Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 419 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 419 -- Neisemomente. in. St. Moritz, Ende Juli. ch habe einen Freund in Berlin, der alle guten und schönen Eigenschaften in sich vereinigt und blos einen einzigen Fehler hat: er schreibt zu wenig für die „Allgemeine Zeitung des Judenthums", obwohl er ganz das Zeug dazu hat. An diesen Freund mußte ich auf der ganzen Reise von Karlsbad durch Tirol über die höchste Fahrstraße Europas, das Stilfser Joch, durch Italien über den Berninapaß nach dem wundervollen St. Moritz denken. Sein Lieblingscitat auf Reisen ist nämlich der Vers aus Heines „Harzreise": Auf die Berge will ich steigen. Wo die frommen Hütten stehen. Ueber diese „frommen" Hütten hatte ich sogar einmal einen lebhaften Disput mit ihm. Aber auf meiner Schweizer Reise habe ich Heinrich Heine und meinen Freund besser verstehen gelernt, seit ich inmitten der Gletscherriesen des Engadin eine solche fromme Hütte, nämlich das Edelweiß, kennen gelernt habe. Dieses Edelweiß ist nun aber nicht etwa, wie sich ein unkundiger Leser vorstellen könnte, eine Alpenwirthschaft mit schmucken Sennerinnen, mit Kuhreigen und Emmenthaler Käse, sondern im Gegentheil: eine koschere Pension in St. Moritz, die diesen alpinen Namen sich beigelegt hat, und zwar eine streng koschere, ja eine so strenge, daß der Besitzer nicht einmal in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" z» inseriren wagte. In dieser Pension habe ich mich nun eingemiethet. Auf die Frage, warum? antworte ich mit meinem Freunde Chajjim Grünwald (s. die vorige Nummer): Darum! Im Uebrigen will ich aber gleich von vornherein bemerken, daß man im ganzen Engadin nirgends besser aufgehoben sein kann als im Edelweiß. Wohnung, Verpflegung, alles ist vorzüglich, und mit Neid haben verschiedene Bekannte, die im Hotel du Lac gewohnt, unsere Mittagbrode mit angesehen. Auch wer auf gute Behandlung sieht, ist dort vortrefflich aufgehoben. Die Pension ist, wie gesagt, eine streng orthodoxe, aber es herrscht ein Geist der Duldung und Toleranz gegen .Andersgläubige, sogar gegen Reformjuden, der wahrhaft erfreulich ist. Hier fallen alle Schranken der Partei, hier sind alle Unterschiede aufgehoben, und wenn ich meine glaubenstreuen Freunde aus dem Edelweiß richtig beurtheile, so beschäftigen sie sich allen Ernstes mit der Idee, den Reformjuden volle Gleichberechtigung zu gewähren. Und das will bei der Zusammensetzung der Pension viel sagen, in der alle Nuancen unsererOrthodoxie, von der rigorosesten süddeutschen Rechtgläubigkeit bis zu dem bekannten Berliner Konservatismus, vertreten waren. Nichtsdestoweniger wurde der Friede und die Eintracht auch nicht einen Augenblick gestört; ja man konnte sich manches Mal in jene Zeit versetzt glauben, die der Prophet so poetisch schildert, und in der der Wolf neben dem Lamme lagern, und der Säugling... doch ich will dies Bild aus Rücksicht auf die ebenso hübsche wie prüde Hamburgerin, neben der ich zu sitzen die Freude habe, nicht weiter ausmalen, da sie es trotz seines prophetischen Ursprungs doch sicher „etwas zu st—ark" finden würde. Wir haben uns aber auch sehr brav aufgeführt und die Milde, mit der man uns verirrte Schafe behandelte, wohl verdient. Wir haben nie gefehlt, wenn es galt, Minjan zu machen, wir haben beim Mesumen-Benschen wacker mitgearbeitet und die Semirot so fleißig mitgesungen wie nur irgend Einer. In der That, hier wurde mir nun erst der Eingangs citirte Vers von Heine recht klar und verständlich. Nur da, wo die frommen Hütten stehen, erschließt sich frei die Brust, und wehen frei die Lüfte. Wer da glaubt, daß unsere Orthodoxen stets mit gesenktem Haupte und mit der Miene frommer Demuth einhergehen und beständig an neue Erschwerungen im Gesetz denken, der irrt gewaltig. Die moderne Orthodoxie ist, ohne sich in religiöser Beziehung auch nur das Geringste zu vergeben, mit Heiterkeit und Lebensfreude, mit Klinst und Naturgenuß sehr gut vereinbar, und seitdem einer der Herren in einer Alpenwirthschaft die Entdeckung gemacht hat, daß man bei der Bereitung des Schweizer Käses gar keinen Kälbermagen hinzunehme, giebt es überhaupt nur noch wenig trennende Schranken zwischen uns. Der ausgezeichnete Schalet der Frau Bermaun vereinte uns alle in inniger Liebe, und als wir diese koschere Ambrosia vertilgt hatten, machten zwei Mitarbeiter des „Israelit" den verwegenen Versuch, mich in höchster Ekstase zu umarmen. Und dies alles, trotzdem wir Reformjuden in der Pension in erdrückender Minorität waren. Unsere ganze Fraktion bestand im Grunde genommen nur aus drei Personen: aus einem bekannten und energischen Vertreter der Reform in Frankfurt a. M., aus meiner Wenigkeit — und aus einem ungarischen Richter, der in die Pension gekommen war, ohne zu wiffen, daß es eine jüdische sei! Ob unter den anderen Anwesenden nicht auch irgendwelche stille Anhänger unserer Ideen waren, vermag ich nicht zu sagen. Wir haben aber — und dieses Zeugniß wird uns Niemand verweigern — nicht die geringste Propaganda gemacht. So war die ganze Pensionsgesellschast thatsächlich eine einzige große Familie, die sich in herzlicher Freundschaft zusammengefunden hatte. Ein berühmter Berliner Litterarhistoriker, deffen Name jüngst wieder die Runde durch alle Zeitungen machte, der Schutzgeist des Edelweiß, der geistvolle und gelehrte Chiefrabbi von England mit seiner anmukhigen Tochter, ein Berliner Seminarlehrer, deffen ernstem und strengem Gesicht man im Winter unmöglich ansehen kann, wie heiterer im Sommer sein kann, und wie viele gute jüdische Witze er im Kopfe hat, ein Vertreter der konservativen Partei in der Berliner Gemeindestube, von dem ich nur sagen kann, ich wünschte, daß alle Berliner Konservativen so wären wie er, ein orthodoxer süddeutscher Rabbiner, der als Geschichtsforscher ebenso bedeutend ist wie als Bergsteiger, ein süddeutscher Orgelrabbiner und ein norddeutscher Reformrabbiner, die ihm darin gleichkommen, ein russischer Bankier, der, wenn ich nicht irre, Mitglied irgend eines zionistischen Komitees ist und immer am lautesten auf die Zionisten schimpfte, ein anderer russischer Bankier, der diese wiederum energisch vertheidigte, ein Herr aus Amsterdam, der, wie mir scheint, allen Anderen in der Orthodoxie „über" ist, ein jüdischer Onkel Bräsig; ferner ein Bilder- und ein Antiquitätenhändler aus Paris, Beide sehr elegant, sehr vornehm und sehr orthodox, zwei Frankfurter Herren, von denen der eine der Breuer'schen und der andere der Horowitz'schen Observanz angehört, und die sich hier ganz gut mit einander vertrugen, ein oberschlesischer Industrieller, der sich um die Boryslawer Arbeiter große Verdienste erworben hat, ein streng frommer Fabrikant aus Kiew, der sich über die deutsche Orthodoxie lustig machte — ich könnte die Liste noch lange fortsetzen, uni zu zeigen, wie bunt da? Kaleidoskop war, das unsere Pension darbot. Und nun denke man sich dazu die entsprechende Weiblichkeit: hübsche, liebenswürdige, gebildete Frauen und Mädchen aus Berlin und Frankfurt, aus Karlsruhe und Budapest, aus Paris und London. Wie das durcheinander schwirrte und schwatzte, es war eine rechte Lust, zu schauen und theilzunehmen. Daß ich's nur gestehe: ich habe mich mir sehr schwer von der Pension Edelweiß getrennt, und ich werde immer an die schönen Tage zurückdenken, die ich dort im Verkehr mit gelehrten, geistvollen