Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 418 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 418 —- hatte ihr eine der stolzesten und hochmüthigsten Frauen der Stadt entgegnet: „Wenn Sie dann noch nicht zu uns kommen wollen, liebe Frau Geheimrath, dann kommen wir, falls Sie es erlauben, zu Ihnen, bis es unseren Bitten gelungen ist, Ihr Sträuben zu überwinden, nicht wahr?" — eine aus jenem Munde geradezu unerhörte Liebenswürdigkeit. So blieb es. Sie nahm die dargebotenen Freundlichkeiten dankbar an, im Inneren überzeugt, daß alle Aufmerksamkeiten vielmehr der Wittwe des großen Heimgegangenen als ihrer eigenen Person galten, und bei dem leidenschaftlichen Kultus, den sie mit seinem Andenken trieb, deshalb noch erkenntlicher dafür, als sie es ohnehin gewesen wäre. Wäre die eine tiefe Trübung nicht gewesen, sie hätte sich mit ihrem, des eigentlichen Lichtes freilich, seit ihr Emanuel von ihr gegangen, für immer beraubten Dasein leidlich zufrieden gefühlt. Die Mntter dagegen verfolgte die äußeren Ereignisse im Leben ihrer Tochter mit verstohlenem, aber darum nicht minder gespauntein Antheil. Wenn Alphons ihr von Regina erzeigten Ehren berichtete, glitt wohl ein gewisser Schimmer von Genugthuung über ihr ernstes Gesicht. Zu einer direkten Aeußerung ließ sie sich indeß selten hinreißen. Und fast schien es, als sollte es lange, vielleicht immer so bleiben. * Der Abend vor Purim war herangekommen. Simonette da Silva ging durch die beiden großen, dem Festabend zu Ehren glänzend erleuchteten Prunkzimmer im ersten Stock ihres Hauses langsam auf und nieder. War es die mit den Festen für sie unzertrennliche Empfindung stiller Weihe, die vom Alltage abweichende Umgebung überhaupt, ihr war sonderbar feierlich zu Muthe. Die Wachskerzen der Kronleuchter, die großen Lampen auf den Seitentischen tauchten die beiden weiten Räume in ein Meer von Licht, das, von den großen Pfeilerspiegeln zurückgeworfen, einen Widerschein auf die weißseidenen Damastdecken auf den Mitteltischen, auf die gleißenden rothatlassenen Vorhänge und Möbelbezüge, auf das massive, alterthümliche, blitzende Silber auf der großen Kredenz sollen ließ. Unhörbar glitt ihr Fuß auf dem dicken Teppich dahin. Wie schön war's hier und wie öde! Sie strich mechanisch an der schweren schwarzen Seide ihres Gewandes herunter und trat dann, ebenso mechanisch, vor einen Spiegel, um einen prüfenden Blick auf ihre Gesammterscheinung zu werfen. „Wofür eigentlich?" dachte sie bitter, „Alphons bin ich recht, wie ich bin. und weiter kommen wird Niemand." Es war alles in Ordnung. Die breite schwarze Spitzencoiffüre, die den schneeweiß gewordenen Scheitel bedeckte, die dem Festtage zu Ehren gewählte Brosche mit den schönen Solitären, die sich durch Generationen der Silvas schon vererbt hatte, alles war an seinem Platz. „Warum kleidest Du Dich so entsetzlich alt?" hatte Alphons sie vor einiger Zeit, als ihm der besonders matronenhafte Schnitt ihrer Gewänder aufgefallen war, gefragt. „Weil ich alt bin!" hatte sie kurz geantwortet, und dann noch schärfer hinzugefügt, „und ich danke Gott dafür, daß dem so ist." Ja, sie war eine alte Frau geworden. Gebleicht das Haar, voller Furchen die Stirn, nur die gebietende Haltung war die gleiche geblieben. Und doch, während sie ab und zu ging, hier einen Stuhl, dort ein Buch halb gedankenlos anders schiebend, meinte sie in ihrem rückschauenden Sinnen, nicht seit gestern, nicht seit einem Jahre war das Alter über sie gekommen. Des Lebens volle Kraft und Frische hatte sie schon verlassen vor sechzehn Jahren, als ihre Tochter von ihr gegangen war, um nicht wiederzukehren. Wie kam's, daß es heute vor ihrem Ohr beständig tönte: „Regina!" . . . Die ganze Atmosphäre war von süßem Veilchenduft erfüllt, den sechs verschieden große, in Vasen befindliche Sträuße in die Lüste hauchten. Die beiden größten waren, unverkennbar mit einer gewissen Absichtlichkeit, auf den Tisch vor dem Platz der Hausfrau auf dem Sopha gestellt worden. Dies war etwas ganz Neues, von den bisherigen Gepflogenheiten hier im Hause, wo sich alles, bis auf die unbedeutendsten Kleinigkeiten, in den Bahnen langjährigen Herkommens bewegte, Abweichendes. Vor Jahr und Tag hatte Ina es eingeführt, daß die Kinder, wenn sie die Großmutter am Purimfeste selbst besuchten und von ihr, der Vorschrift entsprechend, zu diesem recht eigentlichen Freudenfeste der Israeliten reich beschenkt wurden, ihr dafür als Gegengabe einige Blumen, einen Frühlingsgrnß, brachten. Mit welcher Freude hatte sie immer die manchmal von den unbeholfenen Kinderfäustchen arg zerdrückten Blüthen entgegengenommen, wie lange vorher schon auszukundschaften gesucht, was die verwöhnten Kleinen sich wünschten, mit welcher Genugthuung den Eltern der Kinder ihre Einkäufe, die sie dort auf jener Boule-Chiffonniere aufzuspeichern pflegte, am Abend zuvor gezeigt! . . . Wie hatte Raphael dann halb gerührt, halb mißbilligend den Kopf geschüttelt und gesagt: „Aber, Mutter, Mutter, Du verziehst die Kinder zu arg!" Und dann hatte Ina gelacht und gejubelt, als sei sie selbst mit all den Sachen beschenkt worden, und hatte bei ihrem Mann gebettelt: „Laß die Mama doch gewähren! Solch bischen Verwöhnen ist doch zu nett!" Ach, und das Entzücken der Kinder am anderen Tage! Wie hübsch war das alles gewesen! Auch im vorigen Jahr hatte noch Jegliches stattgefunden wie sonst. Sie hatte damals noch mit doppeltem und dreifachem Eifer herbeigeschafft, wovon sie irgend glaubte, es werde den Waisen ihres verstorbenen Sohnes Freude bereiten. Und bald danach war zwischen ihr und Ina alles zu Ende gewesen. Heute bleibt die Chiffonniere leer. Aber heute Vormittag sind alle sechs Kinder hier gewesen. Und als sie die anmeldende Judith mit der Abweisung, sie habe Kopfschmerzen und wolle Niemanden sprechen, wieder hinausgesandt hatte, da hatte sie auf dem Hausflur Ellas, ihres besonderen Lieblings, helle Stimme gehört: „Dann gieb Großmama die Veilchen, Judith, und sag' ihr, morgen kämen wir wieder und brächten ihr wieder welche und fragten, ob wir sie nicht sehen dürften!" „Sie braucht uns gar nichts zu schenken!" hatte eins der jüngeren Kinder gerufen. „Nein!" das war wieder Ellas süße Stimme, deren Klang die Einsame stets so sehr an eine andere, noch viel länger nicht gehörte, erinnerte, gewesen, „nur sehen möchten wir sie so schrecklich gern!" Darauf hatten sich all die Kinderfüße wieder entfernt, und zum Schluß hatte ein ganz feines Stimmche», das des Nesthäkchens, dem zusammenhängendes, verständliches Reden im vergangenen Jahr noch ganz entsetzliche Schwierigkeiten machte, schon halb von der Straße wichtig und deutlich artikulirt zurückgernfen: „Grüß Großmama!" (Forts, folgt.)