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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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Sie nicht konfessionell, sondern menschlich schön." — Als er nun auf die Kanzel trat, das Bild Hermann des Cheruskers, wie er im Teutoburger Walde steht, da sprach er zu der andächtig lauschenden Gemeinde über das 3. Buch Mos. 19 18: Liebe deinen Nächste» als dich selbst. — Äuch den Antisemitismus, der damals in höchster Bliithe stand, streifte das Gespräch, und der Geistliche erklärte seine Stellung zu demselben durch die Aeußerung: „Das Judenthum verachten heißt, seine Mutter schlagen". Meine Behauptung, ich thäte das Gute an meinen Mitmenschen, insonderheit Krankenpflege, nicht zur größeren Ehre Gottes, auch nicht irgend eines Lohnes halber, sei's in diesem oder einem späteren Leben, selbst nicht um mir irgend einen Platz zur Rechten Gottes zu verdienen, sondern lediglich um zu helfen und mir selbst zu genügen, begegnete heftigem Unglauben. Erst als Frau Maria, die mich während der lebhaften Diskussion ängstlich umfangen hielt, die Bemerkung machte: „Sie hat's doch durch die Thal bewiesen, indem sie u. a. ein armes Dienstmädchen während der Pocken pflegte." war der Widerstand gebrochen, und der Kaplan sagte: „Mit diesen Ansichten sind Sie ja aber eine gute Katholikin. Wie Leffing seinen Nathan antworten läßt, so entgegnete ich: „Denn was mich Euch zur Christin macht, das macht Euch mir zum Juden!" — Die köstlichen, unvergeßlichen vier Wochen des Beisammenseins nahmen leider ein Ende, die dort geschlossene Freundschaft erst mit dem Tode des prächtigen Mannes. Bis dahin blieben wir in schriftlichem Verkehr, und ich erlaube mir, aus den geistreichen Briefen des leider zu früh Verstorbenen diejenigen Stellen wiederzugeben, welche von allgemeinem Interesse sein dürften. „Münster, 11. 1. 95. - Viel tausend herzliche Glück- und Segenswünsche zu Ihrem Geburtstag! Möge der liebe Gott, derselbe, den wir beide anerkennen und verehren als der, der unser beider Schicksal hienieden wie drüben in seiner allmächtigen und liebevollen Hand hält, Sie mit seinem reichsten Segen segnen und Ihnen noch eine lange Reihe schöner Jahre voll edler Wirksamkeit bescheiden, Denken Sie sich, morgen bete ich in diesem Sinne für Sie bei der heiligen Messe. Auch Frau Maria thut dasselbe.-" „Münster, 11. 1. 96.-bringe ich mit diesem Brieflein, dem längsten, das ich seit langer Zeit geschrieben, aus Herzensgrund die allerbesten und allerschönsten Glück- und Segenswünsche znm morgigen Geburtstage dar. Noch mehr, ich bete morgen für meine liebe rc. Gönnerin und Freundin zu unserem gemeinsamen Gott, daß er, der Geber alles Guten und der milde Vater für alle seine Kinder, rc. rc." Geichzeitig erhielt ich die Nachricht von der Versetzung meines Freundes nach Bremen, wv er die äußerst günstige Stellung des ersten Predigers einnehmen sollte. Ostern erfolgte die Uebersiedelung. Die Einführung, zu der, außer den beiden Freundinnen in Münster, nur ich noch eine Einladung erhalten hatte, fand init großem Ceremoniell statt, und die Feierlichkeiten beanspruchten drei Tage. Ich konnte dem Rufe nicht folgen, deshalb sandte ich am Tage „der Gratulation im Pfarrhause" folgende Depesche: „ Jeworechecho adonaj wejischmerecho" 4. Mos. Kap. 6, Vers 24—26. Aus der Antwort theile ich mit: — — „Bremen, 11. Juni 95. Aber Ihr Telegramm war mir eins der liebsten, weil ich wußte, daß es kein bloßes Konvenienztelegramm war. In Anerkennung dessen habe ich Sorge getragen, daß dasselbe bei dem von der Gemeinde mir gegebenen Festmahle verlesen wurde und in seiner hebräischen Fassung — keinen geringen Eindruck machte." Und weiter unten: „daß ich auch unter den Andersgläubigen freundliche Aufnahme gefunden, als Friedensmann bekannt geworden und auch zum Rabbiner Lewinger, dem Nachbar meines Waisenhauses, freundliche Beziehungen angeknüpft habe" rc. Am 10. November desselben Jahres, nach wenigen Tagen des Krankseins, fällte der Tod diesen prachtvollen Mensche» im Alter von 42 Jahren. - Mit tiefer Trauer rufe ich ihm nach: „Sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr!" EUILLETON Iom Kipur. Lin kleinrussisches Märchen. Frei nach Wladimir Rorolenko. Von Mary» Rosenberg. II. er Müller ging nachdenklich weiter. Ei, wie hatte sie ihn geschimpft! Was war er schuld, daß sie arm ist. Wäre sie seinesgleichen, hätte er sie ja genommen. Er ein Jude! Wäre er's, würde er nöthig haben, so zu leben wie jetzt, zu arbeiten auf der Mühle! Ein wahres Hundeleben! Allerdings, seit der Vater in der Trunkenheit im Bach umgekommen, sei er Herr, und auch das Geld klirre ihm in der Tasche. Aber was habe er für Nutzen! Alles gering! Nie verdient ein christlicher Mensch so viel wie ein Jude. Ja, wenn der Teufel den Juden vom Dorfe holen wollte, könnte man zu Federn kommen. Die Mühle würde er verpachten und die Schenke nehmen. Da kämen Alle zu ihm nach dem Rubel wie nach der Waare. Der Mensch ist doch keiner, so lange er arbeitet. Anders, wenn vom Groschen der Groschen wächst. Nur ein Narr begreift das nicht. Lege dir ein Paar Schweine an — das ist ein fruchtbares Thier — in einem Jahr giebt's bald eine ganze Heerde. So auch das Geld, man läßt's unter die dummen Menschen wie auf die Futterwiese — schlafe nur nicht und fordere zur Zeit ein, vom Groschen werden zehn, vom Rubel zehn Rubel. Und er lachte bei dem Gedanken, wie viele Narren dächten, sie arbeiteten für sich, und wenn der Termin komme, werde er alles mit den Prozenten in seinen Koffer einscharren. Jetzt kam ihm wieder der Jude in den Sinn und seine Schuld. Wenn ihn der Teufel holte, brauchte er nicht zu zahlen. Aber die arme Wittwe und die Kinder, und was hatte der Jude ihm eigentlich -Schlechtes gethan? Die besseren Gedanken zupften wie kleine Hündchen an seinem Gewiffen. Nahm er denn nicht auch Wucherzinsen? Aber — ein Jude ist doch nur ein Jude und nicht zu vergleichen einem Christen. Wenn ein solcher Zinsen nehme, so käme es doch in Brudershand und nicht an einen ungetauften Juden. Sonderbar, wie Ameisen fingen die Gedanken im Kopfe des Müllers an zu wimmeln. Er hörte das letzte Läuten vom Dorfe und dachte: „Nun schlafen schon Alle auf der Welt. Nur die Juden weinen und heulen in ihren Kirchen, und ich stehe hier wie eine unbestattete Seele und sinne Schlechtes." Es wurde ihm schlimm zu Muthe. Es schien ihm, als ob etwas ungesehen umherlaufe und stöhne. Er sah den ertrunkenen Vater wieder vor sich und wurde .ganz starr. — Jetzt war er an der Mühle. Sollte er hinein oder nicht? Er rief den Müllerburschen: Garrito, he, Garrito! Aber es ist leer auf der Mühle, und der Lüderjan ist gewiß wieder bei den Mädels, Der Mond war schon lange hoch am Himmel, und der Müller; wundert sich, wie er in den Mühlbach schaut, wie doch dessen Tiefe ausreicht für den Mond, den blauen Himmel mit allen Sternen und

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