Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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63. Jahrgang. Nr. 36. Berlin, 8. September 1893. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von ö?r Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur r Gustav KarpeLes. Begründet vorr Nabbiner Dr Ludwig Phitippson-Konn. Verlags-Expedition: Gerlin, Äerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel r Zum Versöhnungsläae. — Die Woche. — Ein interessanter Brief. Von M. Bessmertnh. — Ein jüdisches Schatzkästlein. Von Hermann Becker. — Ein katholischer Priester. Von A. Bieber. — Feuilleton r Jom Kipur. II. Von Mar ha Rosenberg. — Die Abtrünnige. XXI. Eine Erzählung von Paula Fab er. — Reisemomente. IV. VonG.K. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Posen, Jarotschin, Hamburg, Bad Ems, Wien, Paris, London, Bradford. — Von Nah und Fern. — Geschäftliche Notizen. Zum Versöhnungstage. N. Berlin, 8. September. enn wir zwei Leute zu einander reden hören, so halten wir gewöhnlich die Schlußfolgerung für nicht zu weitgehend, die Betreffenden führten eine Unterredung, einen Dialog, sich gegenseitig über irgend ein Thema zu verständigen. Aber das ist sehr häufig ein gar gewaltiger Jrrthum; wenn wir genau hinhören, so unterscheiden wir dann wohl zwei Monologe, die vielleicht den Gegenstand gemeinsam haben — oft ist dies auch nicht einmal der Fall —, und jeder der Redenden meint am Ende, daß der Andere auf ihn achtet, aber in Wahrheit achtet Jeder nur auf seine eigene Rede, und statt des Dialogs erkennen wir zwei sehr intime Selbstgespräche, Keiner verspürt die Lust, dem Gedankengang seines Genossen zu folgen. Wir sprechen es den tiefen Denkern des Alterthums nach, daß jedes Ding zwei Seiten habe, und diese so fruchtbare Weisheit ist fast zum Gemeinplatz geworden; aber die Meisten gefallen sich darin, die Dinge von einer Seite anzusehen und ihre einseitige Anschauung als die einzig korrekte in die Welt hinauszurufen. Kommt dann ein Anderer, der ebenso heftig die eine Seite-unbeachtet läßt und die zweite hervorhebt, so thun vielleicht die Gegner aus Höflichkeit so, als ob sie einander zuhörten und sich widerlegten, indeß in Wirklichkeit sprechen sie nur sich selbst und ihr Meinen aus mit vollem Behagen und vieler Wärme. Wenn Zwei über irgend einen Gegenstand streiten, so ist es gewöhnlich, wie wenn Del mit Heftigkeit ins Wasser gegossen wird; für den ersten Augenblick gewinnt es den Anschein, als würden sich die Stoffe mit einander vermischen, aber gar rasch trennen sie sich, und ob sie auch in demselben Gefäße sind, sie nehmen nichts von einander an. Und diese Erscheinung des engen täglichen Verkehrs, sie tritt noch deutlicher zu Tage auf der großen Weltbühne, auf dem Schauplatz, wo die gewaltigen Gegensätze der Religion, der Wissenschaft und der Politik sich messen. Denken wir nur an die Versammlungen, in denen die Gesetze des Landes, die Geschicke großer Nationen besprochen werden. Die äußere Form ist so, als bemühten sich diese Männer, sich gegenseitig zu verstehen und zu verständigen. Aber wie bekannt, möchten wohl nur wenige Gesetze zu Stande kommen, sollte daraus gewartet werden, bis die Gegner überzeugt werden; sie werden bewältigt durch die Macht der Ueberzahl. Wir sehen ferner den Tag beherrscht durch den Gegensatz zwischen der religionslosen undreligiösen Weltanschauung; die Naturforscher, welche die Berechtigung der Religion leugnen, sind nicht gerade spröde mit Büchern, um die Angriffe auf die Religion in alle Kreise der Gesellschaft zu tragen, auch die Vertreter der religiösen Ideen find zahlreich und schlagfertig; aber auf beiden Seiten ist die Schaar sehr gering, die da glaubt, man müsse die Behauptungen des Gegners kennen, um zuwiderlegen; der großen Mehrzahl genügt es vollkommen, wenn ihnen ihre Phantasie irgend ein Zerrbild des Widersachers und seiner Ansichten geschaffen hat; das wird bekämpft, beschimpft und ausgelacht, und dann ruht der Kämpfer, als hätte er seine Sache gut gemacht. Wie oft muß, um aus der Unzahl der Beispiele eins herauszugreifen, der schreckliche Rachegott der Juden herhalten, um das Judenthum einfür allemal abzuthun, um es zu brandmarken als einen Glauben für Barbaren! Jeder, der in dieser Litteratur ein wenig Bescheid weiß, wird es erfahren haben, daß dieses Schreckbild mit den grellsten Farben ausgestattet wird, um die jüdische Religion, die solch einen Gott lehre, zu verunglimpfen. Vergebens wird hingewiesen, daß die Schrift an allbekannten Stellen von dein Erbarmen und der Liebe Gottes redet, von seiner Langmuth und seiner großen Huld, vergebens wird hervorgehoben, daß das Gleichniß vom Perhältniß des Vaters zum Kinde, des Bräutigams zur Braut allen Propheten geläufig sei, um die Liebe Gottes zu Israel zu schildern, vergebens reden wir von dem Tage der Versöhnung, der ja ein so sichtbares Zeichen der allwaltenden Liebe, dazu eingesetzt, uni alljährlich die Menschen wieder zu einen mit ihrem Gott. Wie oft dies alles auch öffentlich auseinandergesetzt wird, der finstere, böse Gott der Juden paradirt weiter in all den Schriften, welche die Feindschaft gegen den Glauben Judas predigen. Die Widerlegung ist wie ein Stein, der in die aufgeregte Fluth geworfen wird; diejenige Erregung der Wellen, welche der Stein verursacht, wird verschlungen von den wogenden Fluthen; einstmals war es das Märchen von der Brunnenvergiftung, in weniger kultivirten Gegenden ist es heute noch die Fabel vom Kindermord, die gegen die Juden verbreitet wurde, trotzdem schon vor Jahrhunderten die höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträger der Erde diese Anklagen für nichtig lind grundlos erklärt hatten; heute wird für die Gebildeten ein anderes- Phantom hervorgesucht. Die Mittel sind bequem, wer fragt da, ob sie gut sind. Und dieser Vorgang ist nicht vereinzelt; um Viele zieht die.Eigenliebe einen Wall, daß nur wenig von den Meinungen Anderer, in ihren Geist eindringt;. sie hören zumeist sich selbst oder das Echo ihrer Gedanken, und wer ihnen zur Klärung des. Urtheils von fremden Ansichten reden will, den weisen sie barsch