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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1899-09-01 · Heft 35 (1.9.1899) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
63 (1899)
Issue
Heft 35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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41t auch Wohl die Hoffnung auf, daß der Hapun am Ende doch vielleicht gerade den Jankel geholt haben könnte, und dann wäre er ja auch seiner Schuld quitt. Ja, dieser Gedanke, keimte in ihm mächtig auf, und eine Reihe anderer, ähnlicher beschäftigten ihn, während er seinen Weg zur Mühle fortsetzte. Erst das heimliche Liebesgeflüster eines jungen Paares und deren erschrecktes Zurückweichen in die Sträucher am Wege brachte den noch jungen Müller auf andere Gedanken, es wurde ihm fast freudig zu Muthe. Er stand ein Weilchen nachdenklich, bog dann zur Seite, übersprang einige Gesträuche und ging durch die Gärten zur nächsten Hütte. Es war ein zur Erde gebeugtes kleines Nest mit kaum erkennbar winzigen Fensterlein, das von innen nicht beleuchtet war. Die Wittwe drinnen mit ihrer Tochter hatten wohl nichts zu essen noch zu brennen. Er klopfte zweimal ans Fenster und trat dann zur Seite. Er stand nicht lange, da umschlangen zwei volle Arme seinen Hals, und zwei Mädchenlippen brannten in heißem Kusse auf seinem Munde. „Filipchen, Du mein Erwünschter, so kamst Du doch," flüsterte das Mädchen schmeichelnd, „und ich dachte schon, ich müßte vertrocknen, wie die Wurzel ohne Wasser." Der Müller preßte das Mädchen stumm an sich, und dieses fragte ermuthigt: „Nun, nicht wahr, zum heiligen Philipp giebt's Hochzeit?" — Das war aber keineswegs nach seinem Geschmack, denn er meinte es nicht ernst, I und nach der Seite blickend, sagte er: „Ach, wie Du doch bist, Hela, Du denkst gleich an Hochzeit machen! Wie soll das angehen, wenn ich jetzt doch, wo der Vater todt, selbst Müller geworden bin und vielleicht der erste Mann im Dorfe werde, und Du bist einer armen Wittwe Tochter!" Wie von einer Schlange gebissen sprang das Mädchen zurück und griff nach dem Herzen. „Ach, ich dachte .... mein armer Kopf. So, gemeine Seele, und weshalb hast Du denn ans Fenster geklopft?" „Weil ich den Rubel haben will, den Ihr mir schuldig seid. Ich klopfte nach Deiner Mutter, was fliegst Du auf mich los und küffest mich?!" Das von ihm so lange umworbene und sich nun so schnöde genarrt fühlende Mädchen geberdete sich wie wahnsinnig. Scham und Wuth erfüllte sie ganz, und ihre Fäuste ballten sich. „So, Du Wucherseele, aus einem halben ist schon ein ganzer Rubel angewachsen, hast noch wenig und kommst zu mir nach Prozenten. „Fort, frecher Mensch!" schrie sie. Der Müller wich zurück, sie verfolgte ihn. Erst die Alte, welche der Lärm herbeigerufen hatte, und die sich, außer Stande, zu zahlen, wie so viele arme Wittwen, vor dem Müller demüthigte, brachte den Streit endlich zum Schweigen. Das arme Ding verfiel in ein krampfhaftes Weinen, und der Müller, froh, endlich fortzukommen und gebrochen zu haben, bewilligte der armen Wittwe noch einen Monat Frist, aber sie müffe dann 10 Groschen Prozent zulegen. Er sei kein Jude und habe ein Herz. Ein Anderer würde wohl 20 Groschen verlangen. Er würde auch vielleicht nicht drängen, aber ein Reicher habe auch seine Ausgaben, und er sei dem Juden auch schuldig und müffe ihm auch abgeben. Die arme Alte bat ihn noch, zu verzeihen, und so ging er. Die Mutter tröstete das Mädchen, es sei wohl Gottes Wille so, doch diese erwiederte schluchzend: „Oh, Mutter, Mutter, hättest Du mich ihm doch wenigstens die Augen auskratzen lassen, mir wäre viel leichter!" (Forts, folgt.) Die Abtrünnige. Eine Erzählung von Paula Faber. XX. ine gewaltige Erschütterung war es aber auch für Frau Simonette gewesen, als sie eines Tages, von einer Ansfahrt heimkehrend, an ihrer Tochter und Ina mit den ältesten Kindern vorübergefahren war. Sie hatte schnell den Kopf abgewendet, um das eifrige Winken und Grüßen der Kinder nach der im Wagen sitzenden Großmama nicht zu sehen. Eine furchtbare Bitterkeit hatte sich ihrer bemächtigt. So standen sie alle zusammen, gegen sie allein! Im Fluge hatte sie gerade noch gesehen, wie zärtlich und liebevoll sich Regina zu der kleinen Ella herabbeugte. Alis Alphons gelegentlichen Erzählungen wußte sie, eine wie große Kinderfreundin die Kinderlose war. Wie ihr die liebliche kleine Schaar wohl gefiel! Und die Kinder hatten sich ihrerseits ja von jeher so gewaltig für die ferne Tante interessirt! Wie hatte sie ihnen, wenn sie sich mit ihnen ganz allein wußte, immer so viel und so gern von der „kleinen Regina" erzählt, beständig von Neuem angespornt durch das eifrige Bitten der rosigen Kinderlippen! „Noch mehr von Deiner kleinen Tochter, Großmama!" Gewiß schlossen sie sich jetzt aus voller Seele an die schöne, freundliche Tante au. Die alte Großmutter war darüber sicherlich längst völlig vergessen! Und dann meinte sie wieder das ungeduldig-bedauernde Achselzucken der Mutter dieser Kinder zu sehen, die Worte, mit denen sie damals, fortgehend, die letzte Auseinandersetzung zwischen ihnen beiden abschloß, wieder zu hören: „Du hast es so gewollt, Mama!" Ja, sie hatte es so gewollt! Aber schwer war es doch!- Regina lebte sich inzwischen, so gut oder schlecht es ging, in die alten Verhältnisse wieder ein. Sie hatte von ihren ehemaligen Freunden noch manche wieder vorgefunden und die früheren Beziehungen erneuert. Ihre Schwägerin war ihr mit schwesterlicher Herzlichkeit entgegengekommen. Und sie, die ihre aumuthige Namensschwester stets sehr gern gehabt hatte, vergalt, in ihrer jetzigen Vereinsamung für die dargebrachte Zuneigung doppelt empfänglich und dankbar, von ganzer Seele Gleiches mit Gleichem. Ueber Mangel an Entgegenkommen im weiteren Sinne konnte sie sich überhaupt nicht beklagen. Man suchte ihr nach Kräften, soweit es für Fremdere zulässig war, zu zeigen, daß man bei dem Zerwürfniß zwischen ihr und ihrer Mutter, von dem selbstverständlich in ihrem Kreise ein Jeder wußte, ihr Recht und Jener Unrecht gab. Gerade heraus ihr etwas darüber zu sagen, wagte indessen Niemand. Sie hatte eine eigene, stark an ihre Mutter erinnernde Art, dahin zielende taktlose Bemerkungen zu überhören, und ließ sich mit keinem Menschen in eine Diskussion über die Angelegenheit ein, nicht einmal mit ihrer Schwägerin. Sie machte sich, ihrer ganzen Veranlagung entsprechend, nach Kräften zu thun, begann, sobald sie einigermaßen installirt war, sich an allerhand gemeinnützigen Bestrebungen zu betheiligen, um ihre Tage, ihrem einst geäußerten Prinzip gemäß, möglichst nützlich hinzubringen. Ihre hierbei entwickelte Thätigkeit und zugleich auch der große Name ihres verstorbenen Gatten hatten als nächste Folge, daß sich ihr die Pforten der Häuser von manchen Nachkommen jener starrsinnigen Patrizier, von denen sie einst behauptet hatte, sie haben ihre Vorfahren zu finden gewußt, wenn sie sie brauchten, um sich ihrer dann bei der ersten paffenden Gelegenheit summarisch zu entledigen, öffneten. Als sie nun jenen Avancen mit der sie von jeher auszeichnenden ruhigen Zurückhaltung begegnete und gleichzeitig alle Einladungen mit dem Hinweis auf ihr Wittwenthum ablehnte, da

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