Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 425

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228311-3228348--55762-3291994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

am wenigsten etwas davon verstehen. Diese Wissenschaft ist zwar nicht zu verlangen, doch man kann sich wenigstens oberflächlich mit den sittlich-religiösen Leitsätzen bekannt machen, die in den jüdischen Schulen in Rußland gelehrt werden. Läßt sich in ihnen etwa eine Verdunkelung der reinen Tafeln Mösä verspüren? Im Gegentheil! Diese Tafeln bergen die höchsten moralischen Grundsätze: in diesen Lehren herrscht der große Geist der Liebe, der jede christliche Verkündigung zu schmücken im Stande wäre. Es ist daher unrichtig, zu behaupten, daß das Judenthum entschwunden sei, aus dem das Christenthum entstand." Es ist nicht nur nicht entschwunden, sondern es hat sich nnt feinem Geiste und seiner Kultur den christlichen Völkern genähert. Jetzt wie früher ist ihr Heiligthum auch das unsere. Wir schöpfen aus demselben Quell, wir lesen ihre heiligen Bücher, und das Wort Gottes ist ein Erbe der ganzen Menschheit. Wenn die Wacht an diesem heiligen Vermächtniß die Juden von allen anderen Völkern unterscheidet, so sollten sich die Christen am wenigsten ihnen feindlich gegenüberstellen, da sie selbst ja an die Bibel glauben! Und dennoch ist es umgekehrt! Wir übten nie Verfolgungen gegen Mohamedaner aus, wir kürzen nicht ihre Rechte, sondern gestatten ihnen, sich anzusiedeln, wo sie mögen, und zu thun, was sie wollen. Wie erklärt es sich nun, daß wir gegen die Juden anders verfahren, von denen, ich wiederhole es, das sittlich-moralische Erbe uns überkommen ist? Es läßt sich nicht leugnen, daß hierin ein höchst wichtiger Zug der menschlichen'Natur in die Erscheinung tritt. Je näher die Leute zusammen leben, desto grausamer kämpfen sie mit einander! Das läßt sich beispielsweise an dem Verhältniß der Orthodoxen zu den Raskolniki lind an dem der Russen zu den Polen Nachweisen. Wir dulden die Mohamedaner und Heiden, während wir die Raskolniki bedrücken; den fernen Slavianen sind wir bereit, die brüderliche Hand entgegenzustreckcn, und die nahen — halten wir in Schranken. Nach der Lehre Darwins entbrennt der Kampf ums Dasein am heftigsten zwischen nahen Stämmen, während er sich zwischen ferneren abschwächt. In der physischen Natur bewährt sich diese Theorie wenig, aber umsomehr und deutlicher in den menschlichen Beziehungen zu einander. Keine Erscheinung könnte allerdings mehr als diese dem Geiste des Christenthums widersprechen! Warum verfolgen wir die Juden und stellen uns ihnen feindlich gegenüber? Weil, wie man nach den Worten der Kaiserin Elisabeth sagt, sie die Feinde Christi sind. Der Mensch hält sich in seinem Dünkel für den Rächer Gottes und vergißt, daß Christus am Kreuze seinen Feinden verzieh und das Gleiche zu thun allen Denen gebot, die an ihn glauben. Die Menschen vergaßen, daß der Apostel der Heiden sich rühmte, ein Jude zu sein, und seinem auserwählten Stamm zurief, nicht hochmüthig gegen die losgelösten Zweige zu sein. „Rühme dich nicht wider die Zweige. Rühmst du dich aber wider sie, so sollst du wissen, daß du die Wurzel nicht trägst, sondern di« Wurzel trägt dich!" Er sah im Judenthum die Wurzel des Christenthums, und keine verdorbene Wurzel, sondern eine zur neuen Lebensfülle, zum Segen der Menschheit bestimmte Wurzel. In eben der Epistel der Römer heißt es ferner: „Denn so ihr Fall der Welt Reichthum ist, und ihr Schaden ist der Heiden Reichthum; wie viel mehr, wenn ihre Zahl voll würde?" Angesichts dieser Verheißungen ist es schwer, zu begreifen, wie ein gläubiger Christ annehmen darf, daß die heutigen Juden nichts Gemeinsames mit den ftüheren hätten. Selbst den Ungläubigen erscheint das Festhalten an Eigenthümlichkeiten, trotz jahrtausendelanger Bedrückungen und Verfolgungen, trotz der Abwesenheit einer eigenen Zufluchtsstätte, als Vorzeichen irgend einer Zukunftsmission. Noch unfaßlicher bleibt es, daß die Judenhaffer und Verfolger sich zugleich für ehrliche Christen halten, die das Gebot der Liebe und Milde ausüben. Das ist einer der Widersprüche, von denen die menschliche Natur voll ist, und der von ihrer moralischen Höhe kein Zeugniß abzulegen vermag. Sind wir aber ehrliche Christen, so müssen wir zugeben, daß die Judenverfolgungen dem Geiste der Religion, die Milde und Liebe Ohrt, widerspricht. Erweitern wir die Frage, so müssen wir ebenso zugeben, daß die Regierung nicht berufen ist, sich in Gewifsensangelegenheiten zu mischen, die ein unantastbares Vermächtniß der Menschheit bilden. Wenn schließlich das russische Gesetz allen Konzessionen Duldung gewährt, wie es im 8 45 des Reichsgesetzbuches heißt, so fragt sich, mit welchem Recht wir die Anhänger des einen oder anderen Glaubens bedrücken dürfen, und wozu es hierbei vorübergehender Maßnahmen bedarf. Verlangt eS etwa die Politik? ES giebt Fälle, wo vorübergehende Maßnahmen geboten sind. So war beispielsweise die Lage der Dinge nach der Befreiung der Bauern. Da flössen wirthschaftliche Interessen von zweierlei Bedingungen zusammen, von denen die einen den anderen unterworfen waren. Hätte man die Landwirthe plötzlich der Arbeitskraft der Leibeigenen beraubt, so könnten die Ersteren ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Trotzdem zogen Viele es vor. mit eins sich in das obligatorische Verhältniß, selbst bei Verlust von Kapitalien, zu schicken, als in ein provisorisches Stadium zu treten. Ich kann nur sagen, daß sie klug gehandelt haben, denn ein provisorischer Zustand ist stets von Rachtheilen begleitet. Gewiß sind manchmal provisorische Maßnahmen Mabweislich, doch warum sollen sie nothwendig sein, wenn es sich um Aufhebung von Beschränkungen handelt, die durch ein Glaubensbekenntniß hervorgerufen sind? ■ Die Rechtsbeschränkung ist eine Art Strafe; habe ich mich jedoch überzeugt, daß der Mensch nicht straffällig ist, wozu bedarf es dann noch eines Stufenganges? Vergegenwärtigen Sie sich, daß Ketzer am Scheiterhaufen verbrannt werden. Die Regierung gelangt zum Bewußtsein, daß diese himmelschreiende Strafe gegen alle Menschlichkeit ist, aber nach den Regeln der Politik erachtet sie nur eine allmälige Strafaufhebung für ausführbar. Erst wird in Anbetracht der linderen Gesinnung den Ketzern einfach der Kopf abgeschlagen, und dann, nach einigen Jahren, wird ihnen die rechte Hand abgehauen; nach Verlauf eines kürzeren oder längeren Zeitraumes werden sie ins Gefängniß gesteckt, dann dürfen sie ihren Wohnort nicht verlassen, und endlich nach einem halben Jahrhundert wird ihnen gestattet, ihren Glauben nach der Eingebung ihres Gewiffens auszuüben. Was sagen Sie zu dieser politischen Weisheit? Sie halten es vielleicht für einen Scherz! Worin aber unterscheidet sich dieser Stufengang von dem für die Juden ins Auge gefaßten? Maßnahmen können mehr oder weniger hart sein, das System ist dasselbe. Die Juden haben doch kein anderes Verbrechen begangen, als daß sie sich zu einem anderen Glauben bekennen. Das giebt ja auch das Gesetz zu: denn sowie sie sich taufen, werden sie aller Rechte theilhaftig. Es wird der Einwand erhoben, daß außer der Glaubensfrage die historischen Bedingungen der Judenansiedelungen in Rußland eine Aufmerksamkeit verdienen. Worin bestehen diese Bedingungen? '' Wir haben uns Gebiete angeeignet, in denen eine Masse von Juden ansässig war; dadurch wurden sie russische Unterthanen. Hatte die russische Regierung nun ihnen Schutz und Sicherheit oder Verfolgung zu bieten? Ich stellte diese Frage in die Rubrik „Politik", doch die Antwort blieb aus. Für Denjenigen, welcher der Regierung eine moralische Bedeutung zuerkannt und sie nicht lediglich als ein System der Menschenbedrückung und großer Räuberei, wie der heilige Augustinus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.