Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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431 aber, als sich die Knaben besänftigt zurückgezogen hatten, wandte sich Moritz da Silva halb ernst, halb scherzend zu seiner Gattin. „Der Raphael hat so Unrecht nicht, sie wird Dir sehr ähnlich, Simonette. Und mehr noch im Charakter, sie hat Deinen Eisenkopf. Nun, hoffentlich gerathet Ihr später nicht einmal ernstlich an einander. Sonst, das sage ich Dir vorher, müßt Ihr beide nachgeben, oder Keine thutks." Oder Keine thut's. Ach. was ist Moritz für ein größer Menschenkenner gewesen. Und doch, hat sie das Recht, zu sagen, Keine? Hat Regina sich nicht zur Genüge ihr entgegenkommend gezeigt? Da hört sie es wieder, Regina. In der Luft liegt es, aus dem Flackern der Lichter, dem Knistern des Ofenfeuers tönt es, mit tausend nur ihr vernehmbaren Stimmen scheinen eg ihr die leblosen Wände zuzurufen. Jeder todte Gegenstand im Zimmer redet von ihrer verstoßenen Tochter. Wieder ersieht vor ihr das zierlich-graziöse Kind, das so wichtigthuend mit dem Schlüffelkorb der Mutter, „um für Mutter herauszugeben", neben ihr einherschritt, das lieblich erblühte Mädchen mit den schönen, ernsten Augen, das in seiner harmonisch-sicheren Weise Behagen schaffte, wo immer es weilte. Sie hört wieder ihr seltenes, weiches, leises Lachen. Regina hat eigentlich nie viel und oft gelacht. Aber vielleicht wohnte eben deshalb jenen süßen, Hellen Tönen solch lmbeschreibüch wohlthuender, herzerquickender Reiz inne. Und wenn sie nicht oft gelacht hat, so hat sie dafür auch selten geweint. Viel Trübes ist ihr hier daheim nicht widerfahren. Speziell diese für Festlichkeiten bestimmten, stets in festlicher Stimmung betretenen Gemächer haben sie nie Thränen vergießew sehen. Doch. Einmal. Als sie dort im Nebenzimmer im Brautschmuck unter dem Trauhimmel stand.- O. wo bleibt Alphons? Nur einen Menschen her, mit dem man sprechen, der durch seine Reden die Gespenster des Einst verscheuchen kann! Wie gerufen trat der Ersehnte jetzt ein und begrüßte seine Mutter in seiner gewohnten, ehrerbietig-liebevollen Weise. Dann, die Blumen wahrnehmend, fragte er: „Woher die vielen schönen Veilchen?" „Die Kinder waren heute Bormittag hier und haben sie gebracht." „Ach!" Er wandte sich interessirt nach ihr um. „Hast Du sie gesprochen?" „Nein!" Mehr traurig als unwillig zuckte er die Achseln. „Natürlich nicht. Die Frage hätte ich mir sparen können." Er verstummte und nahm seinen gewohnten Platz der Mutter gegenüber ein. Auch er schien alsbald von dem eigenthümlichen, heute Abend in der Luft liegenden Zauber ergriffen zu werden, vielleicht auch der Zeiten gedenkend, die gewesen waren. Die sie umhüllende Stille wurde so drückend, daß Beide wie befreit aufschauten, als sich nach einiger Zeit die Thür öffnete, um die den großen Butterkuchen, das am Purim übliche Jestgebäck, hereinbringende Judith einzulaffen. „Na, Judith?" fragte „der Doktor", wie seine alte Pflegerin ihn stets voll Stolz nannte, scherzend, „wie ist er denn gerathen, der Kuchen? Gut?" „Sehr gut!" sagte die Alte einsilbig und stellte die Schüstel vorsichtig auf den Tisch. Sie war offenbar noch nicht wieder auf der Höhe ihrer Liebenswürdigkeit angelangt. „Aber furchtbar groß ist er!" bemerkte nunmehr ihre Herrin. Viel zu groß für zwei Menschen." Diese Worte gaben anscheinend Judiths Laune den Rest. Sie fuhr mit so ungeduldiger Hand glättend über die steifgestärkten Falten ihrer blendend weißen Schürze, daß diese ein scharf knatterndes Geräusch ertönen ließ, und entgegnete dann trocken: „Der Kuchen ist wie immer. Aber natürlich ist es ein Unterschied, ob zwei Personen ihn aufessen sollen oder acht oder neun. Wenn die Anderen nicht mehr kommen dürfen, dafür kann der Bäcker nichts." Nach dem letzten Satz machte sie klüglicherweise die Thür von außen zu. Mutter und Sohn sahen sich eine Weile an, ohne zu reden. (Schluß folgt.) Ueisemomente. IV. Rothenburg o.Tauber, Anfang August. jn kann sich auch an Bergen satt sehen, und ich begreife sehr wohl die Aeußerung jenes Breslauer Herrn, der auf der Reise über den Albulapaß mit mir das Interieur der Postkutsche theilte. „Mein Bedarf an Bergen ist gedeckt," sagte er beim Einsteigen in den Wagen; auch sonst liebte er es, dir Vergleiche für alles, was die schöne Natur und die intereffante Reise darbot, aus seinem Berufskreise zu nehmen. Als ich ihn über den Stand der jüdischen Angelegenheiten in seiner Heimath befragte, antwortete er mit einer entsprechenden Geste: „Unter pari." Ich habe mir den Mann für meine Galerie jüdischer Charaktere, die ich hoffentlich einmal nach der Natur werde zeichnen können, aufgehoben. Für heute habe ich aber etwas Anderes, etwas Besseres und Größeres vor. Ich will die letzte Etappe meiner schönen Reise schildern; ich will meine Leser nach der alten Stadt Rothenburg ob der Tauber führe», jene alterthümlichste unter den deutschen Städten, die man mit Recht ein Kleinod der Vergangenheit genannt hat. Freilich, eine Schilderung Rothenburgs dürfen oder brauchen sie an dieser Stelle nicht zu erwarten. Was ich aus dieser Stadt erzählen will, das sind Geschichten und Träume und Phantasien, von denen ich allerdings glaube, daß jeder Leser dieses Blattes sie verstehen und daß jeder auch dieselben Empfindungen haben würde, wenn er wie ich an einem schönen Sommerabend in die alte freie Reichsstadt einziehen würde. Die erste Empfindung ist für uns die Heller Bewunderung. Kein Thürmer fragt uns beim Eintritt in das Stadtthor mehr nach unserem Schutzbrief, und wir dürfen „unvergleitet" mit dem Geist des Mittelalters durch die langen, stillen Straßen ziehen. Mit ihren Basteien und Wällen, mit ihren Gräben und Thürmen, mit ihren Thoren und Kirchen, Häusern und Brunnen macht die alte Stadt einen mehr als merkwürdigen Eindruck. Auf Schritt und Tritt begegnen uns gut erhaltene Baudenkmäler des Mittelalters aus der romanischen, aus der gothischen und Renaiffanceperiode. Eine Fülle malerischer Straßenbilder und Prospekte vollendet das alterthümliche Gepräge der Stadt, die an Rebenabhängen und einem reich bewaldeten Berggelände an der lieblichen Tauber wahrhaft bezaubernd daliegt. Es ist ein dunkler Abend; aber plötzlich bricht der Mond aus den Wolken und mit ihm der Sterne Helles Heer. Ein seltsames Licht durchströmt die alten Straßen, und ich sehe Gestalten heraufsteigen aus ihren Gräbern, die im fahlen Mondlicht den Eindruck des Schauers Hervorrufen; ich sehe sie deutlich vor meines Geistes