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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 424 (sequence 4)
Language
German
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erhalten. Diese Erlaubniß ist unter Vorlegung des Paffes bei dem zuständigen russischen Konsulat zu beantragen. Eine ministerielle Erlaubniß ist nicht erforderlich. * Mit großer Regelmäßigkeit taucht zu bestimmten Zeitpunkten immer wieder die Nachricht auf, daß eine Encyklica des Papstjks gegen den Antisemitismus in Aussicht stehe. Die römische Zeitung „Avanti" meldet aus vatikanischen Kreisen, daß der Papst unter dem Eindrücke der letzten Ereignisse im Dreyfus-Prozeffe dM Verdacht, als wäre der Judenhaß und die Judenhetze vom Vatikan gebilligt oder geduldet, in einer Encyklica der antisemitischen Agitation entgegenzutreten beschloffen habe. Weiter habe Kardinal Ramposta den französischen Bischöfen im Aufträge des Papstes aufs Strengste und Entschiedenste die Pflicht eingeschärft, der antisemitischen Bewegung gegen die jetzige, vom heiligen Stuhl unterstützte Regierung der Republik mit allen Mitteln entgegenzutreten und jede Ueberschreituyg des Verbotes seitens ihrer Diözesanpriester strengstens zu ahnden.; Von anderer Seite wird freilich berichtet, es würden im Vatikan große Anstrengungen gemacht, um den Papst von der Absicht dxs Erlaffes dieser Encyklica abzubringen. Dabei wird es wohl auch bleibejn. * Präsident Krügers Bemühungen, den Juden in Transvaal die Gleichberechtigung zu verschaffen, haben nun doch zu einem, wenn auch kleinen Resultate geführt. Der Volksraad hat beschlossen, daß Sie Regierung in der nächsten Seffion abermals den Entwurf eims Gesetzes zur Regelung der konfessionellen Gleichberechtigung vorlegen soll. Präsident Krüger hat seine Anschauung in dieser Frage allen Mitgliedern des Volksraads in Form von Informationen zugehen lassen und dabei wieder als Hauptgrund für die Zulassung der Israeliten zum vollen Bürgerrecht geltend gemacht, daß dadurch die Bekehrung derselben zum Christenthum erleichtert werden würde! Gin interessanter Brief. Nach dem Rusfischen von M. Bessmertny. ine Stimme aus Rußland, die in ebenso geistvoller wie entschiedener Weise für die Emanzipation der dortigen Juden eiutritt, ist gewiß eine ebenso so seltene wie höchst interessante Erscheinung. Wir geben deshalb das nachfolgende offene Schreiben des berühmten Moskauer Professors Tschitscherin an die Gegner der Judenemanzipation in Rußland, nach dem Manuskript ttberHt, im vollen Wortlaut hier wieder. Es lautet: Die jüdische Frage scheint Vielen eine schwierigere und komplizirtere zu sein als die polnische. In meinen Augen ist sie dagegen vom Standpunkt der Gesetzmäßigkeit aus eine viel einfachere und leichtere. Das Haupthinderniß liegt hier nicht in einem politischen Kampf der Völker, sondern in Jahrhunderte lang angehäuften Vorurtheilen. In den Ländern, wo das Gesetz über den Vorurtheilen steht, und das ist ja in allen westeuropäischen Staaten der Fall, taucht die Frage über die Beschränkung tar Rechte der Juden überhaupt nicht auf. Wenn dort auch Ausbrüche der Volksleidenschaft Vorkommen, so sind sie lediglich Sache tyr Polizei und nicht der Gesetzgebung. Oesterreich weiß nicht, Ws mit seinen sich befehdenden Völkerschaften zu beginnen, aber dgs Verhalten gegen die Juden beschäftigt die Regierung keineswegs, obschon der Antisemitismus dort einen breiteren Boden als sonstwo besitzt. Er wird eben als eine gesellschaftliche Erscheinung betrachtet, welche dir Regierung sich nicht berufen fühlt zu regeln. Diese gesellschaftliche Erscheinung empört Sie! Im Prinzip stimmen Sie mir bei, daß jeder gebildete Mensch, in dem das Gefühl für Humanität und Gerechtigkeit nicht verstummt ist, meine Meinung theilen sollte in dem Sinne der erstrebenswerthen bürgerlichen Freiheit und Gleichstellung der Juden. Sie sagen aber zugleich, daß kein Staatsmann und kein im Dienste des Gemeinwohls stehender Mensch, der mit der Geschichte der jüdischen Ansiedelung in Rußland und mit den faktischen Lebensbedingungen der Juden und Russen vertraut ist, es für möglich halte, meine Idee mit einem Male der Verwirklichung entgegenzubringen, ohne daß unumgänglich voranzuschickende und vorbereitende Maßnahmen erst zu treffen seien. Sie stützen sich hierin auf meine eigenen Worte, daß die Politik eine „relative" Wissenschaft sei, und daß, was heute einem Theil der Bevölkerung nützlich, einem anderen später schädlich sein könne, daß ferner eine blos theoretische Lösung der Frage nicht befriedigen könne, sondern daß eine Anpassung an die historischen und thatsächlichen Lebensbedingungen unabweislich nöthig sei. In Rücksicht dieser Ueberzeugung schlagen Sie eine ganze Reihe von provisorischen Maßnahmen vor, die sich auf unbestimmte Zeit hinziehen sollen. , Bei der „Politik" hatte ich vorzugsweise die Beurtheilung theoretischer Fragen im Auge, und ihre praktische Nutzanwendung kan» nur in Betracht in Bezug auf allgemeine Grundsätze. Ich bin jedoch bereit, die Frage auch von dieser Seite zu beleuchten, und zwar gerade weil die Politik eine relative Wissenschaft ist, muß genau nachgeforscht werden, in welchen Fällen provisorische Maßnahmen sich als nützlich und in welchen sie sich als ungemein schädlich erweisen können. Zunächst muß die faktische Seite der Sache festgestellt werden. Sie protestiren gegen meinen Standpunkt, laut dem die Juden den Stamm bilden, von welchem die Menschheit ihr ganzes moralisches Erbe empfangen hat, und für das sie ihm ewige Dankbarkeit schuldet. Sie behauptet», zwischei» den alten Israeliten Palästinas und den gegenwärtigen kosmopolitischen Juden sei der Abstand ebenso groß wie zwischen den heutigen Griechen und den Zeitgenossen Platos, Aristoteles und Perikles! Der Vergleich wäre zutreffend, wenn bei den Griechen auch heute noch die unantastbare Verehrung für den olympischen Zeus und für Pallas Athene waltete und sich erhielte. Weder der Glaube noch die Institute und die Charaktere weisen irgend einen Zug der Wesensgleichheit zwischen den heutigen Griechen und ihren fernen Ahnen nach. Die Juden dagegen erhielten das gerade unverletzt, was ihnen als Volksheiligthum vermacht wurde, und das, was zugleich die Seele deS jüdischen Volkes darstellt. Im Nainen dieses Heiligthuins ertrllgen sie im Laufe von Jahrtalisenden allerlei Demüthigungei» und Verfolgungen. Dieses Heiligthnm bildete das geistige Baud zwischen ihnen, während sie über die ganze Welt zerstreut waren, und das war auch zugleich die Ursache ihrer Fernhaltung von anderen Völkern. Auf diese Fernhaltung wird oft hiugewiesen, ohne daß der Ursache derselben Beachtung geschenkt würde. Aus welchem Grunde sagen Sie, daß die reinen Tafeln Mosä besudelt und vom Talmud und von dem zwanzig Jahrhunderte langen Elend und Uniherstreifen verdunkelt sind? Das ist ja gerade das Wunderbare. daß ein zwanzig Jahrhunderte anhaltendes Elend und Umherwaiider». den reinen Quell nicht zu trüben vermochten, aus dem Juden und Christen ihre geistige Nahrung schöpfen. Sie wiederholen die landläufige Phrase, daß der Talmud den Vorrang vor der Bibel genieße; doch mir fehlt der Beweis zur Bekräftigung dieser Behauptung. Es sprachen meistens Diejenigen voin Talmud, welche

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