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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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428 Gin katholischer Priester. Bon A. Bieber. eine beste Freundin ist eine hochgebildete, in Münster lebende Katholikin. Dorthin hat sie nach dem Tode ihres herrlichen Gatten, der ein tüchtiger, viel beschäftigter, überaus liebenswürdiger Arzt in Berlin war, ihren Wohnsitz verlegt. Wenn diese Entfernung uns auch recht schmerzlich war, so beeinträchtigte sie doch unsere innigen Beziehungen nicht; dieselben fanden Nahrung in regelmäßiger, anregender Korrespondenz, und bisweilen, wenn auch äußerst selten, vergönnte uns das Schicksal ein Wiedersehen. — Vor einigen Jahren gestatteten mir die Verhältnisse, Frau Maria meinen Besuch ankündigen zu können. Das Antwortschreiben athmete lebhafte Wiedersehensfreude. Wenige Tage nach Empfang desselben traf abermals ein Brief aus Münster ein, die fremde Handschrift erschreckte mich, ich fürchtete irgend eine schlimme Nachricht. Der Inhalt war folgender: „Münster. 31. Mai 1894. Sehr geehrtes Fräulein! Bevor der schöne Monat Mai zu Ende geht, möchte ich diese Zeilen an Sie gerichtet und damit auch formell die Bekanntschaft mit Ihnen eröffnet haben, die unsere gemeinsame Freundin, meine liebenswürdige Gönnerin, veranlaßt, fundamentirt und — so möchte ich gern sagen — mit dem Kolorit der Freundschaft ausgestattet hat. Hinüber wenigstens zu mir hin — vielleicht auch herüber zu Ihnen — hat FrauDr. M. so helle, lichte und anschmiegsame Fädlein von Lob und Liebe, von Anerkennung unb Bewunderung irgend Jemandes gesponnen, daß ich mich schier habe fangen laffen und es als keinen bösen Traum betrachte, wenu ich mir träumen lasse, ich säße ganz inmitten eines dichten Freundschaftsnetzes, das unsere edle Spinnerin um sich und Sie und mich gewoben hat. Ob der Traum schon angefangen hat, Wahrheit zu werden? — Der Entscheid läge nur noch bei Ihnen. Denn ich fürchte nicht, daß Sie bei näherer, persönlicher Bekanntschaft mit mir in meinen Augen verlieren, sondern denke, daß Sie noch gewinnen werden. Sie sehen, verehrtes Fräulein, ich rede gleich im ersten Briefe so zu Ihnen, als ob wir uns schon lange gekannt und — gegenseitig venerirt hätten. Vielleicht oder hoffentlich werden Sie solches recht verstehen und hinnehmen oder aber wenigstens meiner Eigennatur, die wohl etwas andersartig wie jene der Salonhelden und Etikettenritter sein muß, es zu gute halten. Wenn ich nun so frank und blank, so ungenirt und frisch, wie's mir aus der Seele kommt, zu Ihnen rede, so trägt der Gedanke daran schuld, daß Sie, die Sie meiner Freundin so viele edle Treue und Freundschaft beweisen, auch mir vielleicht eine gute Freundin sein und zugleich au meiner Person erfahren könnten, daß wir, die sonst so viel verschrieenen „Schwarzen", doch nicht ganz so ungenießbar, intolerant und intolerabel sind, somit auch das Prinzip und die Sache, die wir — notabene! mit Aufrichtigkeit und idealem Enthusiasmus—vertreten, doch wohl beffer sei als ihr gewöhnlicher Ruf. Darin steckt der tiefere, ideale Grund, warum ich in meinem bisherigen Wanderleben durch diese Welt, das ein klein wenig von dem des alten Odyffeus an sich hat, gern mit Personen von anderer politischer und religiöser Denkungsart mich zu befreunden gesucht habe. Und daran schließt sich der zweite, mehr egoistische Grund: durch solche Bekanntschaft meinen geistigen Gesichtskreis zu erweitern, an humaner Gesinnung, unparteiischem Urtheil zu wachsen. Die Erfahrung hpt mir denn auch Recht gegeben, daß gerade solche Freundschaften mir den genannten und anderen Gewinn gebracht. Dazu kommt dann der Genuß, das wahrhaft süße Bewußtsein des Besitzes eines kostbaren Gutes dem nach solchem Gute sehnsüchtig ausschauenden Menschenkinde. Ist doch nach dem Ausdruck Ihrer . und unserer heiligen Bücher Ml wahrer Freund köstlicher als Geld und Gut dieser Erde. Geld und Gut habe ich.nicht, aber ich darf hoffen, einige edle Menschenseelen zu meinen aufrichtigen Freunden zu zählen, und wenn diese zum Theil dem Geschlecht angehören, dem man bald lobend, bald aber tadelnd drei Viertel Herz, ein Viertel Verstand nur zuschreibt, so geht bei diesem doch die Freundschaft in die Tiefe und äußert sich mit doppelt wohlthuender Herzlichkeit. Wie schön, verehrtes Fräulein, wenn ich Sie auch in diese Freundescorona einreihen dürfte! — Frelmdschaft erfrischt, belebt, verschönert und befruchtet die Menschenseele, sie macht dieselbe jung und erhält dem Menschen, auch dem vielbedrängten und dem alternden, den Frühling, den Maimonat seines Lebens. So bin ich denn am Schluffe wieder zum Anfang meines Briefes angelangt, und indem ich Ihnen, unserer gemeinsamen Freundin, und mir selber einen ewigen Mai, d. h. die Wonnen des Himmels, sei es hier oder drüben, wünsche, schließe ich mit verehrungsvollem Gruße bis auf persönliches Sehen als Ihr ergebenster Dr. Galland." Frau Maria hatte mir in einem ihrer letzten Briefe von dem Beichtvater ihrer Schwester erzählt, der seit einiger Zeit ihrepl Freundeskreise angehöre und demselben durch Geist und Liebenswürdigkeit Anregung und Würze verleihe. Sie hoffte in ihm einen Berather bei der Erziehung ihres Kindes sowie in anderen Lebensfragen gefunden zu haben. Wenngleich ich lebhafte Freude darüber empfand, daß meiner Freundin gewiffermaßen ein Schützer erstanden war, so konnte ich doch ein Bangen für unsere altbewährte Freundschaft nicht überwinden, in der Sorge, Herr Dr. Galland könne ein Fanatiker sein. Obiger Brief zerstreute meine Zweifel, und als ich wenige Stunden nach meiner Ankunft in Münster di« persönliche Bekanntschaft des Gefürchteten machte, da wurde mir klar, in diesem Urbild eines echten und rechten deutschen Mannes könne kein hinterhältiger, falscher Charakter stecken. Die Münsteraner führen ein geselliges, gemüthliches, lustiges Leben, sie haben fast tägliche Zusammenkünfte. Auf diese Weise lernte ich den Herrn Kaplan recht genau kennen. Es stellte sich bald heraus, daß Frau Maria die liebenswürdige kleine Indiskretion begangen hatte, ihm meine Briefe zu zeigen, nachdem sie ihm gebeichtet, ihre beste Freundin sei Jüdin. Die von ihr gefürchtete Opposition hatte sie nicht gefunden, und das Resultat ihrer Unterhaltungen war vorstehender Brief. — So friedlich, wie es in jenem den Anschein hat, war der Herr Kaplan aber gar nicht; die Geister platzten öfter auf einander. Wie vorauszusehen war. streifte das Gespräch sehr bald das religiöse Gebiet, und ich machte aus meinen Ueberzeugungen kein Hehl. Gleich bei der ersten derartigen Unterredung sprach ich meine Verwunderung darüber aus, daß die Christen das Gebot: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst" ganz für sich in Anspruch nehmen, während es dem Alten Testament entnommen ist. Ich stellte seiner Behauptung, es stehe Matth. 22, 39, die meinige entgegen, der Ausspruch befinde sich 3. Mose 18, 19. Wir schlugen nach, da stand's freilich nicht, und mit einem mitleidigen Lächeln nahm er meine Bemerkung auf, dann werden wir es 19.18 finden. Da stand es nun allerdings, und das fatale Lächeln war plötzlich verschwunden. — Ich machte dem Doktor die Freude, öfters mit meiner Freundin die Messe zu besuchen, und sprach meine Absicht aus, auch am Sonntag der Predigt beizuwohnen. „Worüber soll ich predigen?" — „Ein Thema mag ich nicht bestimmen, predigen

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