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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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für jenes kleine Wölkchen, das da so ganz vereinzelt und so leicht und behend wie eine Feder von der Stadt her heranschwebt. Aber die Müdigkeit überwindet seine Neugier, die Augenlider werden schlaff, er tritt in die Mühle, verriegelt die Thür, damit er den säumigen Burschen zurückkonimen hört, und sinkt dann schlaftrunken, halb entkleidet aufs Bett. 1 Plötzlich erwacht er, wie von einem Keulenschlage getroffen; dass' Wölkchen will ihm nicht aus dem Sinn; dieses Wölkchen, das er'' eben wieder heranfliegen gesehen, trotz der herrschender, Windstille. Es ist doch damit nicht geheuer, und Harkos Erzählung scheint doch richtig zu sein. Er läuft barfuß hinaus zunr Zaun urrd blickt hinauf. Da ist's, es schwebt schon niedriger, immer näher, immer schwerer, unregelmäßiger, wie ein angeschoffener Vogel. Und jetzt sieht er im grellen Mondlicht zwei dunkle Flügel und darunter eine gekrümmte Menschengestalt mit langem zitternden Bart. Den Müller durchschauerte es, sollte er rufen: „Laß ab, laß ab, er gehört mir?" ES ging zwar um einen Juden, aber immer eine lebende Seele. — Ja, er will schreien, aber — wer weiß, welche Gedanken ihm durch den Kopf schossen — plötzlich wendet er sich zur Flucht und versteckt sich flugs unter den Wachholderbüschen am Ufer des Mühlenwassers. Fast gleichzeitig fiel das geflügelte Ungeheuer, wie erschöpft von der zappelnden Last, auf den Zaun nieder und breitete die Fänge über den ohnmächtigen Juden — Jankel. Denn gestehen wir's nur, der Müller hatte ihn schon lange erkannt, und mitte» in seiner heillosen Furcht hatte es ihn recht im Inneren gefreut, denn nun hatte er ja, was er wünschte, und leise flüsterte er vor sich hin: „Nun, Philippchen, jetzt beginnt deine Zeit im Dorfe Nono-Kamenka." Inzwischen warf und wand sich der Jude unter den Fängen des Hapun in der vergeblichen Hoffnung, dem Ermüdeten vielleicht zu entschlüpfen. Doch jedesmal, wenn er eine verzweifelte Anstrengung machte, loszukommen, packten ihn die Krallen des ermüdeten Teufels, der aber dennoch noch ruhen wollte. Jankel legte sich nun aufs Politisiren und fragte: „Sage mir doch, bester lieber Hapun, was hast Du denn davon, durchaus einen armen Juden zu greifen, warum denn nicht lieber einen guten gesunden Christen? Zunr Beispiel den Müller, das wäre ein guter Happen." Der Satan schüttelte das Haupt und gab ihm ganz gemüthlich den Bescheid, daß das nicht angehe. Er habe über Christen nicht gut Gewalt, da sie bester seien als die Juden, die sich von der Menschen Blnt und Schweiß nährten, die Bauern mit ihrem Schnaps trunken machten und znm Schnaps noch Master thäten und so ihn doppelt betrügen. „Und wenn ich Dir nun beweise, daß der Müller auch hohe Prozente nimmt und noch mehr, viel mehr Schlimmes thut?" rief der Jude aus. Das wollte der Hapun nicht zugeben. Ein getaufter Mensch könne so etwas nicht thun. Da erhob sich Jankel behend und raunte ihm leise etwas ins Ohr. Der Teufel erschrak. „Kann nicht sein." Jankel lispelte ihm wieder etwas zu. Aufs Neue erschauerte der Böse und widersprach. Doch als ihm nun Jankel zum dritten Male etwas zuflüsterte, wurde der Hapun zwar nachdenklich, sagte aber wiederum: „Das kann nicht sein!" Der Jude beschwört es feierlichst und bietet dem Teufel die Wette: Wenn alles das, was er ihm erzählt, binnen einem Jahre nicht sich bewahrheite, so wolle er ihm verfallen sein für ewig. Im anderen Falle aber solle er frei sein und zu Weib und Kindern znrückkehren dürfen. „Topp!" erklärte der Teufel und erhob sich zum Flüge. Der Müller, welcher in seinem Versteck von der letzten Verabredung nichts verstanden hatte, sah halb mit Freude, halb mit Grauen das geflügelte Ungeheuer hoch aufschweben und in seinen Kralleu den armen Juden, der, wenn auch etwas beruhigter, doch laut weinend nach seiner Frau und seinen Kindern rief. Bald war das gespenstige Paar den Augen des Müllers entschwunden» der mit vor Schreck zitternden Beinen, gesträubtem Haar, halb ohnmächtig in seine Kammer taumelte und bewußtlos auf sein Lager sank. (Forts, folgt.) Die Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XXI. H^udith hatte die Sträuße mit einem Gesicht, in dem die 'r'W Mißbilligung sehr unverkennbar geschrieben stand, herciu- Cj& gebracht, sie mit nicht eben sanfter Hand vor ihre Herrin gelegt und mit einem Tonfall, der ihrem Gesichtsausdruck entsprach, mürrisch gefragt: „Madame haben wohl gehört?" Als „Madame" darauf schweigend nickte, fuhr sie in etwas milderen Lauten fort: „Soll ich's nicht noch mal bestellen?" „Nein. Judith, es thnt nicht Nolh." „Hätt' ich mir denken könne», da hilft ja doch alles nichts." Als sie ferner sah, daß ihre Herrin die Blumen völlig unbeachtet liegen ließ, raffte sie sämmtliche Sträuße mit einem deutlich gebrummten „Die armen Veilchen sollen darum wenigstens nicht verkommen" zusammen und verließ das Zimmer. Als Simonette sie nachher, sorglich in Waffer gestellt, oben in den Festräumen erblickte, sagte sie kein Wort, zur Verwunderung der alten Dienerin, die augenscheinlich halb und halb den Befehl, sie fortzuschaffen, erwartet hatte. Nein, sie wollte den lieblichen Blüthen die Stelle gönnen! Und wenn die Kinder nun wirklich morgen wiederkämen! Die Kinder, die Kinder! Aber was war das? Ihre Gedanken parirten heute Abend durchaus nicht. Das waren ja schon wieder nicht Raphaels Kinder, die ihr geistiges Auge erblickte, sondern ihre eigenen, als sie noch klein waren. Sie sah wieder ihren verewigten Gatten, dort in dein hochlehnigen Seffel, wie er den beiden Knaben die mit bunten Bildern geschmückte Megillah erklärte, während die kleine, weißgekleidete Regina sich auf die Zehenspitzen erhob, um. über die Schultern der ihr ungalanterweise den Platz streitig machenden Brüder hinweg, auch etwas erblicken zu können. Sie meinte noch zu hören, wie Raphael einmal in kritischer Besprechung des Aussehens der abgebildeten schönen Königin Esther zum Schluß bündig erklärte: „Die ist gar nicht hübsch. Weißt Du, Alphons, ich denke mir die Königin Esther immer wie die Mutter." „Oder wie unsere Regina, wenn sie mal groß ist," bemerkte der jüngere Bruder. „Dummer Junge, das ist ja ganz daffelbe. Die hat doch ganz dasselbe Gesicht." Darauf begann zwischen den beiden jungen Herren ein hitziger Meinungsaustausch darüber, ob Mutter und Tochter sich ähnlich sähen oder nicht, der schließlich den Eltern zur Schlichtung unterbreitet und von dem Vater mit einigen ruhigen Worten beigelegt wurde. Dann

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