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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-08 · Heft 36 (8.9.1899) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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L23 erkenne in dem Spiegel, der ihr vorgehalten wird; sie läßt uns hochmüthig und entrüstet reden über fremde Schuld, wo wir bescheiden bekennen müßten: Du bist der Mann. Das ganze Jahr widmen wir eifrig der Versöhnung mit der Sünde Anderer; soll uns der Jom Kipur mit Gott versöhnen, so müssen wir ihm unsere Eigenliebe zum Opfer bringen, so müssen wir uns beim Bekenntniß der Sünden, das wir am Versöhnnngstage lesen, prüfend fragen, wie oft wir sagen müssen: Du bist der Mann. Wohlan, wir wollen heimkehren zu unserem Gott, und hat er uns gestraft, er wird uns heilen; hat er uns geschlagen, er ließ uns neu aufleben in den beiden Tagen des Neujahrsfestes; an diesem dritten Tage wird er uns vollends aufrichten, daß wir vor ihm leben. Are Msche. Berlin. 7. September. er Ministerwechsel in Preußen, in den beiden für jüdische Angelegenheiten entscheidenden Refforts, ist natürlich für uns von großer Bedeutung. Der Minister des Inneren, Freiherr von der,Recke von der Horst, hat seine Entlassung gegeben. Zu seinem Nachfolger ist der Regierungspräsident von Düsseldorf, Freiherr v. Rheinbaben, ernannt worden. Desgleichen ist Kultusminister Dr. Bosse aus seinem Amt geschieden. Wir werden beiden Ministern keine Thräne nachweinen. Die Amtsthätigkeit des ehemaligen Kultusministers hat zwei wichtige Lhatsachen aufznweisen, von denen die eine dem jüdischen Religionsunterricht der kleinen Gemeinden zu gute kam, während die andere die jüdischen Lehrerinnen an den Gemeindeschulen benachtheiligte. Auf dem Gebiete des höheren Unterrichtswesens gelangten Juden auch während dieser Zeit nur sehr selten zur Beförderung, dagegen erhielten viele den Profeffortitel. Der neue Kultusminister, Oberpräsident Studt in Münster, ist als ein wohlwollender und gerechter Mann bekannt, der den Angelegenheiten der Juden in Westfalen stets «in sympathisches Interesse entgegenbrachte. Hoffen wir, daß die neuen Minister die bescheidenen Wünsche zu erfüllen in der Lage sein werden, die die Juden in Preußen zu hegen berechtigt und genöthigt sind. * Der Parteitag der deutsch-sozialen Reformpartei, der in der nächsten Woche stattfindet, wird sich mit seltsamen Anträgen zu befassen haben. Die des Herrn Dr. Giese haben wir bereits mitgethcilt. Womöglich noch origineller sind die eines Herrn K. Lebermann aus Hainburg: „Der Parteitag wolle beschließen, in das Parteiprogramm folgende Forderung aufzunehmen: „Lösung der sozialen Frage durch die freien individuellen Produktivasfoziationen der Arbeiter vermittelst Staatskredits nach den Prinzipien von Ferdinand Lassalle als das unerläßlichste Bedürfniß unserer Zeit und als eisernen Bestand der Initiativanträge im hohen deutschen Reichstage." Daß jetzt der — Jude Lassalle helfen soll, den Antisemiten sozialpolitische Einsicht zu verschaffen, ist echter Humor. Was rettet die Welt vor Berjudung, wenn selbst die treuesten Hüter des Tcutschthums Arm in Arm mit Lassalle das „unerläßlichste Bedürfniß unserer Zeit" stillen? Mit Recht empfiehlt man jetzt der Rassenkunde der Antisemiten, schleunigst den Nachweis zu führen, daß Ferdinand Lassalle eigentlich arischer Raffe gewesen sei und sich den „rothblonden" Schnurrbart nur aus Laune schwarz gefärbt hätte. *» Die „Badische Landpost", eine stramm konservative Zeitung, die mit dem Antisemitismus sehr häufig kokettirt, ärgert sich über die Konkurrenz von Centrümszeitungen auf dem Gebiete der Judenhetze. Sie schreibt: „So finden wir im „Pfälzer Boten" einen Artikel der ebenfalls ultramontanen „Augsburger Postzeitung" wieder, der für badische Leser interessant, aber auch gleichzeitig für die Haltung der Eentrumspresse in der Judenfrage recht bezeichnend ist. Der Artikel lautet: „Welcher Werthfchätzung sich Israel im Großherzogthum Baden erfreut, ist schon aus der Zeit deS Judendichters Auerbach hinreichend bekannt. Wir möchten es neuerdings vom Standpunkt der Architektur beleuchten. Da hat der jüdische Architikt Oppler zu Hannover ein Schloß gothischen Stiles in Baden-Baden und eine neue Renaissance-Villa an der Kriegsstraße von Karlsruhe erbaut. Eben jetzt errichtet die Karlsruher jüdische Architektenfirma Curjel u. Moser am Mühlburger Thor unserer Restdenz eine weitere evangelische Pfarrkirche mit einem gothischen Centralthurm. Der Jude Leoy, Lehrer an der Großherzoglichen Baugewerkschule dahier, erbaut nicht nur Synagogen, sondern hat auch die baierische Rheinpfalz mit einer Anzahl evangelischer Kirchen versehen, bei denen durchgehends die Scheu vor gewölbten Bauanlagen recht bezeichnend ist; freilich, bei einfachen flachen Holzbalkendecken hat der Konstrukteur seinen Kopf nicht anzustrengen, da giebt es eben keinen Gewölbeschub, und di« Aufgabe wird schlicht in denkbar größter Nüchternheit gelöst, nebenbei aber doch möglichst viel Baargeld verdient. „Sapienti sat!“ Die „Badische Landpost" fügt hinzu: „Ob der Verfasser des Artikels—die sachlichen Angaben desselben können wir auf ihreRichtigkeitnicht kontroliren—wohlein christlicher Architekt ist?" Es ist hübsch von der „Badischen Landpost", daß auch sie zu der Einsicht gekommen ist, daß eine Hauplquelle des Antisemitismus einfach Konkurrenzneid ist. $ General Bronsart v. Schellendorf dementirt natürlich ebenfalls die ihm zugeschriebenen und später vom „Figaro" allerdings einigermaßen abgeschwächten Aeußerungen über Dreyfus und die Juden. Nach der Version des „Figaro" sollte der General gesagt haben: „Seit dem Beginn der Angelegenheit habe er gewußt, daß Dreyfus niemals Beziehungen zu Deutschland gehabt, und seit fünf Vierteljahren wisse er auch, daß dies ebenso wenig bezüglich der beiden anderen Dreibundmächte der Fall gewesen sei. Und er fügte hinzu: „Wenn die Franzosen auf diese Weise mißfällige Juden aus dem Generalstabe entfernen wollen, so thäten sie besser, sie, wie wir in Deutschland, nicht hineinzulassen". Der Korrespondent des „Figaro" setzte hinzu, man müsse sich, um diese Worte in ihrer Tragweite zu verstehen, vergegenwärtigen, daß General v. Bronsart Antisemit sei, „eine unter den deutschen Offizieren nicht seltene Erscheinung". Darauf hat nun der General nachstehende Erklärung veröffentlicht: „Aus der erst heute in meine Hände gelangten Nummer 237 des „Figaro" vom 25. August d. I. ersehe ich, daß in der „Libre Parole" vom 24. d. Mts. Herr Albert Monniot seinen Lesern ein in englischer Sprache geführtes Tischgespräch mitgetheilt hat, bei welchem ich gesagt haben soll: „Hauptmann Dreyfus sei schuldig, er wäre ein Schurke und Spion. (He is a raskal and a spy.)" Diese Erzählung beruht mit allen ihren weiteren Zusätzen auf freier Erfindung, die um so plumper ist, als ich englisch überhaupt nicht spreche. Marienhof i. M., den 30. August 1899. Bronsart v. Schellendorff, Gen. d. Inf." * Entgegen dem vielerörterten Wortlaut des neuen russischen Gewerbesteuergesetzes (812 c.) erfährt die „Centralstelle für Vorbereitung von Handelsverträgen" aus zuverlässiger Quelle, daß durch dieses Gesetz in der Praxis an den Bestimmungen über die Zulassung auswärtiger Juden nichts geändert worden ist. Jüdische Handlnngsreisende können daher unter denselben Bedingungen wie früher die Erlaubniß zur Reise nach Rußland auf kürzere Zeit

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