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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-01 · Heft 35 (1.9.1899) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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63. Jahrgang. Nr. 35. Der Gernrin-ebote. Lerün, 1. September 1899. Weikage zur „Attgerneinen Zeitung öes Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 27. August. Eine wahrhaft dankenswerthe Einrichtung hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu den bevorstehenden Feiertagen durch die Einrichtung eines dritten Jugendgottesdienstes getroffen, der im großen Saale der „Gesellschaft der Freunde", Potsdamerstraße 9, stattfinden wird. In diesem Sinne ist auch nur die Notiz in Nr. 30 zu verstehen, denn der bisher in jenen Räumen abgehaltene Festgottesdienst für Erwachsene fällt, nachdem die Synagoge in der Lützowstraße eröffnet wurde, natürlich aus. Es findet also Jugendgottesdienst seitens der Gemeinde im Saale des Vereins junger Kaufleute, Beuthstraße 20,. in der Aula der Gemeindeknabenschule, Große Hamburgerstraße 27, und in dem obengenannten Saale statt. Außerdem veranstalten auch die Resormgemeinde und die Gemeinde Adaß Jisroel besondere Jugendgottesdienste. Diese Fürsorge für das religiöse Bedürfniß der Heranwachsenden Jugend ist eine der erfreulichsten Erscheinungen in unserem religiösen Leben. Es wird nun Sache der Eltern sein, für ihre Kinder ausgiebigsten Gebrauch von dieser wichtigen Institution zu machen. §2 Berlin, 29. August. Es gereicht uns zu besonderer Genugthuung, heute mittheilen zu können, daß ein Künstler, dessen hauptsächliches Stoffgebiet das jüdische Leben im Osten ist, zu verdienter Anerkennung gelangt ist. Der Kaiser hat dem Wiener Maler Isidor Kaufmann die kleine goldene Medaille der Berliner Kunstausstellung verliehen. Unter den verschiedenen Bildern dieses Malers, der in der Ausstellung der Wiener Kunstgenossenschaft am besten vertreten ist, erregte seine „Jüdische Betstunde" wegen der Originalität des Sujets sowohl wie wegen der Feinheit der Ausführung allgemeines Aufsehen. 22 Berlin, 29. August. Gestern Nachmittag ist in Ischl eines der achtbarsten Mitglieder unserer Gemeinde, Herr Julius Rothstein, im Alter von 69 Jahren gestorben. Der Heimgegangene hatte an der hiesigen Börse Jahre lang als vereideter Makler eine sehr angesehene Stellung inne. Er wußte sich so sehr das Vertrauen der Bank- und Börsenwelt zu erwerben, daß er, namentlich als Matter in russischen Noten, große Erfolge erzielte. Vor wenigen Jahren erst legte er diese Stellung nieder. Leider war es ihm nicht vergönnt, die Zeit wohlverdienter Ruhe mit Behagen zu genießen. Er verfiel bald in eine schwere Krankheit, von der er kürzlich erst genesen war, als er nunmehr in Ischl verstarb. Neben der Geschäftswelt, die ihm nahe stand, beklagen seinen Tod die Stadt Berlin und die jüdische Gemeinde. Selber in hohem Grade wohlthälig, hat er auch in der Armenpflege der Kommune und seiner Glaubensgemeinde eine sehr umfangreiche Wirksamkeit entwickelt. Rothstein war ein glaubenstreuer Jude und hat stets den wärmsten Antheil an allen jüdischen Angelegenheiten genommen. Geradezu sprichwörtlich war Rothsteins gutes Gedächtniß, das ihn ebensowohl in seiner Thätigkeit in der Armenpflege als auch in seiner Eigenschaft als Geschäftsmann unterstützte. Ein Sohn des Verstorbenen ist der bekannte Bankdirektoc Rothstein in Petersburg, ein zweiter der Privatdozent Dr. Rothstein an der hiesigen Universität, ein Schwiegersohn der.Direktor des Schiller-Theaters Dr. R. Löwenfeld. Das Andenken des vortrefflichen Mannes sei gesegnet! £2 Berlin, 25. August. Am 19. d. M. ist in Bormio einer der angesehensten hiesigen Industriellen, der Fabrikbesitzer Anton Lehmann, im 66. Lebensjahre plötzlich gestorben. Bis dahin völlig gesund, erlag am jüngsten Sonnabend der alte Herr plötzlich einem Gehirnschlage. Lehmann ist in den letzten Jahren wiederholt in der Oeffentlichkeit genannt worden. Er war der erste Vorkämpfer sür die Ostlinie des großen Schifffahrtsweges von Berlin nach Stettin und in diesem Kampf unermüdlich. Der neugegründete „Binnenschifffahrtsverein sür die wirthschaftlichen Interessen des Ostens" wählte ihn daher auch zu seinem ersten Vorsitzenden. Der Verstorbene war Mitbesitzer der Anton und Alfred Lehmann'schen Plüsch- und Wollwaarenfabrik in Niederschöneweide, die jetzt einer Aktiengesellschaft gehört. Die Beerdigung des angesehenen und wohlthätigen Mannes fand heute unter zahlreicher Betheiligung statt. Die Zeug- und Raschmacherinnung von Berlin und die Weberinnung aus Nowawes waren mit Fahnen erschienen. Die Gemeinde Niederschöneweide widmete einen großen Kranz, die Feuerwehr dieses Ortes hatte eine Abordnung in Uniform geschickt. Vertreten waren ferner der Verein zur Beförderung des Gewerbfleißes, der Hilfsverein für Märkisch-Friedland, die städtische höhere Webeschule, der Binnenschifffahrtsverein sür die wirthschaftlichen Interessen des Ostens, die Berliner Cementbauaktiengesellschaft und andere Vereine und Gesellschaften, denen der Verstorbene nahe gestanden hatte. Eine ergreifende Gedenkrede hielt Herr Prediger Dr. Levin. Er legte seinen Ausführungen Psalm 84, 6-8 zu Grunde und wies darauf hin, wie der Verewigte sich die Wege des Herrn zu Herzen genommen, indem Recht und Wohlwollen seine Leitsterne waren; er öffnete im Erdenthale stets neue Segensquellen durch seine rastlose Arbeit, er schritt von Werk zu Werk, bis er zur Himmelshöhe aufstieg. Friede seinem Andenken! 8. Berlin, 27. August. Heute Nachmittag fand in feierlicher Weise die Einweihung der in der Liesenstr. 3 neuerbauten Synagoge der Gemeinde des Israelitischen Religionsvereins der Oranienburger Vorstadt „Ohel Jizchak" statt. Der Zugang zur Synagoge wie letztere selbst waren mit Guirlanden und Topfgewächsen geschmückt. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt; vom Vorstand und dem Repräsentantenkollegium der Jüdischen Gemeinde waren die Herren Goldschmidt, Leonhard Sachs und Löwenberg erschienen. Nachdem der Kantor Davidmann unter Begleitung eines Männerchores in wirkungsvoller Weise „Ma tauwu“ gesungen hatte, vollzog Rabbiner Dr. Lieber mann in feierlicher Weise unter Segensspruch das Anzünden der ewigen Lampe. Unter abermaligem Gesang fand dann das Ausheben und der Umzug der Thorarolleu statt. Unter den Klängen des „Uw’nuchu jaumar“ wurde die heilige Lade geschlossen. Alsdann bestieg Rabbiner Dr. Liebermann die Kanzel und hielt unter Zugrundelegung des Traums Jakobs und dessen Worte: „Wie erhaben ist dieser Ort, dies ist nichts anderes als ein Gotteshaus, dies ist die Pforte des Himmels" eine gedankenreiche und formvollendete Predigt. Der Redner wies darauf hin, daß die Weihe mit um so innigerer Freude seitens der Begründer und mit um so herzlicherer Theilnahme seitens der ferner Stehenden begleitet werde, als die Hingabe Anerkennung zu erwecken verdiene, die eine bescheidene, von Jahr zu Jahr wachsende Schaar zur Ausstattung ihres heiligen Versammlungsortes bethätigt hätte. Nachdem der Chor den letzten Theil des Psalms 24 („Raget empor, ihr Thore . . .") gesungen, weihte Dr. Liebermann mit innigen, zu Herzen gehenden Worten das neue Gotteshaus ein und sprach das Gebet für Kaiser und Reich. Mit dem Chorgesang des Hallelujah — Psalm 159 — endete die würdige Feier der Weihe des neuen Gotteshauses, deren schöner Verlauf dem Verein zur Freude und zur Genugthuung gereicht. S£S Berlin, 28. August. Um einem fühlbaren Bedürfniß zu entsprechen, hat sich innerhalb unserer Gemeinde eine „BereinigtePensions- Gesellscha ft auf Gegenseitigkeit" gebildet, deren Tendenz darin besteht, älteren Männern und Frauen guten Mittelstandes ein trautes, angenehmes Heim zu bereiten und gute bürgerliche rituelle Kost und Wohnung bestmöglichst zu beschaffen. Unbescholtener Ruf ist natürlich vorausgegesetzt. Das Eintrittsgeld eines Mitgliedes beträgt 3 Mark. Die Preise monatlich zwischen 62—75 Mark, je nach dem Zimmer. Die Abschlußrechnungen erfolgen halbjährlich öffentlich in der Versammlung der Mitglieder. Selbstverständlich ist jedes Geschäftsinteresse bei dem rein humanen Unternehmen ausgeschlossen. Hervorzuheben ist noch, daß nur Aufnahme durch strenge Ballotage erfolgt, so sich eine passende Gesell-

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