem Grabe der Geschichte hervor. Vor allem die ehrwürdige Erscheinung des großen Rabbi mit der bleichen Denkerstirn und dem lang herabwallenden Barte, der nach dem Lehrhause zieht, um dort die reiche Schaar treuer Schüler im Gesetz zu unterweisen: Meir von Rothenburg, wir grüßen Dich und denken in stiller Wehmuth Deiner Größe und rufen mit Dir: Wirf, Sinai, hinweg dein Prachtgewand, Verhülle dich, gleich Wittwen, schwarz und nächtig. Und meine Thräne schwemme weg das Land Und wachse an zum Strome groß und nächtig. Und ströme fort und fort zu Moses Grabe Und poche fragend an des Grabes Pforten, Ob eine neue Lehre er denn habe,? Daß deine Rollen drum verbrannt geworden! ,, Ach ja, eine solche hellgestirnte Sommernacht erfüllt doch die Seele mit seltsamen Schauern, und indem ich weiterschreite, fällt mein Blick auf zwei hebräische Grabschriften, die in die Mauer eine dieser Häuser der Judengaffe eingelaffen sind. Die „heimtückisch gelben Streiflichter" des Mondes beleuchten vielleicht hier eine schauerliche /Tragödie. Wir stehen hier vor den Gräbern eines: Jünglings und einer Jungfrau, die in jener wilden Zeit vielleicht auch den Märtyrertod gestorben sind. Der Jüngling Moses, Sohn des Juda, aus dem Stamme Levi, der am 15. Ellul des Jahres 5139 gestorben, und seine Schwester, die Jungfrau Rechlin, die sieben Tage später den Tod gefunden. „Ihre Seelen ruhen im Frieden im Paradiese. Amen. Selah!" Auch über den alten Judenkirchhof führt uns unser Weg; aber auch kein Steinchen zeugt mehr von den Grabstätten des unglücklichen Duldervolkes. Auf dem Gräberfelde duften die Blumen, singen die Vögel, und gegenüber erhebt sich das alte Gemäuer der Getreideschranne, die aus den Steinen des vernichteten Gotteshauses aufgerichtet wurde. Auch hier fällt unser Blick an der inneren Hofmauer auf hebräische Grabsteine aus dem Mittelalter, die uns an das traurige Geschick der kaiserlichen Kammerknechte, der Juden von Rothenburg, gemahnen. Nur durch die unverwüstliche Lebenskraft und durch die unbändige Hoffnungsfreudigkeit, die sie in allem Leid erfüllte, wurde dieses traurige Schicksal erträglich. Wenn wir die Judengaffe zu Eude gehen, so gelangen wir zu dem weißen Thurm, an den das mit schönem Holzfachwerk und einem feinen Erker gezierte Judentanzhaus angebaut ist. Das Ganze im Mondenschein ein einzigartiges, schönes und oft aufgenommenes Straßenbild. Noch heute ist im Keller das ehemalige Quellenbad der Juden in Rothenburg zu sehen. Dort tanzten die Armen, tanzten über ihr Elend hinweg.... Am anderen Morgen schien die Sonne hell und heiter, der Wirth vom „Eisenhut" brachte mir die Zeitungen mit dem Dreyfus-Prozeß, und auf dem Marktplatz kaufte der jüdische Lehrer Grumet von einem Bauern aus dem nahen Detwang. „Andere Zeiten, andere Vögel, andere Vögel, andere Lieder; ach, wenn ich nur andere Ohren hätte! 6. K. Kprerhfaal. Löbliche Redaktion! tnser Rosch Haschono-Fest bringt mir eine Anregung ins Gedächtniß, die ich schon lange unseren jüdischen Buchhändlern geben wollte.— Meines Wissens haben wir noch keinen jüdischen Abreiß-Kalender. Ein solcher wäre aber nicht nur ein dringendes Bedürfniß, sondern auch von großem literarischen Nutzen. Ein Kalender könnte auf der Rückseite talmudische Sentenzen, ein anderer Sätze aus Proverbien und Psalmen enthalten, ein dritter geschichtliche Daten unterbringen. Solche Kalender, welche so dem Publikum stets vor Augen wären, brächten viel mehr Nutzen als der Luach, der damit doch nicht in Abfall käme und von den betheiligten Kreisen auch weiterhin ebenso gehalten werden müßte wie bis jetzt. Diese Abreißkalender sollen mit dem Beginn des bürgerlichen Jahres erscheinen, weil dies praktischer und auch richtiger ist. Unter dem Datum des bürgerlichen Jahres stünde dann in Klammern das jüdische Datum, u. s. w. Die Details überlasse ich Denen, die meine Anregung durchführen wollen. Ich glaube nicht, daß sie werthlos ist. Karlsbad. Dr. Ziegler. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.