Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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427 nicht entschwunden, und wir hoffen-zuversichtlich, daß die Sonne der Gerechtigkeit in unserem Lande aufgehen werde, sowohl für Juden als für Polen, für Stundisten und für Duchoborzi. Wir Alten werden's nicht mehr sehen, aber so wird es sicherlich sein! Als Bürg-, schüft dafür dient die große Reform Kaiser Alexanders II., welche unser Vaterland neugestattete und in neue Bahnen lenkte. Auf ihnen müssen wir unter dem Druck der Dinge fortschreiten. Es bleibt nur zu wünschen, daß die ferneren Schritte nicht unter dem Druck äußerer und innerer Erschütterungen, sondern unter dem Druck der aufgeklärten öffentlichen Meinung sich vollziehe und kraft der Erkenntniß einer Regierung, die sich ihrer hohen Aufgaben bewußt ist. Om jüdisches Schatzkästlein. Bon Bolksfchullehrer Hermann Becker. (gYVY^ntei: obigem Titel veröffentlichte Herr Realschullehrer Jakob Seifensieder in Nr. 30 dieser Zeitung einen Artikel, der uns Volksschullehrern sehr sympathisch sein könnte, wenn nicht fast unbesiegbare äußere und innere Hinderniffe der Verwirklichung des von dem geschätzten Verfasier ausgesprochenen Wunsches entgegenständen. Zunächst von den äußeren Hindernissen. Herr Seifensieder wünscht, daß sich „eines der von ihm bezeichneten Stücke in ein Schulleseblich verirren würde". Diese Möglichkeit ist für die preußischen Provinzen fast ausgeschloffen. Denn in diesen Landestheilen, besonders in den ostelbischen, herrscht das Lesebuch-Monopol, das von den Schulaufsichtsbehörden mit aller Strenge durchgeführt wird, so daß ein neues, welches die Wünsche des Herrn berücksichtigte, pro nihilo gearbeitet wäre. Die Verfaffer dieser Monopol-Lesebücher haben aber ganz andere, ihnen von obenher gesteckte Ziele bei der Bearbeitung ins Auge zu faffen als die von Herrn Seifensieder mit so warmem Eifer vertretene Tendenz. Herrn Seifensieder und allen Real- und Volksschullehrern, welche die neueste Fachlitteratur kennen, sind diese Ziele zur Genüge bekannt, so daß wir an dieser Stelle auf die Darlegung derselben verzichten können. Hier könnte nur ein neues, für jüdische Volksschtilen gearbeitetes Leseblich helfen, mit dessen Herausgabe, wenn ich nicht irre, die jüdischen Lehrervereine in Hannover, Westfalen und Heffen-Naffau seit einigen Jahren beschäftigt sind. Einer der von diesen Vereinen mit der Herausgabe beauftragten Kollegen hatte vor Jahren in dieser Zeitung um Mittheilung der Wünsche für das neue jüdische Lesebuch gebeten Ich bin diesen Wünschen in einem längeren direkten Schreiben nachgekommen, habe aber seitdem nichts mehr von dem Adressaten gehört. Für uns Ostelbier würde aber die Einführung eines besonderen jüdischen Lesebuches die größten Schwierigkeiten haben, weil das Monopol der Lesebücher aus obigen Gründen schwer zu durchbrechen ist. Ist also die Möglichkeit ausgeschloflen, solche Tendenzflücke, wie Herr Seifensieder sie bezeichnet, in die Hände bezw. vor die Augen Andersgläubiger zu bringen, so würden sie ja ihren Zweck verfehlen, und wir könnten dann eben nur für die Verbreitung jüdischer Jugendschriften und jüdischer Erzählungen, wie bisher, in unseren eigenen Kreisen wirken. Daß aber auf diesem, uns am nächsten liegenden Gebiete, noch sehr viel zu thun ist, hoffe ich mit Erlaubniß des Herrn Redakteurs dieser Zeitung demnächst in einem besonderen Artikel auszuführen. Insbesondere werde ich statt eines jüdischen Schatzkästleins einen jüdischen „Plutarch" Vorschlägen, der die Besten unserer Glaubeitsgemeinschaft aus allen Zeiten und Völkern in lebensvollen Charakterbildern vorführt. Eine der ersten Stellen darin soll H. Steinthal einnehmen, der Forscher, den Herr Dr. M. Holzman, mein hochverehrter Lehrer, unmittelbar nach dem Artikel des Herrn Seifensieder in Nr. 30 in so anregender Weise schilderte. Schwerer lioch sind die inneren Hindernisse zu überwinden, welche dem Wunsche des Herrn Seifensieder entgegenstehen. Ein besonderes „jüdisches Schatzkästlenr" würde niemals in weiteren Kreisen Andersgläubiger Verbreitung finden; eher finden zehn spezifisch christliche Bücher in jüdischen Kreisen Beachtung als ein jüdisches in jüdischen Kreisen. Unsere sogenannten liberalen Glaubensgenossen handeln nach dem alten Grundsatz: „Der Prophet gilt nichts im Vaterlande" und lesen einen jüdischen Schriftsteller erst dann, wenn der Kritiker ihres politischen Blattes ihn rühmend nennt; unsere orthodoxen Glaubensgenossen aber haben mit der Inspektion des Religionsunterrichts, mit der Gründung orthodoxer Vereinigungen, koscherer Hotels und Restaurationen rc. — alles verdienstliche Werke — so viel zu thun, daß ihnen für die Förderung der jüdischen Volksbildung und für die Erkenntniß der „versittlichenden Kraft solcher Erzählungen", wie Herr Seifensieder es bezeichnet, keine Zeit übrig bleibt. Herr Seifensieder erkennt an, daß die biblischen Geschichten demselben Zwecke, d. i. der „versittlichenden Kraft", dienen, „aber", so fügt er hinzu, „ihre Persönlichkeiten und Verhältnisse stehen oft dein Kinde menschlich zu fern, ihre Erscheinungen schweben in weltfremder Höhe über uns, ein Gegenstand heiliger Bewunderung und frommer Scheu. Sie gehören eben zum Inventar der Religionsstunde". Daran erkennen wir den Herrn Realschullehrer! Ein Volksschullehrer wird niemals die Persönlichkeiten und Verhältnisse der biblischen Geschichten auf einsamer Höhe, gewissermaßen als „Rührmichnichtan", weilen lassen, sein ganzer Unterricht, seine ganze Erziehung wird von diesen vorbildlichen Personen und Verhältnissen durchdrungen sein. Nicht als einen Gegenstand heiliger Bewunderung und frommer Scheu führt ein Volksschullehrer — selbst ein freisinniger — diese Personen und Verhältnisse seinen Kindern und nicht allein in der Religionsstunde vor, sondern in jeder Geschichts-, in jeder deutschen, ja in jeder anderen Unterrichtsstunde, wo sich Gelegenheit dazu bietet, weist er auf diese Heldengestalten hin. Wer und was hindert den jüdischen Volksschullehrer, in der Geschichtsstunde den David, Saul, Jonathan, die Makkabäer als die ersten patriotischen Männer zu feiern, welche für ihr Vaterland Gut und Blut geopfert haben? Was hindert ihn, bei der Besprechung des bekannten Lesestückes: „Ein guter Sohn, der sich im Glück seiner armen Eltern nicht schämt", auf Joseph hinzuweisen? Und wird ein jüdischer Volksschullehrer bei der Behandlung von „Johanna Sebus" oder ein Realschullehrer bei der Erläuterung der „Jungfrau von Orleans" der Richterin und Prophetin Deborah, der frommen Hanna, der Mutter Samuels, vergessen? Kann nicht ebenso in der Naturgeschichtsstunde auf jüdische Entdecker und Erfinder, bei der Entdeckung Amerikas auf den jüdischen Theilnehmer der Entdeckungsfahrt des Seeweges nach Ostindien, auf die berühmten jüdischen Reisenden des Mittelalters hingewiesen werden? Sie sehen also, Kollege Seifensieder, wir haben ein besonderes jüdisches Schatzkästlein als Ersatz für die „weltfremden" Personen und Verhältnisse der biblischen Geschichten nicht nöthig, sondern wir können diese erziehlichen Momente überall verwenden, wo sich Gelegenheit dazu bietet.