Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- Seite 422 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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7te]2* 11$?. äjgjjBOMjrj? 422 ab und sagen in einem viel unedleren Sinn als jener griechische Weise: Geh', stör' mir meine Kreise nicht. Und wenn schon die Eigenliebe eine Mauer zieht um unseren Geist und unser Urtheil einengt, um wie viel mehr macht sie uns taub gegen jede Mahnung, die unser sittliches Leben einem Tadel unterzieht. Rabbi Tarphon sagt von seinen Zeitgenoflen, es möchte'ihn wundern, ob es in dem ganzen Geschlecht Einen gebe, der mahnen dürfte, denn wenn er sagte: nimm den Splitter aus deinen Zähnen, würde ihm erwiedert werden: „und du räume den Balken weg, der dicht vor deinen Augen ist." Aber Rabbi Akiba meint, daß sei einezu weite Rücksicht, Keiner sei von Sünden frei, darum sei er der Pflicht nicht ledig, seinen Nächsten zu warnen vor Sünde und Schuld, aber, sagt dieser Meister: wundern möchte ich mich, ob es Einer versteht, zu ermahnen, ob er nicht die Demuth vergißt, ob er nicht durch stolze, hochfahrende Rede geradezu den höhnenden Hinweis auf seine Sündhaftigkeit herausfordert. Da sagte Rabbi Elieser: Ich möchte qm meisten darüber mich wundern, ob Einer Tadel und Warnung annehme und auf sich bezöge. Gesetzt, es zeichnete Einer mit besonderer Genauigkeit den Charakter eines Menschen mit allen seinen Fehlern und Schwächen, so daß für Keinen über das Urbild ein Zweifel herrscht, und nun wird dieses Konterfei dem so geschickt und treffend Gezeichneten selbst in die Hand gegeben, wer glaubt wohl, daß er sich wiedererkennen wird? Der Geizhals kann sich über die Maßen freuen, wenn er auf der Schaubühne sein Ebenbild sieht, vorausgesetzt, daß ihm dieses Vergnügen um geringen Preis geboten wird; der Hartherzige kann mit vollem Beifall eine Schilderung hören über die Rohheit und Verächtlichkeit eines harten und erbarmungslosen Gemüthes; seine Eigenliebe sagt ihui, ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde sei zwischen ihm und diesem Bilde; dem Eigensinnigen wird vorgeführt. wie viel Unheil dieses allzu heftige Beharren auf seinem Willen, die mangelnde Rücksicht und Nachgiebigkeit gegen den Willen der Genoffen schon so oft erzeugt hat, wie der Eigensinn den Frieden der Familien und der Staaten zerrüttet hat, und weit entfernt, ies sich zu Herzen nehmen, preist er sich, daß von dieser Untugend kein Atom in seiner Seele sei; er sei ein zwar fester, konsequenter Mann, aber vernünftigen Gründen, so denkt er, gab er stets willig Gehör. Man kann es getrost bei den Allermeisten wagen, ihnen das getreueste, kein geschmeicheltes und kein schmeichelhaftes Bild ihrer Seele mit all den mannigfachen Auswüchsen und Gebrechen vorznzeigen, und braucht nicht zu fürchten, daß man sie beleidige. Rabbi Elieser hat Recht, in dem ganzen Geschlecht ist Keiner, der eine Warnung annimmt und auf sich bezieht. Es ist oft die Bemerkung gemacht worden, daß die Menschen es nicht ungern hören, wenn sie recht tüchtig ausgescholten und wegen ihrer Sünden zur Rechenschaft gezogen werden. Wie erklärt sich diese Thatsache, da die Demuth doch eine so seltene Waare ist? Einfach daraus, daß Jeder glaubt, all dieses Schelten beziehe sich nur auf die Anderen, er selbst ist natürlich von jedem Fehl frei, und diese Reinheit befriedigt ihn umsomehr, wenn er hört, wie sündig seine Genoffen sind. Die Heilige Schrift hat uns ein Beispiel aufbewahrt, wie dieses thörichte Vorurtheil über sich selbst einen bewährten Mann irre führt, und er in dem Spiegel, der ihm seine Sünde zeigt, diese nicht wiedererkennt. David hatte sich schwer versündigt, da er die Bathseba, das Weib des Uria, in sein Haus nahm, diesem selbst aber bei der Belagerung einer ammonitischen Feste eine so gefährdete Stellung anweisen ließ, daß er ein Opfer des Kampfes werden mußte Md wurde. David war Fürst im Lande; wer wollte ihn richten ob seiner Miffethat; aber Nathan, der Prophet, war nicht gewillt, die Schandthat ungerügt zu taffen, weil der Sünder auf dem Throne saß, und kam zu David und erzählte ihm folgende Geschichte: Zwei Leute wohnten in einer Stadt, der Eine war reich, der Andere arm; der Reiche hatte Schafe und Rinder in großer Zahl, der Arme hatte von alledem nichts; nur ein kleines Lämmlein nannte er fein eigen, das hatte er gekauft und aufgezogen, und es wuchs heran mit ihm und seinem Sohne; von seinem Brode aß es, von seinem Becher trank es, es schlief in seinem Schooße und war ihm wie eine Tochter. Da kam ein Wanderer zu dem reichen Mann, und es that ihm leid, von seinen Heerden zu nehmen, daß er das Mahl dem Gaste bereite, er nahm das Lämmlein des Armen und bereitete es dem Manne, der zu ihm gekommen war. Da wurde David zornig und sprach: So wahr der Herr lebt, todeswürdig ist der Mann, der solches thut; das Vierfache zahle er, weil er die Sünde that, und weil kein Erbarmen sich in seinem Herzen regte. Da sprach Nathan zu David: Du selbst bist der Mann. Warum hast Du verachtet das Wort des Herrn und gethan, was böse ist in seinen Augen; den Uria hast Du erschlagen, und sein Weib hast Du Dir genonnne». Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt vor dem Herrn. Und Nathan sprach: Der Herr verzeiht Deine Sünde; Du wirst nicht sterben. Er starb nicht; Gott ließ ihn leben» um zu bereuen, um in weihevollen Psalmen die ganze Noch seiner gebeugten Seele auszusprechen und seine Zuversicht, daß Gott ein gebrochenes und gebeugtes Herz nicht verächtlich von sich stößt. - Heil dem, sagen die Alten, der Buße thut in den Jahren der Kraft, 'wo er nicht nur den guten Willen, sondern auch die guten Werke tragen kann vor Gottes Thron. Die Scheu freilich vor denr geweihten Haupte des Fürsten war nach dieser Sünde für immer aus seinem Volke und aus seiner Familie gewichen; Empörung folgte auf Empörung, und sein Lebensabend war umwölkt; er trug sein Leid mit Ergebung, und wenn die Qual gar zu groß wurde, da hauchte er in tief empfundenen Liedern den Kummer und die Hoffnung seines Gemüthes aus. Diese Lieder sind Zeugen seiner Seelenpein, seiner Buße und seiner Erlösung; wo immer auf der weiten Erde Menschen zu Gott ihre Gebete senden, in der Sprache Davids klagen sie und jauchzen sie, danken sie und preisen sie; sie sind der Stab geworden, an dem die Gebeugten sich aufrichten, ob nun das Schicksal oder eigene Schuld sie zu Boden geworfen hat. Es ist ein bedeutsames Wort des Alten: Gott habe diese Schandthat nur zugelaffen, damit David lehren könne, wie man Sünden büßt. Hierin nun mochten ihm nur Wenige gleichen; aber in dem Hochmuth, mit dem er den Nathan empfängt, hat er der Genoffen gar viel. Wir haben Alle einen reichlichen Vorrath an sittlicher Entrüstung für die Sünden Anderer; da scheint uns keine Strafe zu schwer, keine Sühne zu hart und unverzeihlich; dieses Wort, das wir ganz ausschließen sollten, kommt jeden Moment über die Lippen; aber wie oft müßte uns eine ernste Lebensprüfung das Wort zurufen, mit dem Nathan den David niedergeschmettert hat: Du bist der Marm. Der Talmud macht darauf aufmerksam, daß in dem Satze der Erzählung: Da kam ein Wanderer, und es that dem Reichen leid um seine Heerden, und er schlachtete dem Gast das Lämmlein des Armen und bereitete es dem Herrn zum Mahle, drei verschiedene Bezeichnungen dem Fremden gegeben werden: Wanderer, Gast und Herr. Dieser Fremde, sagen die Alten, ist der böse Trieb; wie ein Wanderer bittend und schleichend kommt die Sünde in unser Haus, aber bald macht sie sich bequem wie ein gern gesehener Gast, und ehe wir es uns versehen, ist sie der Herr. Und dieser Herrschaft arbeitet am wirksamsten vor die Eigenliebe; sie blendet unser Urkheil und verstockt unser Herz; sie hindert, daß die Wahrheit sich ausbreite durch gegenseitige Verständigung, daß die Sünde sich