Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 63 (1899)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Si^jl^SWffjyS^ragHjSPg^ —■— 416- -'; EUILLETON fCT Jom Kipur. Lin kleinrussisches Märchen. Frei nach Mladimir Aorolenko. Von Marya Rosenberg.!. ine Helle Herbstnacht. Am Himmel wandelt der silberne Mond, funkeln und blitzen die Sterne, leichte Wölkchen entstehen »>id ziehen hin gleich Nachtwandlern am Wege. Der Wald schweigt >vie verzaubert, der Bach murmelt schläfrig dahin, und es lispelt in dem Wachholder am Ufer. Etwas Geheimnißvolles ruht über der Natur, und Wunderbares kann sich da wohl ereignen. Aus dem Dorfe schreitet der Müller, er kehrt nach der Abendmesse nach seiner Mühle zurück, die etwa l'/s Werst entlegen ist. Er hat milgesungen im Chor und dann beim Pfarrer einige Glas Thce genommen, auch ein Fläschchen guten Kräuterbranntweins hatten sie gänzlich geleert. Der Mond steht bereits hoch, die Dorfleute schlafen zum Theil, manche Alle» sitzen vor der Thür und grüßen, Andere verhalten sich schweigend. Vor solchen bleibt er wohl flehen und sagt spöttisch: „Seid mir hübsch gesund, schweiget oder nicht, aber morgen zahlt mir nur Eure Schuld zum Termin, ganz früh, ich werde nicht warten, daß Jhr's nur wisset." Aergerlich geht er weiter, sein schwarzer Schatten mit ihm, und es verdrießt ihn, daß der so schwarz ist und sein Kittel doch so weiß. Jetzt kommt er zur Schenke des Juden Jankel auf dem Hügel an der Ausfahrt vom Dorfe. Es ist Sonnabend Abend, und doch ist der Jude nicht drinnen, sondern der christliche Miethsbursche Harko, der ihn und seine Familie vertritt am Sabbath und den Feiertagen. Er zündet daun Licht und Feuer an, nimmt mit seinen Händen das Geld von den Leuten, denn für die Juden ist's Sünde. Der Jankel lind die Seinen beobachten dann nur mit mißtrauischen Augen, ob nickt etwa ein Sechser statt in die Kasse sich in Harkos Tasche verirrt. — „Ein listig Volk das, oh, listig," denkt der Müller. „Sie verstehen ihren Gott zu befriedigen und auch den Groschen zu wahren. Ja, ein kluges Volk." Cr wundert sich, weshalb der Jude nicht zu Hause ist. und Harko erklärt ihm, daß er zum Jom Kipur in die Stadt gegangen, beten. „Ah!" pfeift der Müller und blickt hinein in die Hütte, da ist auf dem Fußboden Heu und Stroh ausgebreitet, in doppelten und dreifachen Leuchtern brennen dünne Wachslichter, und mau hört ein Gesumme wie von vielen großen Bienen. Da sitzt das junge Weib Jankels, zweiter Ehe, und seine Kinder und murmeln mit geschlossenen Augen eigenartige Gebete, von denen man kein Wort begreifen kann. Und doch ist etwas Wunderbares in diesen Gebeten, als ob in dem Inneren dieser Juden ein Anderer säße und mahnte und weinte und flehte. ^Um was? Wer weiß es? Doch aber ist's etwas anderes als um Schenke und Geld. Den Müller überläuft's unheimlich. „Und Du sagst, Harko, daß Jankel in die Stadt gefahren ist. Wie hatte er Lust dazu? Und wenn nun der Hapun ihn gerade greift?" Harko. der ausgediente Soldat, lachte. „Ist schon möglich. Ich möchte lieber in meiner Hütte bleiben, da würde er mich nicht holen." „Und warum?" „Wunder auch, wenn Ihr Mütze wählen sollt oder Handschuhe, wo geht Ihr hin?" „Gewiß in den Laden I" „Und warum in den Laden?" „Potz, weil im Laden viel davon da sind!" „Nun, seht Ihr, in der Synagoge' giebt es'auch viele Juden. Ein Narr wäre der Hapun, wenn er statt dort erst^diej.Wälder und Dörfer durchsuchen sollte, wo nur hin und wieder ein Jude da ist. Er hat nur einen Tag im Jahre und darf nur einen Juden greifen, Zollte er da noch umsonst laufen?" Der Harko war ein schlauer und vorwitziger Bursche, und es ärgerte immer den Müller, daß er alles besier wißen mußte. Diesem war die Sache mit dem Hapun nicht recht klar, aber er schämte sich, zu fragen, was damit sei, denn der Harko« gab immer solche spitze Gegenfragen, um zu beweisen, daß er mehr Erfahrung und Scharfsinn habe als alle die Klugeir und Reichen im Dorfe. Und doch wollte er was Näheres hören und mußtHden Spott des Reservisten hinnehmen, der nach langem Hin- und Herfragen endlich etwa Folgendes erzählte: Der Hapun wäre so ein besonderer jüdischer Satan, ähnlich dem christlichen, ebenso schwarz und ebenso gehörnt, mit Flügeln wie eine große Fledermaus, aber er trägt jüdische Haarlöckchen, ein jüdisches Käppchen und habe gewöhnlich nur Macht über Juden. Vor einem Christenbruder, und treffe er ihn allein um Mitternacht, laufe er davon wie ein geängstigter Hund. Einen Juden aber dürfe er sich nur jedes Jahr holen, und zwar am Jom Kipur. Und das fürchten sie, und darum beten und schreien sie so jämmerlich und beschütten ihr Haupt mit Asche. Und wenn der Abendstern am Himmel erscheint, da fliegt der Hapun um die Synagoge herum, schlägt mit den Flügeln an die Fenster und dringt hoch oben hinein, senkt sich immer tiefer, und Alle fallen ängstlich zur Erde, wagen nicht aufzusehen, es umweht sie kalt von seinen Flügeln, und der, den er sich erspäht hat, fühlt, wie sich die Krallen des Satans in seinen Nacken graben, er schreit verzweifelt, aber selbst der Nachbar, der es hört, duckt sich, froh, daß es nicht sein Loos ist für diesmal. Und wenn sie nun Alle hinausgehen und ihre Pantoffeln angezogen haben draußen im Flur des Bethauses, da bleiben ein Paar verwaist stehen, und der Schuldiener sendet dem unglücklichen Bruder einen langwimmernden Trompetenton nach, der Christ und Jud' tief ins Herz schneidet; der Hapun aber schleppt sein Opfer weit fort über Berg und Thal und freut sich, wenn ihn Wolken verhüllen, denn wenn sich ein Christ, der ihn erblickt, des Juden erbarmt oder diesen selbst peinigen will und ihm znruft: „Laß ab, laß ab, er gehört mir!" dann muß er sein Opfer fallen kaffen, und er hat sich für dieses Jahr umsonst bemüht und gespäht. Der Jude füllt dann zur Erde, gut, wenn auf sumpfigen Boden, denn sonst verfällt er ohne Nutzen, weder für sich noch den Teufel! Harko und der Müller schwiegen jetzt. Beide fröstelte und durchschauerte es. Der Himmel war klar, nur zwischen Wald und Mond da oben zeichnete sich ein Wölkchen ab. Der Müller blickte danach hin, und siehe, obgleich kein Lüftcheir sich regte, kein Blatt a» den Bäumen sich rührte, — das Wölkchen flog wie ein Vogel geradeaus von der Stadt. , Auch Harko fand es auffällig. „Der ist's," sagte er, „er kommt direkt aus der Stadt!" Der Müller erzitterte, dann ermannte er sich, da es Zeit zum Ausbruch war. Er hatte eine größere Summe Geldes bei sich, die er dem Juden schuldete und abtragen wollte. Nun er ihn aber nicht angetroffen hatte, wollte er sie dem in seinen Augen wenig zuverlässigen Harko trotz deffen wiederholten Anerbietens nicht anverlrauen, und gestehen wir es nur, ganz im Grunde seines Herzens tauchte